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Verirrt im Mailand-Stadion : Fußballfan nach Toilettenbesuch elf Jahre lang verschollen

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Der Basler Rolf Bantle besucht die Stadiontoilette kurz vor Ende des Champions-League-Qualifikationsspiels zwischen Inter Mailand und dem FC Basel. Dann verschwindet er - und taucht erst elf Jahre später wieder auf.

Es war der 24. August 2004. Der Basler Rolf Bantle hat an diesem Tag mit einer Gruppe seines Wohnheims Dietisberg einen Ausflug ins Stadion nach Mailand unternommen. Gemeinsam schauen sie das Champions-League-Qualifikationsspiel zwischen Inter Mailand und dem FC Basel. Kurz vor Ende muss Rolf Bantle zur Toilette. Dass er seine Mitreisenden für viele Jahre nicht mehr sehen wird, kann Bantle - heute 71 Jahre alt - in diesem Moment nicht ahnen.

Rolf Bantle sucht seine Gruppe vergeblich. Im Gewusel des Stadions kurz nach Schlusspfiff des Spiels verirrt er sich. „Ich war plötzlich in einem ganz anderen Sektor“, erzählt Bantle der Schweiz am Sonntag. Auch das Auto seiner Mitreisenden kann er nicht finden. Bantle hat kein Handy, und er kennt die Nummer des Heims nicht auswendig. Das einzige, was er hat, ist etwas Geld. 20 Euro und 15 Franken. Für ein paar Tage reicht es, denkt Bantle. Doch bei ein paar Tagen sollte es nicht bleiben.

Rolf Bantle lebt von nun an auf den Straßen Mailands. Für ihn ist es die Chance, frei zu sein und ohne Vormund zu leben. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er ein schwieriges Leben geführt. Geprägt von einer Mutter, die nie Zeit für ihn hatte, zwischen Aushilfsjobs und immer häufiger zu viel Alkohol. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Das Wohnheim in Dietisberg war vor seiner Zeit auf der Straße das letzte Heim, in dem er lebte.

Wenige Wochen nachdem Rolf Bantle verschwunden war, meldete ihn die Amtsvormundschaft Basel-Stadt als vermisst, die Fahndung nach ihm war erfolglos geblieben, schreibt die Schweiz am Sonntag. Am 29. September 2011, sieben Jahre nach seinem Verschwinden, meldete ihn das Zivilgericht Basel-Stadt als verschollen.

Dass er gesucht wird, stört Bantle nicht. Es gibt niemanden, den er in der Schweiz vermisst. Stattdessen schlägt er sich in Mailand durch, knüpft Kontakte, und wird im Viertel Baggio sogar eine kleine Berühmtheit. Betteln muss er nicht oft, viele Menschen stecken ihm Zigaretten und Kaffee zu.

So lebt Rolf Bantle jahrelang, von der Polizei kontrolliert wird er nur ein einziges Mal, ohne Konsequenzen. Der verhängnisvolle Tag kommt erst im April dieses Jahres.

An diesem Tag rutscht er aus und bricht sich den Oberschenkelknochen. Er kommt ins Krankenhaus, wo sich herausstellt, dass er nicht versichert ist. Nach elf unglaublich langen Jahren kommt seine Geschichte ans Licht.

Heute lebt Rolf Bantle in einem Seniorenheim in Basel. Nach Mailand zurück will er nicht mehr. Zehn Jahre sind genug, findet er.

 

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erstellt am 05.Nov.2015 | 16:25 Uhr

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