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Geiselgangster bleibt hinter Gittern

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25 Jahre nach dem Drama von Gladbeck: Gericht lehnt kurzfristige Haftentlassung von Dieter Degowski ab

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erstellt am 15.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Werl/Arnsberg | Die Ziegelmauern sind gut einen halben Meter dick und etwa fünfeinhalb Meter hoch. Der preußische Kreuzbau am Stadtrand von Werl in Westfalen ist eines der größten Gefängnisse Deutschlands. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die Justizvollzugsanstalt das "Zuhause" des Gladbecker Geiselgangsters und Mörders Dieter Degowski. Und sie wird es wohl noch über Jahre bleiben, entschied die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Arnsberg gestern. Der 57-Jährige soll aber langsam auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden. "Entlassungsvorbereitungen" seien nötig, weil bei Degowski bisher nur wenige Lockerungen im Vollzug umgesetzt worden seien, sagte ein Gerichtssprecher. Das Ganze sei ein mehrjähriger Prozess.

Degowski hatte gemeinsam mit seinem Komplizen Hans-Jürgen Rösner im August 1988 die Republik drei Tage lang in einen Schockzustand versetzt. Nach einem Bankraub in Gladbeck floh das Duo durch mehrere Bundesländer bis in die Niederlande. In einem in Bremen entführten Linienbus erschoss Degowski den 15 Jahre alten Emanuele De Giorgi. Eine zweite Geisel, die 18-jährige Silke Bischoff, wurde später durch eine Kugel aus Rösners Waffe bei der Flucht getötet. Außerdem verunglückte ein Polizist während des Einsatzes tödlich. Mehrere Menschen wurden verletzt. Das Verbrechen wirkt auch wegen des umstrittenen Verhaltens von Medien bis heute nach. Angehörige der Opfer hatten sich gegen eine Freilassung Degowskis ausgesprochen.

Seine Anwältin Lisa Grüter gab sich nach dem Anhörungstermin in Werl gelöst. "Die Kammer hat deutliche Worte dafür gefunden, dass die Vorbereitung auf die Entlassung beginnen soll", sagte sie, als sie die Sicherheitsschleuse am Besuchereingang der JVA verließ. Sie rechnet nun damit, dass es noch bis zu drei Jahre dauern könnte, in denen ihr Mandant zunächst mit Freigängen und dann auch mit Hafturlaub auf ein Leben in Freiheit vorbereitet wird. Degowski sei zufrieden. "Er war natürlich sehr angespannt und nervös. Schließlich ging es ja um sein Leben, um seine Zukunft", sagte Anwältin Grüter nach dem etwa 45-minütigen Anhörungstermin im dem zum Gerichtssaal umfunktionierten Besucherraum der JVA.

1988 hatte das Landgericht Essen bestimmt, dass Degowskis lebenslange Haft mindestens bis 2013 dauern soll. Deshalb musste nun die Strafvollstreckungs kammer in Arnsberg eine Entlassung zur Bewährung prüfen. Parallel hatte auch Degowskis Anwältin einen Antrag gestellt.

In der Haft soll sich der 57-Jährige nach Informationen aus Justizkreisen eher unauffällig verhalten haben. Er sei ein Einzelgänger. Seine Bekanntheit als Häftling könnte Degowski eine mögliche Entlassung zumindest erschweren. Denn während die Taten anderer Verbrecher nach Jahrzehnten in Vergessenheit geraten sind, wird er ein Sonderfall bleiben.

Im Gefängnis hatte Degowski nach mehreren Anläufen eine Kochlehre abgeschlossen, dann aber der Küche den Rücken gekehrt. Seit langem ist er als Hofreiniger in der JVA beschäftigt.

Anders als Degowski verweigert sein Komplize Rösner immer noch jede Therapie. Seine Entlassung wird erstmals 2016 geprüft, weil das Gericht bei ihm eine längere Mindesthaftdauer festgelegt hat.

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