zur Navigation springen

Überdosis-Tote in den USA : Gefangen in der Schmerzmittel-Wolke: Amerikas stille Sucht

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor allem in ärmeren Regionen der USA sind Millionen Menschen süchtig. Mancherorts wurde der Notstand ausgerufen.

Washington | Eine Sucht geht um in den USA - lange Zeit kaum beachtet, doch mit fataler Wirkung. Sie hüllt die Abhängigen in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls, der nur schwer wieder zu entrinnen ist. Der Überdosis-Tod von Pop-Ikone Prince in diesem Sommer warf ein Schlaglicht auf die Epidemie, die das Leben von Millionen Amerikanern zerstört und sich immer weiter ausbreitet: die Abhängigkeit von opioidhaltigen Schmerzmitteln.

Auch in Deutschland werden Opioide ebenfalls immer häufiger verschrieben - wenn der Patient starke Schmerzen beispielsweise bei einer Krebserkrankung oder nach Unfällen hat. In den USA allerdings werden 80 Prozent aller Opiate verbraucht - dabei stellen sie gerade einmal fünf Prozent der Weltbevölkerung, wie faz.net in einem Text von 2014 schreibt.

„Wir sagen jedes Jahr, schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Doch bis wir hier eine Trendumkehr schaffen, wird es noch lange Zeit dauern“, sagt Caleb Alexander, Co-Direktor des Johns Hopkins Center für Medikamentensicherheit, der Deutschen Presse-Agentur.

Offiziellen Zahlen zufolge waren 2014 etwa zwei Millionen Amerikaner süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Die Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen extrem schnell abhängig. Daneben waren rund 600.000 Menschen heroinsüchtig. Weitere 2,5 Millionen Menschen nehmen Schmerzmittel langfristig auf Rezept ein, wie eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab; hier ist die Grenze zwischen Missbrauch und Abhängigkeit fließend.

Hintergrund: Was sind Opioide, und warum sind sie so gefährlich?

Die starken Medikamente, in den 80ern fast ausschließlich nach Operationen oder bei Krebs verabreicht, wurden in den 90ern freizügiger verschrieben. Damals hatten einige mittlerweile widerlegte Studien Hinweise geliefert, dass die Suchtgefahr gar nicht so groß sei. Erst 2010, nachdem auch immer mehr Familien und Freunde der Erkrankten unbedarft zu den Schmerzpillen griffen und die US-Bevölkerung 80 Prozent der weltweit verkauften Opioid-Mittel konsumierte, wurde das Suchtproblem erkannt.

Danach wurde der Zugang zu den Medikamenten schwieriger, die Preise zogen an. Auch die Rezepturen wurden verändert, so dass Tabletten nicht mehr aufzulösen waren und in Spritzen gezogen werden konnten - eine Praxis, die die Wirkung der Substanzen noch erhöht. Jedoch hatte der Preisanstieg zur Folge, dass seitdem immer mehr Abhängige auf das chemisch eng verwandte Heroin umsteigen, weil es, vor allem von Mexiko aus, um ein Vielfaches billiger auf den Markt gebracht wird.

Besonders gefährlich ist das Präparat OxyContin, ein Langzeitschmerzmittel, das deshalb hoch dosiert ist. Während herkömmliche Opioide wie Oxycodon oder Hydrocodon etwa sechs Stunden lang wirken, verspricht ein besonderes Wirkverfahren bei OxyContin zwölf Stunden Schmerzfreiheit. Die „Los Angeles Times“ fand bei der Auswertung US-weiter Verschreibungsdaten jedoch heraus, dass mehr als die Hälfte der Langzeitnutzer von OxyContin nach Einschätzung von Gesundheitsexperten gefährlich hohe Dosen zu sich nehmen.

Eine lange kaum beachtete Gruppe von Opfern sind zudem die neugeborenen Babys abhängiger Mütter. Erste Kliniken stellen sich auf den wachsenden Bedarf nun mit eigenen, abgetrennten Behandlungsräumen für die extrem zitternden und schreienden Säuglinge ein. Einer Recherche des Senders NPR zufolge hat sich die Zahl der Opioid-abhängig geborenen Babys von 2000 bis 2012 auf 21.000 Kinder pro Jahr verfünffacht. Die Säuglinge müssen in ihren ersten Lebenswochen einen Methadon- oder Morphin-unterstützten Entzug durchstehen. Die Mütter brauchen besondere Hilfe.

 

All das hat fatale Folgen: Fast 19.000 Menschen starben nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC im Jahr 2014 an einer Überdosis dieser Schmerzmittel - vor allem in ärmeren, ländlichen und weißen Gebieten der USA. 10.000 Todesopfer kamen durch Heroin dazu.

