Mehr FSME-Fälle : Gefährliche Krankheit durch Zeckenbiss – nun auch im Norden

Auch in Schleswig-Holstein gab es bereits tödliche FSMH-Krankheitsfälle durch Zeckenbisse.
Auch in Schleswig-Holstein gab es bereits tödliche FSMH-Krankheitsfälle durch Zeckenbisse.

Zecken sind Hauptüberträger von FSME. Die Krankheit tritt nun auch vermehrt im Norden auf – mit Todesfällen in SH.

shz.de von
06. März 2018, 16:13 Uhr

Stuttgart | Die Gefahr einer Infektion mit der tückischen Krankheit FSME breitet sich nach Erkenntnissen von Zeckenforschern in Deutschland nach Norden aus. Zwar traten die weitaus meisten Erkrankungsfälle (85 Prozent) im Jahr 2017 in Süddeutschland auf, wie Zeckenexperten am Dienstag in Stuttgart sagten. Doch zuletzt haben sich demnach auch vermehrt Menschen an der niedersächsisch-niederländischen Grenze, in privaten Gärten in Berlin oder auch in Stadtparks in Mecklenburg-Vorpommern angesteckt. Dabei handelt es sich jeweils um wenige Einzelfälle. Auch in Schleswig-Holstein sei bereits ein Mensch durch FSME-Infektion gestorben, berichtete Arne Drews vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume im November 2017 gegenüber shz.de.

„Wir haben eine Dynamik, die wir nicht verstehen“, räumte Gerhard Dobler ein, Leiter des Deutschen Konsiliarlabors für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). An der Stuttgarter Uni Hohenheim treffen sich Experten zum 4. Süddeutschen Zeckenkongress.

Die Verbreitungsgebiete von mit FSME infizierten Zecken ist oft nicht größer als ein Fußballfeld.
Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Die Verbreitungsgebiete von mit FSME infizierten Zecken ist oft nicht größer als ein Fußballfeld.

Professor Helmut Fickenscher vom Institut für Infektionsmedizin bezeichnet FSME-Infektionen in Schleswig-Holstein aber noch als „Rarität“. 2017 seien zwei Fälle von infizierten Jugendlichen gemeldet worden, als Ansteckungsort sei jeweils „Deutschland“ angegeben. Seit 2003 erkrankten laut der aufgrund der Seltenheit der Infektion nicht öffentlich geführten Statistik insgesamt 15 Schleswig-Holsteiner. Auf Bornholm und in Süddeutschland sei die Gefahr einer Ansteckung aber gegeben, sagte Fickenscher am Dienstagnachmittag.

Was ist das für eine Krankheit?

FSME kann zu Hirnhautentzündung führen. In der Regel wird FSME durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen. Bei 100 Menschen, die von einer infizierten Zecke gebissen werden, bricht die Krankheit Experten zufolge bei 30 aus.

Mehr FSME-Fälle bei weniger Zählungen

Das Robert-Koch-Institut registrierte im vergangenen Jahr bundesweit fast 500 Erkrankungsfälle – und damit die zweithöchste je registrierte Zahl. Einen Trend zu immer mehr Erkrankungen gebe es aber nicht, hieß es vom RKI. „Der Trend ist die Schwankung“, sagte eine Sprecherin. Experte Dobler nannte eine Schwankungsbreite der letzten Jahre von bundesweit 250 bis 500 Erkrankungsfälle.

Ungewöhnlich sei 2017, dass es nach Zählungen insgesamt weniger Zecken gab, jedoch mehr Erkrankungen. Tückisch sei, dass Verbreitungsgebiete von FSME infizierten Zecken oft nicht größer als ein Fußballfeld seien und über Jahre stabil bleiben könnten. Genauso könnten Zecken, die das Virus in sich tragen, von einem auf das nächste Jahr verschwinden.

„Wir haben noch keine Erklärung für so eine Entwicklung“, sagte Dobler. Wie ein solcher Erkrankungsherd in der Natur entstehe oder verschwinde, sei noch lange nicht geklärt, ergänzte Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Uni Hohenheim.

Die Entwicklung bleibe regional sehr unterschiedlich, berichteten die Experten: So sei die Zahl der FSME-Infektionen 2017 etwa in Unterfranken stark zurückgegangen, in der Alpenregion in einigen Tälern hingegen deutlich nach oben gegangen.

Wetter als mögliche Ursache

Ein Grund könne das Wetter sein: So habe es im Sommer eine Kältewelle gegeben, zwei Wochen später wurde es warm und wieder zwei Wochen später wurde ein großer Krankheitsausbruch registriert. Offenbar habe es die Menschen nach der Kälte ins Freie gezogen – und das genau in der jahreszeitlichen Hochphase des Gemeinen Holzbocks, eine der FSME-übertragenden Zeckenarten.

Der relativ neue Übertratungsweg bei FSME über Rohmilch von infizierten Weidetieren habe auch im vergangenen Jahr eine Rolle gespielt. Erst 2016 hatte ein Fall Schlagzeilen gemacht, bei dem sich zwei Menschen an Rohmilch-Käse aus Ziegenmilch angesteckt hatten. 2017 seien acht solcher Fälle registriert worden, berichtete Mackenstedt.

Goldschakal trägt gefährliche Zeckenart nach Nordeuropa

Bei einem im Februar 2017 in Jütland (Dänemark) erlegten Goldschakal, der wohl auch Schleswig-Holstein durchstreift hatte, fand man beim Veterinärinstitut der Technischen Universität in Kopenhagen 21 Zecken. Der Goldschakal ist eigentlich in Landschaften des Balkans und Afrikas zu Hause, seit Kurzem allerdings auch in Dänemark und Schleswig-Holstein zu finden. Über das Fell der Tiere könnte sich die gefährliche Auwaldzecke nach Nordeuropa ausbreiten.

19 der 21 Zecken trugen Rickettsien-Bakterien in sich. Über diese Erregerart können sich Menschen mit dem Rocky-Mountain-Fleckfieber infizieren. Die Krankheit ist hochgefährlich und in jedem fünften Fall tödlich, wenn sie unbehandelt bleibt.

Inzwischen gebe es auch einen Fall von autochtonen FSME-Infektionen mit Todesfolge in Schleswig-Holstein, so Arne Drews vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. Einen der ersten Todesfälle mit der Gehirn- und Rückenmarkentzündung habe es auf Hallig Oland gegeben, berichtet Drews, obwohl es dort eigentlich gar keine Zecken gibt. Eine Reisig-Lieferung aus Osteuropa brachte die Parasiten über das Watt, so die Erklärung.

Genauso wie der Goldschakal könnten überdies Rotfüchse und Marderhunde die Zecken über das Land bringen – oder Reet-Fracht aus Bulgarien die gefährlichen Milben nach Sylt bringen, betonte der Biologe.

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