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Nach Tod der Studentin : Gerichtsmediziner: Tugce starb an Hirnblutung durch Aufschlag

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Warum musste Tugce sterben? Diese Frage soll am Mittwoch vor Gericht geklärt werden. Ein Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter wurde abgelehnt.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2015 | 10:24 Uhr

Darmstadt | Die Studentin Tugce ist nach Angaben eines Rechtsmediziners an einer Hirnblutung gestorben, die durch den harten Aufschlag ihres Kopfes auf den Boden ausgelöst wurde. Auch eine rasche Operation hätte die 22-Jährige nicht retten können, sagte der Gutachter Marcel Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni-Klinik Frankfurt, am Mittwoch vor dem Landgericht Darmstadt.

Der 18 Jahre alte Angeklagte Sanel M. gab zu, der Studentin im November 2014 vor einem Schnellrestaurant in Offenbach eine heftige Ohrfeige gegeben zu haben. Die 22-Jährige fiel nach hinten um, schlug mit dem Kopf auf und starb später im Krankenhaus. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge.


Der Experte sagte, eine Ohrfeige könne einen kurzen Blackout ausgelöst haben, so dass Tugce möglicherweise ohne Abwehrreaktion hingefallen sei. „Grundsätzlich ist eine Ohrfeige dazu in der Lage, wenn sie fest geschlagen ist.“

Nach Darstellung Verhoffs muss die Studentin beim Aufprall auf einen Gegenstand aufgeschlagen sein. Dabei könnte es sich um einen Ohrring gehandelt haben. „Es hat sich eine drei Zentimeter lange Kante in den Kopf hineingebohrt, wo der Schädel dünn ist“, sagte der Professor.„Der Ohrring hat eine solche Kante.“ Dies habe aber nicht zu der Hirnblutung geführt.

Bald soll im Prozess das Urteil fallen. Das Landgericht Darmstadt kündigte an, noch am Mittwoch die Beweisaufnahme schließen zu wollen. Dann könnte am nächsten Verhandlungstag, dem 12. Juni, plädiert und vier Tage später das Urteil verkündet werden. Ein Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Vorsitzenden Richter Jens Aßling wurde abgelehnt. Das Verfahren konnte somit am Vormittag wie erwartet weitergehen. Aßling habe die gebotene Unparteilichkeit nicht verletzt, begründete ein Beisitzer der Kammer die Entscheidung.

 

Der Tod der jungen Frau löste große Anteilnahme aus. Von ihren Anhängern wird Tugce verehrt, weil sie kurz vor dem tödlichen Schlag auf der Toilette des Fast-Food-Restaurants Zivilcourage gezeigt und zwei Mädchen geholfen haben soll, die von Sanel M. und Freunden belästigt worden sein sollen. Doch dazu gab es unterschiedliche Zeugenaussagen.

Die Verteidigung hatte den Befangenheitsantrag damit begründet, dass Aßling in einem Schreiben an das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt die Ereignisse, die in einem Tat-Video vom Parkplatz in Offenbach zu sehen sind, verzerrt dargestellt habe. Außerdem seien die Akten nicht vollständig gewesen. Über den Antrag hat ein Mitglied einer anderen Strafkammer des Landgerichts zusammen mit den Beisitzern aus der Tugce-Kammer entschieden.

Die Kammer verlas mehrere Urteile des Amtsgerichts Offenbach aus den zurückliegenden Jahren, in denen Sanel M. strafrechtlich in Erscheinung getreten war. Er erhielt Verwarnungen, Jugendarrest und musste soziale Arbeit leisten. Unter anderem hatte Sanel M. einem Jungen unvermittelt ein erhitztes Feuerzeug in den Nacken gedrückt. In anderen Fällen brach er mit Freunden einen Kiosk auf und nahm anderen Handys ab.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes Offenbach schilderte den schulischen Werdegang des Angeklagten und die Verhältnisse im Elternhaus. Die Eltern hätten sich Rat geholt, weil Sanel M. Schwierigkeiten gemacht habe. Zu Lehrern sei er respektlos gewesen. Sanel M. beendete die Hauptschule mit Abschluss.

Zur Überraschung der Kammer wollte der Mitarbeiter keine Einschätzung abgeben, ob Sanel M. in seiner Entwicklung eher als Erwachsener oder als Jugendlicher zu sehen sei. Wenn Sanel M. nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, ist eine Bewährungsstrafe möglich. Der Vertreter des Jugendamtes riet zu einer Therapie. Sanel M. habe mitunter Probleme, Folgen von Gewalt einzuschätzen. „Ich denke, dass er die Opfer-Perspektive nicht besonders gut einnehmen kann.“

Eine Chronologie des Falls:

15. November 2014

Die 22-Jährige wird nach einem Streit auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants mit einem Schlag niedergestreckt. Sie schlägt mit dem Kopf auf dem Boden auf. Ein 18-Jähriger wird festgenommen. Tugce soll versucht haben, einen Streit zu schlichten.

26. November 2014

Nach tagelangem Koma im Krankenhaus stellen Ärzte den Hirntod der jungen Frau fest.

28. November 2014

Tugces Eltern lassen die lebenserhaltenden Apparate abschalten - am 23. Geburtstag ihrer Tochter. Vor der Klinik in Offenbach versammeln sich etwa 1500 Menschen und nehmen Abschied.

1. Dezember 2014

Die Polizei findet die Mädchen, denen Tugce vor der tödlichen Attacke geholfen haben soll. Nach einer Obduktion bleibt zunächst unklar, ob die Studentin an dem Schlag oder dem folgenden Sturz starb.

3. Dezember

Die junge Frau wird beigesetzt.

3. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Sie wirft dem mutmaßlichen Schläger Körperverletzung mit Todesfolge vor.

24. April 2015

Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Darmstadt räumt der Angeklagte den Angriff auf Tugce ein. Im weiteren Verlauf des Verfahrens berichten Zeugen von Beleidigungen auf beiden Seiten.

29. Mai 2015

Die Verteidiger des mutmaßlichen Schlägers halten den Vorsitzenden Richter für befangen. Das Verfahren wird aber zunächst fortgesetzt.

3. Juni

Der Befangenheitsantrag gegen den Richter wird abgelehnt, die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Nach dem Gutachten eines Rechtsmediziners starb Tugce an einer Hirnblutung. Sie sei Folge eines schweren Sturzes gewesen.

10. Juni

Das Oberlandesgericht Frankfurt verwirft eine Beschwerde gegen die Untersuchungshaft für den Angeklagten. Weil Sanel M. in Deutschland massiv bedroht werde, sei zu befürchten, dass er sich ins Ausland absetze, heißt es unter anderem in der Begründung.

12. Juni

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Die Verteidigung plädiert auf eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Sanel M. sagt in seinem Schlusswort, die Tat tue ihm leid.

16. Juni

Der Angeklagte muss für drei Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Darmstadt spricht ihn der Körperverletzung mit Todesfolge nach dem Jugendstrafrecht schuldig.

 
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