Urteil nach 30 Jahren : Frau vergewaltigt und im Wald verscharrt – lange Haftstrafe

<p>Der Angeklagte beim Betreten des Gerichtssaals: Die Grausamkeit der Tat hatte selbst beim Richter für Entsetzen gesorgt.</p>

Der Angeklagte beim Betreten des Gerichtssaals: Die Grausamkeit der Tat hatte selbst beim Richter für Entsetzen gesorgt.

Eine junge Frau wird vor rund 30 Jahren vergewaltigt und fast erstochen. Nun wurde der Täter verurteilt.

shz.de von
25. Mai 2018, 18:06 Uhr

Aschaffenburg | Lachend und gelöst verlässt die zierliche Frau mit rotblonden Haaren in heller und schicker Sommerkleidung den Gerichtssaal. „Wahnsinn, was für eine starke Frau“, sagt ein älterer Zuschauer. „Bitte richten sie Ihrer Mandantin einfach meine Hochachtung für ihren Auftritt hier aus“, spricht eine junge Frau den Anwalt an. Auch andere Beobachter und Teilnehmer sind sichtlich ergriffen von dem Gerichtsprozess im Landgericht Aschaffenburg, in dem es um versuchten Mord und brutale Vergewaltigung, aber auch um menschliche Abgründe und einen ganz starken Überlebenswillen ging.

Am Freitag wurde der 56-jährige Jürgen R. zu lebenslanger Haft wegen versuchten Mordes verurteilt – rund 30 Jahre nach der Tat. Ohne sichtbare Regung verlässt der untersetzte Mann mit braunem, schütterem Haar in Begleitung von Beamten den Saal. Seinem damaligen Opfer ist die Erleichterung über das Urteil deutlich anzusehen. Die heute 52-Jährige hatte in den Verhandlungstagen zuvor alle Beteiligten mit ihrem starken Auftreten beeindruckt. Sie sei mit dem Ausgang sehr zufrieden, sagt ihr Anwalt Christoph Jahrsdörfer, der sie als Nebenklägerin in dem Strafprozess vertritt. „Er (der Prozess) hat das Ergebnis gebracht, um das Geschehene angemessen zu verarbeiten und möglicherweise einen Abschluss zu finden.“

In der Urteilsbegründung rekonstruiert das Gericht den kalten Januartag 1988: Nach einem Discobesuch lauert der damals 26-Jährige der 22-Jährigen aus dem Raum Offenbach (Hessen) an ihrem Auto auf und zwingt sie, in ein Waldstück in Aschaffenburg (Bayern) zu fahren. Er hatte eine Vergewaltigung geplant, will einen brutalen Pornofilm nachspielen. Sein Leben war bisher von Gewalt und Alkohol geprägt, er ist arbeitslos und lebte in den Tag hinein.

Sein Opfer wählte er zufällig

Als eine „Existenz, die über die Jahre kontinuierlich abwärts gegangen ist“ wird er vor Gericht von einem Sachverständigen charakterisiert. Sie ist eine lebensfrohe junge Frau in Ausbildung, die am Anfang eines selbstständigen Lebens steht. „Wie es sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen“, sagt der Richter.

In dem Waldstück vergewaltigt Jürgen R. nach Schilderung des Gerichts sein spontan ausgewähltes Opfer über Stunden. Dabei geht er äußerst brutal und geplant vor: Gibt ihr genaue Anweisungen, macht zwischendrin eine „Zigarettenpause“, fährt tiefer in den Wald hinein. Dann sticht er mit einem Schraubenzieher mehrfach auf Hals und Brust ein, hinterlässt tiefe Wunden, perforiert unter anderem die Lunge und die Aorta. Er tritt gegen die leblos auf dem Boden liegende Frau und verscharrt sie nackt unter Laub.

Doch die Frau ist nur bewusstlos und wacht wieder auf. Nach Schilderung des Richters schleppt sie sich "mit einer für uns kaum vorstellbaren Willenskraft" zu einer Straße, wo sie ein Autofahrer findet und ins Krankenhaus bringt. Eine Not-OP rettet ihr Leben. Später lernt sie auch mit Hilfe von Psychotherapie mit der Tat zu leben und erobert sich langsam ihren Alltag zurück.

Großer Einsatz der Polizei

Doch sie muss fast 30 Jahre auf die Gewissheit, wer der Täter ist, warten. Die Kriminalpolizei überprüft den „Cold Case“, den ungeklärten Fall, erneut mit neuer Technik, eine DNA-Spur führt zu Jürgen R. Er ist in der Datenbank, weil ihn seine Ehefrau zwischenzeitlich wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Der Richter hebt auch die Arbeit der Kriminalbeamten hervor: „Trotz hoher Belastung im Alltagsgeschäft alte Akten auf Beweismittel durchzusehen, zeigt ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein in diesem Beruf.“

Der Pflichtverteidiger fordert einen Freispruch, weil für ihn versuchter Mord nicht ausreichend belegt ist. Vergewaltigung oder versuchter Totschlag wären nach der langen Zeit verjährt. Sein Mandant sei während der Tat benebelt gewesen, habe nicht geplant gehandelt und auch Jahrzehnte unter seiner Schuld gelitten und die Tat bereut.

Das Gericht folgt in seinem Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, mehr der Argumentation von Staatsanwaltschaft und Nebenklage: Der Mann sei zwar betrunken gewesen, sei aber Alkohol gewöhnt und habe strukturiert handeln können. Indem er unter anderem Zigarettenkippen einsammelte, Autositze abklopfte und der Frau ihre Kleidung abnahm, habe er versucht, die Tat zu verdecken.

„So etwas habe ich bisher nicht erlebt“

Eine besondere Schwere der Schuld sah das Gericht anders als die Staatsanwaltschaft aber nicht als gegeben an. Die Kammer hielt dem Angeklagten unter anderem zugute, dass er die Vergewaltigung gestanden hatte. Für die Geschädigte sei es wichtig zu wissen, dass er zu 100 Prozent der Täter ist und nicht nur in Folge eines Indizienprozesses verurteilt wurde.

Für den Rechtsanwalt des Opfers war der Prozess in seinen 30 Jahren im Beruf wegen der Brutalität der Tat aber auch der Reaktion des Opfers etwas Besonderes. Die Frau habe eine enorme Stärke und beeindruckend ausgesagt: „So etwas habe ich bisher nicht erlebt.“

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