Geiselnahme von Gladbeck 1988 : Geiselnehmer Dieter Degowski aus Gefängnis entlassen

Der Entführer Dieter Degowski steht in einem gekaperten Bus in Bremen.

Der Entführer Dieter Degowski steht in einem gekaperten Bus in Bremen.

Der Geiselnehmer wurde nach 30 Jahren aus der JVA Werl entlassen. Er erhält eine neue Identität.

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16. Februar 2018, 17:56 Uhr

Fast 30 Jahre nach einem der spektakulärsten Verbrechen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte ist der Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski wieder frei. Er hatte nach der Geiselnahme im Jahr 1988 eine lebenslange Haftstrafe erhalten. Wegen der „besonderen Schwere der Schuld“ wurde diese auf mindestens 24 Jahre festgelegt. Zunächst hatte die „Bild“-Zeitung über die Freilassung vom Donnerstag berichtet.

Rückblende

Am Morgen des 16. August 1988 stürmen Degowski und Rösner schwer bewaffnet eine Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Sie nehmen zwei Geiseln und fordern einen Fluchtwagen sowie 420 000 D-Mark. Schon bald geben sie Journalisten ein erstes Interview. Kurz nachdem die Gangster am Abend mit Geiseln und Geld losfahren, steigt Rösners Freundin zu. Am nächsten Tag kapern die Gangster in Bremen einen Linienbus und nehmen rund 30 Geiseln. Sie geben weitere Interviews und lassen mehrere Geiseln frei.

Als die Polizei Rösners Freundin vorübergehend festhält, erschießt Degowski einen 15-Jährigen. Bei der weiteren Verfolgung verunglückt ein Polizist tödlich. Die Verbrecher lassen den Bus stehen und flüchten mit zwei Bremer Geiseln in einem Auto. Ein Journalist fährt in Köln sogar ein Stück mit. Am Mittag des 18. August greift ein Spezialeinsatzkommando auf der Autobahn bei Bad Honnef zu. Eine 18-jährige Frau stirbt an einer Kugel aus Rösners Waffe.

Im März 1991 werden Rösner und Degowski am Landgericht Essen verurteilt. Anträge auf Hafterleichterungen und Gnadengesuche werden lange Zeit abgelehnt. Die Polizei überarbeitet nach dem Fall ihre Einsatztaktik für solche Szenarien. Die Medien werden wegen mangelnder Zurückhaltung massiv kritisiert - das Gladbecker Geiseldrama ist auch ein Wendepunkt beim Umgang von Medien mit solchen Schwerverbrechen. Der Deutsche Presserat legt später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf.

Im Jahr 2016 ging Rösner gegen die Verfilmung der Geiselnahme vor.

Nachdem das Oberlandesgericht Köln seine Klage abgewiesen hatte, gab er den Widerstand auf. Die Richter entschieden: Angesichts der spektakulären, in Deutschland einzigartigen Tat, die mit dem Namen dieser Täter verbunden sei, habe Rösner keinen Anspruch, einen Film darüber zu verbieten.

Das Erste erinnert nun mit dem Zweiteiler „Gladbeck“ am 7. und 8.

März (20.15 Uhr) an die Geiselnahme. Im Anschluss an den zweiten Teil zeigt der Sender die Dokumentation „Das Geiseldrama von Gladbeck - Danach war alles anders“. Darin kommt auch Tatiana De Giorgi zu Wort, die Schwester des getöteten Jungen. „Ich habe mich danach völlig verändert. Ich verschloss mich in mir selbst, schlief nachts nicht mehr. Bis heute wache ich nachts von meinen Albträumen auf, weil meine Hände und Beine so stark zittern“, sagt die 39-Jährige.

Im November 2017 hatte ein Rechtsausschuss dem Landtag Nordrhein-Westfalen bestätigt, dass es eine „äußerst geringe Wahrscheinlichkeit“ gebe, dass der Verurteilte vergleichbare Delikte noch einmal begehe, heißt es in dem Bericht weiter. Am Donnerstag sei Degowski aus der JVA Werl entlassen worden. Dieter Degowski sei „nachgereift, psychisch stabil“ und „alkohol- und suchtmittelfrei“, hieß es.

