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Kriminalstatistik : Gewalt gegen Kinder fordert jede Woche drei Todesopfer

vom
Aus der Onlineredaktion

Vernachlässigt, missbraucht, getötet - laut Kriminalstatistik werden durchschnittlich fast drei Kinder pro Woche getötet. Die Taten werden auch dort verübt, wo Kinder eigentlich geschützt sein sollten.

Berlin | Erschreckende Zahlen: In Deutschland sind im vergangenen Jahr 130 Kinder getötet worden, also durchschnittlich fast drei pro Woche. Vier von fünf Opfern (81 Prozent) waren zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes jünger als sechs Jahre, sehr oft sogar unter zwei Jahre alt. Hinzu kamen 52 Tötungsversuche, wie aus der am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik zu kindlichen Gewaltopfern hervorgeht.

Die Zahl körperlicher Misshandlungen von Kindern sank zwar im Vergleich zu 2014 um sechs Prozent, aber es waren immer noch mehr als 3900 Kinder davon betroffen. Auch bei der sexuellen Gewalt gegen Kinder wurde 2015 ein geringfügiger Rückgang von 3,24 Prozent auf knapp 14.000 Fälle verzeichnet - 270 betroffene Kinder pro Woche oder 38 pro Tag, hob der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, hervor. Insgesamt bewege man sich hier „auf einem gleichbleibend hohen Niveau“. Die aktuellen Zahlen zu allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder unter 14 Jahren beschrieben jedoch „nur das sogenannte Hellfeld der Kriminalität“, so Münch weiter. „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Taten unentdeckt bleiben.“

Aufsehenerregende Fälle der vergangenen Jahre

Im Dezember 2015 wurde der Fall Tayler in Hamburg bekannt: Der zwölf Monate alte Junge wurde vermutlich durch Schütteln erheblich verletzt. Eine Woche später starb er im Uniklinikum Eppendorf. Dem Jugendamt Hamburg-Altona wurden Versäumnisse vorgeworfen. Taylers Familie war von dem Amt vor seinem Tod betreut worden. Gegen die 23 Jahre alte Mutter und ihren Freund wird wegen eines Tötungsdelikts ermittelt.

In einem beispiellosen Gewaltexzess quälte ein Vater im Oktober 2015 seinen 19 Tage alten Sohn und ermordete ihn. Dafür verurteilte ihn das Landgericht Mönchengladbach am vergangenen Dienstag zu lebenslanger Haft. Laut Richter quälte der 26-Jährige aus „maßloser Selbstsucht und Eifersucht“ den Säugling stundenlang, setzte sich auf das Köpfchen und missbrauchte ihn „in einem barbarischen Akt“ sexuell.

Eine 32-jährige Mutter stieß im Oktober 2015 ihren elf Jahre alten Sohn in einer Hamburger S-Bahnstation vor einen einfahrenden Zug. Der Junge wurde lebensgefährlich verletzt. Am vergangenen Montag wurde die Mutter unter anderem wegen versuchten Totschlags verurteilt und auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie eingewiesen.

Das Flüchtlingskind Mohamed wurde im Oktober 2015 vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) entführt, missbraucht und später ermordet. Seine Leiche wurde im Auto eines Mannes gefunden, dem nun vor dem Landgericht Potsdam der Prozess gemacht werden soll. Der Beschuldigte gab später auch den Mord an Elias aus Potsdam zu. Die Polizei fand die Leiche des Sechsjährigen daraufhin im Garten des Mannes. Der Beschuldigte übte nach Erkenntnissen der Ermittler vor den Verbrechen an einer Puppe den Kindesmissbrauch.

Ein junger Mann leistete 2015 seinen Bundesfreiwilligendienst in einem Kindergarten und missbrauchte dabei mehrere Mädchen. Ein Gericht in Darmstadt (Hessen) verurteilte ihn in der vergangenen Woche zu drei Jahren Gefängnis. „Sie haben Vertrauen missbraucht“, sagte der Richter in der Begründung. „Ein Kindergarten ist ein geschützter Bereich.“

Eine Mutter aus Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) verkaufte ihre zehnjährige Tochter und ihre 15 Jahre alte Schwester zum sexuellem Missbrauch an Männer. Die Freier drehten Missbrauchs-Videos und stellten die Filme ins Internet. 2015 wurden die Mutter und zwei Männer zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die dreijährige Yagmur starb kurz vor Weihnachten 2013 in der Hamburger Wohnung ihrer Eltern an den Folgen schwerer Misshandlungen durch die Mutter. Die Frau wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Kind war seit seiner Geburt von Jugendämtern betreut worden. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss deckte zahlreiche Fehler der Behörden im Umgang mit Yagmur auf.

Eine Mutter in Flensburg traf im Mai 2012 auf einer Party einen Mann, ging mit ihm und ließ ihren vierjährigen Sohn wochenlang allein. Der eingesperrte Junge trank und aß, was er in der Wohnung fand. Er kotete sich ein, bis sich die Beine entzündeten. Wegen versuchten Totschlags sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen wurde die Mutter im Mai 2016 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

 

Die Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann von der Fachhochschule Koblenz bilanzierte: „Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland ein Alltagsphänomen.“ In vielen Tötungs-, Gewalt- und Missbrauchsfällen seien die Täter Menschen, die den Opfern nahestehen - also Verwandte oder Freunde der Familie, sagte der BKA-Chef. Bei sexueller Gewalt gebe es eine relativ hohe Aufklärungsquote, weil die Kinder ihre Peiniger oft kennen - aber auch eine hohe Dunkelziffer im familiären Umfeld, weil die Taten dort häufig verborgen werden.

Im Einzelnen wurden bundesweit 16 Morde an Kindern registriert, zudem 38 Totschlagsdelikte, 68 Fälle fahrlässiger Tötung und acht Körperverletzungen mit Todesfolge. Die Gesamtzahl lag wieder deutlich über der von 2014 (108), „aber mittelfristig ist der Trend ein durchaus abnehmender“, sagte Münch. So wurde die höchste Fallzahl der vergangenen zehn Jahre 2006 registriert (202 Tötungsdelikte), auch 2012 (167) und 2013 (153) lag sie höher als im Vorjahr.

Die BKA-Statistik weist für 2015 beim Menschenhandel 68 Fälle mit 77 minderjährigen Opfern aus. Oft landeten diese Kinder und Jugendlichen in der Zwangsprostitution. Immerhin - beim zuletzt stark diskutierten Thema Flüchtlingskinder konnte Münch Entwarnung geben: Man habe zwar eine hohe Zahl unbegleiteter junger Menschen und erhebliche Probleme mit ihrer Erfassung, aber nach Recherchen der Landeskriminalämter gebe es derzeit „keine Erkenntnisse, dass Flüchtlingskinder Opfer von Menschenhandel werden“. Der BKA-Chef räumte zugleich ein: „Wir haben da leider ein Feld, das wir schwer überblicken können.“ Dies gilt auch - wegen immer größerer Datenmengen im Internet - für Kinderpornografie: Im Vergleich zum Jahr 2000 wurden 2015 zweieinhalb mal so viele Fälle registriert. Über den Erfolg der Polizei in diesem Kriminalitätsfeld sagte Münch, es sei „ein Katz- und Mausspiel. Wir melden viel, wir löschen viel. Dennoch muss man feststellen: Eine erhebliche Reduzierung kinderpornografischer Angebote im World Wide Web können wir nicht feststellen.“ Möglicherweise sei aber „die Tatsache, dass es nicht mehr wird, auch schon ein Erfolg“.

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erstellt am 01.Jun.2016 | 13:56 Uhr

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