Der Einstieg in die Sucht ist in vielen Fällen ein unbedacht verschriebenes Schmerzmittel, beispielsweise nach einer Weisheitszahn-Operation. Manch einer kommt von dem Wohlfühl-Nebel und dem angstfreien „Alles-Egal-Gefühl“, das die Medikamente vermitteln, dann nicht mehr los. In den 90er-Jahren wurden die starken Schmerzmittel recht freizügig verordnet. Dann setzte ein Schneeballeffekt ein. Immer mehr Menschen, oft in instabilen Lebensverhältnissen, suchten den Wohlfühl-Kick. Ärzte lernen erst seit einigen Jahren, welchen Geist sie da aus der Flasche gelassen hatten.

Für einen Teil der Betroffenen folgt auf die Arzneien dann Heroin, denn die illegale Droge ist oft billiger zu bekommen als die verschreibungspflichtigen Schmerzmittel. Daneben sind noch stärkere, synthetische Opioide ein großes Problem - etwa das Medikament Fentanyl, das 50 Mal stärker als Heroin ist. Prince beispielsweise starb an einer Überdosis Fentanyl. Oft wird es in China oder Mexiko produziert und ins Land geschleust oder via Internet bestellt.

Manche Süchtige greifen inzwischen sogar zu Mitteln, mit denen sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, 100 Mal stärker noch als Fentanyl, lässt derzeit die Überdosis-Raten im ländlichen Ohio sprunghaft ansteigen. „Statt vier oder fünf Überdosen pro Tag haben wir nun 20, 30, 40, manchmal 50 Überdosen“, berichtet Polizist Tom Synan aus dem betroffenen Bezirk in Ohio. Auch Virginia hat deshalb jetzt einen Gesundheitsnotstand verhängt.

Süchtige suchen sich verschiedene Ärzte

Andere Abhängige betreiben Doktor-Hopping, versuchen irgendwie an Rezepte und Pillen zu gelangen - notfalls auch über Familienmitglieder: Ein TV-Spot zeigt einen alten Mann vor dem Badezimmer-Schrank beim Griff nach den Schmerztabletten. Plötzlich ist statt des Mannes das Spiegelbild der Teenager-Enkelin zu sehen, die die Pillen schluckt. „Wissen Sie, wer Ihre Schmerzmittel nimmt?“, fragt eine Stimme.

Mehr Aufklärung für Patienten, mehr Informationen für Ärzte, mehr Monitoring-Programme, mit denen die US-Bundesstaaten die Verschreibungsgeschichte der Patienten elektronisch überwachen können - im Jahr 2016 gab es einige Ansätze im Kampf gegen die Epidemie.

Daneben veröffentlichte die nationale Gesundheitsbehörde CDC im Frühjahr strengere Richtlinien zur Verschreibungspraxis: Opioide werden als „gefährlich“ eingestuft, von ihrem Langzeit-Einsatz gegen chronische Schmerzen - abseits von Krebsleiden - wird abgeraten. „Erfreulich war auch, dass über Parteigrenzen hinweg ein Gesetz verabschiedet wurde, das Opioid-Sucht als Krankheit einstuft und sie nicht sofort kriminalisiert“, betont Caleb Alexander.

Die Obama-Regierung wollte das Budget für den Kampf gegen die Sucht auf rund eine Milliarde Dollar aufstocken. Allerdings sagte der Kongress zunächst nur 181 Millionen zu und verschob die Entscheidung über weitere 500 Millionen ins nächste Haushaltsbudget.

Starker Einfluss der Pharmaindustrie

Dazu kommt: Die Pharmaindustrie unterhält mit viel Geld eine starke Lobby, die in Washington für Schmerzmittel wirbt. In einer gesponserten Studie wollen Hersteller herausgefunden haben, dass rund 40 Prozent der Amerikaner unter behandlungsbedürftigen chronischen Schmerzen leiden.

Auch der Zulassungsbehörde FDA sowie der medizinischen Überprüfungsbehörde DEA und dem Justizministerium werden Versäumnisse vorgeworfen. So zeigte eine groß angelegte Recherche der „Washington Post“, dass pharmakritische Untersuchungen einzelner DEA-Mitarbeiter abgeblockt wurden - von ihren Vorgesetzten sowie dem übergeordneten Justizministerium.

Im Visier hatten die DEA-Mitarbeiter sogenannte Wholesaler. Einige dieser riesigen Drogerie- und Lebensmittelmärkte mit integrierter Apotheke haben offenbar in großem Stil und nach fragwürdigen Standards Schmerzmittel verkauft. Mit Blick auf den noch unklaren Kurs der künftigen Regierung sagt Alexander: „Eine weitere Deregulierung der Wholesaler wäre schlecht.“ Der Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Vivek Murthy, gab in seinem viel beachteten neuen Report zur Sucht in Amerika eine Marschrichtung vor. Derzeit komme nur einer von zehn Süchtigen in Behandlung, kritisiert Murthy. „Wir haben schon Fortschritte gemacht. Wie setzen wir das nun fort? Ein Schlüssel dafür ist sicherzustellen, dass Menschen eine Krankenversicherung haben.“

zur Startseite

von
erstellt am 30.Dez.2016 | 15:41 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen