Justizirrtum in den USA : Freiheit nach 39 Jahren für einen Mörder, der keiner war

Craig Richard Coley (70) beteuerte über vier Jahrzehnte seine Unschuld an einem Doppelmord. Jetzt steht fest, dass die Justiz in Kalifornien den falschen Mann hinter Gitter gesteckt hatte. 

shz.de von
24. November 2017, 17:14 Uhr

Simi Valley, Kalifornien | Der Mord an der 24-jährigen Rhonda Wicht und deren vierjährigen Sohn Donald erschütterte damals die verschlafene Stadt vor den Toren Los Angeles. Simi Valley galt als besonders sicher, weil hier viele pensionierte Polizisten lebten. Umso größer war die Aufmerksamkeit der Medien, die über die grausamen Details des Doppelmordes in der Wohnung der Frau berichteten.

Der Verdacht fiel gleich auf Craig Richard Coley, weil der ein Motiv hatte. Kurz vor dem Verbrechen hatte sich der Restaurant-Manager von Wicht im Streit getrennt. Die Polizei nahm ihn am Tag als sie die Leichen entdeckten fest. Seit dem 11. November 1978 musste Coley mit dem Vorwurf leben, der Mörder seiner ehemaligen Freundin und deren Sohn zu sein.

Ein erster Prozess 1979 endete ohne Ergebnis, weil sich die zwölf Geschworenen nicht einmütig auf einen Schuldspruch verständigen konnten. Ein Jahr später verurteilte ein Gericht Coley im zweiten Anlauf zu zwei Mal lebenslänglich ohne Bewährung. Obwohl der Angeklagte auch in diesem Prozess hartnäckig seine Unschuld beteuerte.   

Auch in den Medien, die den spektakulären Doppelmord von Simi Valley und die Verfahren in allen Details verfolgten, gab es Zweifel an der Täterschaft. Coley stammte selber aus der Familie eines pensionierten Polizisten und konnte ein blütenweißes Führungszeugnis vorlegen. Er war in der Gemeinde auch nicht als Krawall-Bruder bekannt, der übermäßig trank oder Drogen nahm.

Seine Anwälte behaupteten in dem Prozess, was Coley im Gefängnis mehr als 39 Jahre standfest wiederholte: Die Staatsanwaltschaft hatte den falschen Mann wegen eines Verbrechens angeklagt, das dieser nicht begangen hatte. Rhondas tatsächlicher Mörder befand sich, wenn er noch lebte, auf freiem Fuß.

Vor vier Jahren stellte der Muster-Häftling abermals einen Antrag auf Begnadigung durch den Gouverneur von Kalifornien. „Die Verbrechen sind von mir nicht verübt worden“, schrieb Coley. „Hätten die Polizei-Detektive das entlastende Beweismaterial nicht zerstört, wäre der wirkliche Verdächtige längst festgenommen worden.“

Gouverneur Jerry Brown ordnete eine abermalige Überprüfung des Falls an. Die Ermittler fanden die vernichtet geglaubten DNA-Proben in einem Privat-Labor. Ein Test mit neuen forensischen Methoden räumte den Verdacht gegen Coley eindeutig aus. 

Der zuständige Staatsanwalt von Ventura County, Gregory D. Totten, sprach von einem „tragischen Fall“. „Craig hat 39 Jahre in Haft verbracht für eine Tat, die er sehr wahrscheinlich nicht begangen hatte.“ Auch wenn es schon lange her sei, fahnde man mit den DNA-Proben nun unter Hochdruck nach dem wirklichen Mörder. „Wir werden ihn vor Gericht stellen.“

Und Coley? Den begnadigte Gouverneur Brown umgehend. Staatsanwalt Totten möchte dem Justizopfer persönlich die Hand schütteln, der sein Schicksal mit großer Würde ertragen habe. „Und ich möchte mich für die Ungerechtigkeit entschuldigen, die ihm widerfahren ist.“

Pünktlich zum Thanksgivings-Tag konnte Coley das Hochsicherheits-Gefängnis in der kalifornischen Wüste als freier Mann verlassen. Als Kompensation für den Justizirrtum stehen ihm laut Gesetz pro Tag 140 Dollar zu, also 1,9 Millionen US-Dollar. Ein schwacher Trost für die verlorene Zeit in Coleys besten Lebensjahren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen