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Sexualstrafrecht : Gina-Lisa Lohfink, Brock Turner und unser schiefer Blick auf Vergewaltigung

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Wie sprechen wir über Vergewaltigung? Ein Fall aus Deutschland, einer aus den USA. Ein Blick in die Filterblase von Redakteurin Barbara Maas.

Seit ungefähr einer Woche läuft meine Social-Media-Filterblase mit Beiträgen über Vergewaltigungen voll. Ich fand Algorithmen noch nie so anstrengend wie in den vergangenen Tagen – jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.

Wer Fußball liebt, dem spülen Facebook und Twitter gerade wahrscheinlich noch viel, viel mehr Boateng und Schweini, Beckmann und Kahn in die Timeline als mir. Ich interessiere mich nur bedingt für die EM - aber dafür unter anderem für Feminismus. Ich bin mit vielen Frauen vernetzt. Also lese ich noch mehr Artikel, in denen es darum geht, wie man seine Söhne nicht zu Vergewaltigern erzieht. Oder was eigentlich „einvernehmlicher Sex“ bedeutet – auf Englisch „consent“. Und was das alles für unsere Gesellschaft heißt – in Deutschland, in den USA, weltweit.

Ich finde diese Fragen nicht nur anstrengend, sondern vor allem wichtig. Die Posts rotieren vor allem um zwei Fälle. In dem einen geht es um Gina-Lisa Lohfink - ein Promi-Sternchen, das für die Justiz plötzlich nicht mehr mutmaßliches Opfer, sondern mutmaßliche Täterin ist. In dem anderen um Brock Turner - einen sportlichen und aufstrebenden Elite-Studenten, der wegen Vergewaltigung verurteilt wird und von seinen Fürsprechern trotzdem als Opfer inszeniert wird.

Der Fall Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink war sechs Jahre lang vollkommen aus meinem Leben verschwunden. 2008 wurde sie als Kandidatin bei „Germany’s Next Top-Model“ berühmt – vor allem für ihre wasserstoffblonden Extensions und ihren naiv-fröhlichen Spruch „Zack – die Bohne“. Das war mir ziemlich egal.

Jetzt kämpft Gina-Lisa Lohfink vor Gericht - und das ist alles andere als egal. Sie sagt, sie sei im Juni 2012 vergewaltigt worden. Ein Gericht findet, es war nur Sex.

Der Stern hat Lohfinks Sicht auf die Dinge im Detail aufgeschrieben: Sie feiert in einer Diskothek, dann geht sie mit zwei Männern nach Hause. Die beiden dokumentieren vieles von dem, was sie machen, im Video. Gina-Lisa Lohfink ist weggetreten und wimmert: „Nein, hör auf“. Später sagt sie, dass sie sich an nichts erinnern kann. Die beiden Männer versuchen, das Videomaterial zu verkaufen. Lohfink zeigt die Männer an – das Verfahren wegen Vergewaltigung stellt die Berliner Staatsanwaltschaft ein, wegen der unerlaubten Veröffentlichung der Videos gibt es einen Strafbefehl. Den bekommt Gina-Lisa Lohfink im Herbst 2015 auch - wegen falscher Verdächtigung. Sie soll 24.000 Euro zahlen. Sie wehrt sich vor Gericht. Das Urteil des Amtsgerichts Tiergarten wird am 27. Juni erwartet.  

Zum Verhängnis wird Gina-Lisa Lohfink offenbar auch das, was sie zwischen der dritten GNTM-Staffel und dem Gerichtsprozess gemacht hat – zum Beispiel Nacktfotos für das Männermagazin „Penthouse“ und Werbung für die Erotik-Messe Venus. Sie inszeniert sich als Sex-Objekt. Und immer wieder schwingt das in den Diskussionen mit: Ihre Brüste sind groß, ihre Röcke kurz – also wird sie den Sex doch wohl gewollt haben? In den USA gibt es dafür einen Namen: „Rape Culture“.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, aber: Es ist vollkommen egal, wie eine Frau aussieht und was sie sonst im Leben macht. „Nein“ heißt „Nein“ – alles andere ist eine Vergewaltigung. Nur: Juristisch ist die Lage in Deutschland derzeit nicht so einfach. Einem Vergewaltiger muss nachgewiesen werden, dass er sich vorsätzlich über den erklärten Willen seines Opfers hinweggesetzt hat. Und er muss das Opfer genötigt haben - mit Gewalt, Drohung oder die Ausnutzung einer schutzlosen Lage. Genau um diese Details geht es im Fall Gina-Lisa Lohfink.

Hinter dem Hashtag #teamginalisa versammeln sich auf Twitter und Facebook Männer und Frauen. Zum Beispiel der Stern-Chefredakteur Philipp Jessen oder Anne Wizorek, die auf Twitter mit dem Hashtag #aufschrei bekannt wurde.

Eine politische Komponente bekommt der Fall, als sich Familienministerin Manuela Schwesig einschaltet. Die Verschärfung des Sexualstrafrechts ist außerdem seit der Kölner Silvesternacht Thema im Bundesjustizministerium von Heiko Maas.

 

 

Der Fall Brock Turner

In US-Medien ist derzeit die Aufregung um eine Vergewaltigung groß: Der 19-jährige Brock Turner, Star-Schwimmer der Elite-Hochschule Stanford, vergeht sich im Januar 2015 nach einer Party an einer 22-jährigen Frau, die bewusstlos ist. Beide sind betrunken. Zwei Studenten bemerken die Vergewaltigung, sind Zeugen. Am Ende des Verfahrens verhängt der Richter eine sechsmonatige Haftstrafe. Angesichts der milden Strafe bricht sich die Empörung im Netz Bahn.

Inzwischen kursieren immer neue offene Briefe, Statements und Gerichtsdokumente: Von Brock Turners Vater, der schreibt, sein Sohn sei „nicht gewalttätig“ und müsse jetzt für „eine Handlung von 20 Minuten“ büßen. Die Stanford-Professorin Michele Dauber zum Beispiel regiert darauf fassungslos:

 

In Stanford protestieren Studenten gegen das Urteil.

 

Brock selbst sagt, er wolle anderen jungen Menschen im Kampf gegen Alkohol und die „Party-Kultur“ helfen. Seine Mutter schrieb dem Richter, eine Freiheitsstrafe käme für ihren Sohn, der doch so viele Ambitionen gehabt habe, einem „Todesurteil“ gleich.

Das Opfer kommt auch zu Wort: Buzzfeed veröffentlichte die Erklärung, die sie vor Gericht verlas. Sie beginnt mit den Worten: „Du kennst mich nicht, aber du warst in mir, und deshalb sind wir heute hier.“ Die junge Frau schildert offen ihr Leid des vergangenen Jahres.

Zwei Dinge bringen viele Menschen zum Kochen. Erstens ist das die Mischung aus Selbstmitleid und totaler Verweigerung, die Vergewaltigung anzuerkennen, mit denen Brock Turners Familie auftritt. Es gibt sogar eine Unterstützer-Seite bei Facebook.

 

Zweitens kritisieren viele, dass gegen Brock Turner ein so mildes Urteil fiel, weil er eben privilegiert sei: männlich, weiß, aus gutem Haus und ein verheißungsvolles Schwimm-Talent.

 

Die Schauspielerinnen der US-Serie „Girls“ beziehen in einer Video-Botschaft Stellung. Ihre Botschaft: „Sie ist jemand.“ Ein Satz, der immer gilt. Auch - leider glaube ich, das betonen zu müssen - für Gina-Lisa Lohfink.

 
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erstellt am 13.Jun.2016 | 19:31 Uhr

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