Neuer Name für die Wiedereingliederung

Die Freilassung sei umfassend geprüft worden, teilte das zuständige Landgericht Arnsberg im November mit. Die zuständige Kammer habe Gutachten und Stellungnahmen eingeholt und sich den positiven Prognosen angeschlossen, so das Gericht weiter. Degowski wird einen neuen Namen erhalten, um ihm die Wiedereingliederung zu erleichtern.

Das Landgericht Arnsberg hatte die JVA Werl bereits 2013 aufgefordert, Degowski schrittweise auf die Entlassung vorzubereiten. Daraufhin hatte er zunächst begleitete und später unbegleitete Ausgänge ohne Beanstandungen bewältigt.

Was ist 1988 passiert?

Degowski und sein um ein Jahr jüngerer Komplize Hans-Jürgen Rösner hatten im August 1988 die Republik in Atem gehalten: Drei Tage lang flüchtete das Duo nach einem missglückten Bankraub in Gladbeck mit Geiseln quer durch Deutschland – Drei Menschen starben. Nach dem Ende des Geiseldramas wurden Degowski und Rösner zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei Degowski wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt.

Rösner, für den auch Sicherungsverwahrung angeordnet wurde, sitzt weiterhin im Gefängnis. Auch er strebt eine vorzeitige Entlassung an und wolle zunächst in den offenen Vollzug, sagte sein Anwalt. Rösner hat dazu eine Therapie erhalten, die Haftanstalt hält dies für einen ersten Schritt. Er bereue seine Taten, so der Anwalt. Auch Degowski hatte vor seiner Entlassung eine Therapie absolviert.

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August 1988 in Köln von Journalisten umringt.
Hartmut Reeh
Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August 1988 in Köln von Journalisten umringt.
 

Das Essener Landgericht hatte am 22. März 1991 nach 109 Verhandlungstagen das Urteil verkündet. Degowski und Rösner wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, Degowski mit besonderer Schwere der Schuld, Rösner mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der sitzt nach wie vor im Gefängnis – zuletzt in der JVA Aachen.

Das 54-stündige Drama hatte sich über Hunderte Kilometer vor den Augen der Öffentlichkeit abgespielt. In der Kölner Fußgängerzone gaben die Schwerverbrecher während der Tat Interviews – dafür mussten die Medien viel Kritik einstecken. Der Deutsche Presserat legte danach fest, dass während der Tat mit Straftätern keine Interviews geführt werden sollten.

Am Ende des Gladbecker Geiseldramas waren zwei erschossene junge Geiseln und ein toter Polizist zu beklagen. Es war Degowski, der an der Raststätte Grundbergsee den 15-jährigen Emanuele De Giorgi erschoss, weil die Polizei die Freundin Rösners festgenommen und nicht rasch genug wieder freigelassen hatte. Dass er den jungen Italiener für den Mord auswählte, der sich noch schützend vor seine kleine Schwester gestellt hatte, hatte der Sonderschüler mit seiner Ausländerfeindlichkeit begründet. Rösner war es, der die 18-jährige Geisel Silke Bischoff erschoss – möglicherweise genau in dem Moment, als er selbst von einer Polizeikugel getroffen wurde.

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dpa
 

Nach 54 quälenden Stunden erfolgte der Zugriff einer Spezialeinheit bei Bad Honnef – die Gangster hatten Köln verlassen und wollten nach Frankfurt. Die Beamten hatten die Fernbedienung vergessen, mit der sie den Motor der schweren Flucht-Limousine ausschalten wollten. Sie mussten den Wagen in einem waghalsigen Manöver bei Tempo 100 auf der Autobahn rammen. Es kam zu einer heftigen Schießerei, bei der Silke Bischoff starb.

Das Urteil beinhaltete eine Reihe weiterer Straftaten, die während des Geiseldramas begangen wurden. So etwa mehrere Mordversuche an Polizisten, oder an Menschen, die die Gangster dafür hielten. Unter anderem war auch ein dpa-Reporter von ihnen beschossen worden.

In der Folge tagten in Bremen und Düsseldorf Parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer (SPD) trat wegen des Geiseldramas zurück. Die Polizei organisierte sich für solche Ereignisse neu.

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