Leichenwagen-Konvoi fährt an Schule vorbei : Germanwings-Absturz: Schwerer Abschied in Haltern am See

Leichenwagen mit Särgen der Opfer des Germanwings-Absturzes fahren in Haltern am See am Joseph-König-Gymnasium vorbei.
1 von 4
Leichenwagen mit Särgen der Opfer des Germanwings-Absturzes fahren in Haltern am See am Joseph-König-Gymnasium vorbei.

Zweieinhalb Monate nach dem Unglück in den französischen Alpen sollen Ende dieser Woche die ersten Opfer beerdigt werden. Was seit dem Absturz geschah.

Avatar_shz von
10. Juni 2015, 17:20 Uhr

Düsseldorf | Ihre Angehörigen können nun Abschied nehmen: Zweieinhalb Monate nach der Germanwings-Katastrophe in den französischen Alpen sind 16 Schüler, ihre beiden Lehrerinnen sowie 26 weitere Opfer nach Deutschland zurückgebracht worden. Ein Konvoi aus weißen und schwarzen Leichenwagen fuhr nach Haltern am See - die Spanischschüler der zehnten Klasse stammten aus der Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Angehörige der insgesamt 44 zurückgebrachten Toten nahmen am Mittwoch, abgeschottet von der Öffentlichkeit, die Särge mit den sterblichen Überresten am Düsseldorfer Flughafen in einer Zeremonie in Empfang.

Das Flugzeug war am 24. März auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellt, nachdem der Copilot absichtlich den Sinkflug eingeleitet haben soll. Alle Insassen des Germanwings-Fluges 4U9525 kamen ums Leben.

Der Konvoi wurde gesäumt von einer Polizei-Eskorte und Wagen mit Angehörigen. In Haltern fuhren die Fahrzeuge am Joseph-König-Gymnasium vorbei, in dem die Jugendlichen zur Schule gingen. Zahlreiche Menschen mit weißen Rosen und Grablichtern in den Händen drückten am Straßenrand ihre Anteilnahme aus. Unter ihnen waren viele Schüler des Gymnasiums, die sich an den Händen hielten und Tränen in den Augen hatten.

Trauerflor und ein schwarzer Balken sind am Ortseingangsschild von Haltern am See (Nordrhein-Westfalen) angebracht.
dpa
Trauerflor und ein schwarzer Balken sind am Ortseingangsschild von Haltern am See (Nordrhein-Westfalen) angebracht.

Auf dem Düsseldorfer Flughafen war am späten Dienstagabend eine Sondermaschine der Lufthansa mit den sterblichen Überresten von 44 Opfern des Germanwings-Unglücks gelandet. Es war die erste Maschine, die sterbliche Überreste der Opfer aus Frankreich nach Deutschland brachte.  Nach der Landung rollte die Maschine in eine nicht einsehbare Halle. Am Gedenkort für die Opfer am Flughafen standen Blumen und Pinnwände mit Zetteln, auf denen Menschen ihre Anteilnahme mit den Angehörigen ausdrückten.

Am kommenden Montag (15. Juni) setzt die Lufthansa die Überführung der Todesopfer fort. Dann werde eine Sondermaschine von Marseille nach Barcelona starten, sagte ein Sprecher der Airline am Mittwoch in Frankfurt.

Mit Blick auf die vergangenen Wochen kritisierte eine Therapeutin aus dem Betreuerteam der Hinterbliebenen, dass für die Angehörigen ein zentraler Ansprechpartner fehle. „Es gibt eine Sache, die eindeutig schiefgelaufen ist“, sagte Sybille Jatzko der „Berliner Zeitung“ vom Mittwoch. Es fehle ein Ombudsmann, bei dem die Informationen gebündelt werden und der sie dann verbreite, damit alle Hinterbliebenen den gleichen Nachrichtenstand hätten. Die Angehörigen hätten nicht die Kraft, sich selbst um alles zu kümmern. „Nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg gab es so einen Ansprechpartner, das hat gut funktioniert“, sagte Jatzko über das Techno-Festival, bei dem vor fast fünf Jahren 21 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Jatzko bereut seit der Flugtag-Katastrophe von Ramstein im Jahr 1988 traumatisierte Hinterbliebene.

Am Donnerstag treffen Angehörige der Opfer in Paris den leitenden französischen Ermittler Brice Robin. Der Staatsanwalt von Marseille will sie unter anderem über den Stand der Ermittlungen informieren.

Was seit dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen geschah :

26. März: Die Auswertung des Stimmenrekorders nährt den Verdacht, dass Copilot Andreas Lubitz den Airbus mit Absicht in die Katastrophe gesteuert hat. Der Pilot sei aus dem Cockpit ausgesperrt gewesen.
27. März: Ermittler berichten von zerrissenen Krankschreibungen des Copiloten, auch für den Absturztag. Den Hinterbliebenen sagt die Lufthansa eine Soforthilfe von jeweils bis zu 50.000 Euro zu.
30. März: Es wird offiziell mitgeteilt, dass der Copilot vor Jahren als suizidgefährdet eingestuft wurde und in Psychotherapie war.
31. März: Laut Lufthansa wusste ihre Verkehrsfliegerschule während der Ausbildung des Copiloten von einer früheren Depression. Lufthansa zufolge stellen Versicherungen für Kosten der Katastrophe 278 Millionen Euro zurück.
2. April: Einsatzkräfte finden auch den Flugdatenschreiber. Laut Staatsanwaltschaft Düsseldorf informierte sich Lubitz im Internet über Wege der Selbsttötung und den Schutz von Cockpittüren.
3. April: Die Analyse der zweiten Blackbox ergibt, dass der Copilot den Airbus bewusst in den Sinkflug brachte und dabei beschleunigte.
17. April: Bei einer Trauerfeier mit 1400 Gästen im Kölner Dom gedenken Angehörige und die Staatsspitze der Opfer des Absturzes.
6. Mai:

Zwischenbericht der französischen Ermittler: Demnach hatten alle Handlungen des Copiloten nur ein Ziel - „das Flugzeug auf den Boden stürzen zu lassen“. Bereits auf dem Hinflug nach Barcelona hatte er mehrfach eine zu niedrige Flughöhe gewählt.

19. Mai: Nach der Identifizierung gibt der Staatsanwalt in Marseille die Leichen zur Beerdigung frei. Die Überführung der deutschen Opfer verzögert sich, was bei den Angehörigen Unmut auslöst.
8. Juni: Ermittlern zufolge hat der Copilot in den zwei Jahren vor der Katastrophe Dutzende Ärzte wegen mehrerer Probleme aufgesucht.
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen