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Interview mit Charlotte Roche : Frau Roche, erregen Ihre Sex-Szenen Sie selbst?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Autorin über ihren dritten Roman „Mädchen für alles“. Die 37-Jährige liest am Dienstag in Hamburg aus ihrem Buch vor.

Hamburg | Charlotte Roche ist mit ihrem dritten Roman auf Lesereise. „Mädchen für alles“ erzählt von einer Mutter, die keine sein will – und mit der Babysitterin eine Gewalt-, Sex- und Drogentour unternimmt. Wie alle Roche-Romane ist auch dieser eine Scheidungsgeschichte. Hat das nun mit Roches Erfahrungen als Scheidungskind zu tun? Oder mit denen, die sie als geschiedene Mutter gemacht hat?

Ihr dritter Roman ist der erste ohne Wortspiel-Titel. Hätte „Mädchen für alles“ nicht eher „Lippenbekenntnisse“ oder „Steckspiele“ heißen müssen?

Natürlich war das unser Plan. Und zusammen mit meinem Verlag habe ich alles gegeben. Aber irgendwann muss man mit diesen Wortschöpfungen aufhören. Es wurde zum Krampf, und wenn man die Reihe endlos fortsetzen will, schränkt es einen auch sehr ein. Der Titel ist eine so unendlich zentrale Entscheidung.

Was sind denn die Top Ten der verworfenen Titelideen?

Es waren unendlich viele, aber es war nie der richtige Knaller dabei. Als wir uns vom Wortspiel verabschiedet hatten, waren wir komplett frei. Und dann war der Titel „Mädchen für alles“ sehr naheliegend, weil es das Mädchen für alles ja wirklich gab.

Hab ich gelesen: Der Titel zitiert ein Stellengesuch vom Schwarzen Brett im Bio-Laden. Der Rest ist Fiktion, hoffe ich.
Genau. Das reale Mädchen wurde von mir nicht mal eingestellt. Privat hätte ich jetzt auch Angst vor einer Mitarbeiterin, die Mädchen für alles sein will.

Kriegen Sie nach dem Roman merkwürdige Initiativbewerbungen?

Leider nicht. Es hat sich noch keiner rausgetraut.

Thomas Manns Arbeitszimmer war ein Heiligtum, das die Kinder nicht zu betreten wagten. Darf Ihre Familie beim Schreiben stören?

Ich werde mich selbstverständlich nicht auf einen Vergleich mit Thomas Mann einlassen. Aber heilig ist die Arbeit mir auch. Keiner darf mich stören. Ich komme sehr schnell aus dem Tritt, wenn ich kreativ sein möchte. Beim dritten Buch hatte ich eine genaue Vorstellung davon, wie die Dinge laufen müssen, damit ich es wirklich schaffe. Die zwei Jahre waren streng durchgeplant. Ich arbeite immer nur morgens, bevor ich aufs Handy gucke. Und – ganz wichtig – bevor ich im Internet Nachrichten lese. Weil mich das so aus der Bahn wirft, dass ich dann nicht mehr schreiben kann. Also schreibe ich erst und kümmere mich erst später am Tag um die Umwelt.

Was für Nachrichten wären das? Dass Netflix die neue Staffel von „Fargo“ ins Netz stellt?

He he! Genau. Und dass die Autosendung „Top Gear“ eingestellt wurde. Quatsch, ich meine natürlich schreckliche Sachen. Das tote Flüchtlingskind am Strand. Wenn ich so was lese, kann ich nicht mehr arbeiten.

Eine Nachricht muss Sie trotz Handy-Abstinenz erreicht haben: In Israel ist eine Studie zum Thema „Regretting Motherhood“ erschienen. Damit war Ihr Buchthema einer verweigerten Mutterschaft auf einmal Debattenstoff

Stimmt, das Buch hat mich auch beim Schreiben beeinflusst. Aber eben nicht morgens, sondern mittags, und ich habe es dann am nächsten Tag verarbeitet. Natürlich interessiert mich das Thema sehr – weil ich die Welt beobachte, weil ich mit Frauen rede. Die Mutterschaft zu bereuen ist natürlich sehr krass. Aber es gibt Vorstufen davon, die viele kennen: phasenweise nicht mehr zu können, Nervenzusammenbrüche, Wochenbettdepression. Es freut mich, so ein Thema aufzugreifen. Weil ich hoffe, dass viele sich darin wiedererkennen.

Sie hatten also keine Angst, Ihr Thema könnte verbrannt sein, bevor das Buch raus ist?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe das als Einfluss genutzt, aber es war auch nicht der einzige Einfluss. Carrie Mathison hat mich auch sehr beschäftigt, die Hauptfigur aus „Homeland“. Die ist de facto auch eine Nicht-Mutter und wurde zu einer Art Inspiration für meine Figur Chrissie. Carrie kriegt ein Kind, aber betreut wird es von ihrer Schwester und von ihrem Vater. Sie selbst konzentriert sich auf ihren Job als Agentin, auch weil sie glaubt, dass sie gar keine Mutter sein kann. Bipolar ist Carrie ja auch noch.

Chrissie klagt sehr über die Mühen der Mutterschaft, aber es wird eigentlich nie konkret. Warum nutzen Sie Ihre Figur nicht stärker, um Probleme von Müttern zu artikulieren?

Ich steige in die Geschichte ein, als für sie alles schon beendet ist. Chrissie hat sich innerlich schon von Kind und Mann verabschiedet und will mit der Babysitterin abhauen. Bekommen hat sie das Kind nur, weil sie sich von der Arbeit überfordert fühlte. Mutter zu werden war ihre Flucht von der Arbeit. Aber damit hat sich Chrissie richtig vertan. Weil ein Kind noch mehr Druck erzeugt.

Finden Sie, dass Ihr Buch eine befreiende Wirkung hat? Es baut ja auch Druck auf Eltern auf. Wer sich mit dem Gedanken an eine Scheidung trägt, hat nach dem Buch Angst vor Mord und Folterstrafen.

Wenn Eltern diese Angst haben, finde ich das schon mal gut. Natürlich kann in einer aufgeklärten Welt niemand gegen Scheidung sein. Es ist gut, dass man sich trennen darf. Mir als gestörtem Scheidungskind geht es darum, dass man sich in der Situation bitte Hilfe holt. Pro familia zum Beispiel oder irgendeinen anderen Profi. Ich bin ein großer Verfechter von professioneller Hilfe. Vor allem wenn es um so etwas Bedeutendes wie Scheidung geht. Man kann ein Kind dabei für den Rest seines Lebens durcheinanderbringen.

Scheidungsmutter sind Sie ja auch.

Genau, ich kann beide Erfahrungen einbringen. Es wäre schön, wenn man in der Liebe für immer zusammenbleiben könnte, aber mir ist es auch nicht gelungen. Dann ist es wichtig, was man dem Kind sagt. Ich habe mich beraten lassen. Aber Sie haben recht: Scheidung ist in allen drei Büchern ein Riesenthema für mich. Und auch für die Leser. Ich werde bei Lesungen immer wieder darauf angesprochen. Gerade gestern hat eine Frau mir gesagt: Sie hält alle, die die Scheidung der eigenen Eltern runterspielen, für ganz große Lügner. Und dass ich es anders beschreibe, macht sie glücklich. Dann hat sie mich umarmt. Da sage ich mir: Irgendwas habe ich auch richtig gemacht.

Aber irgendwas auch falsch. Von den ersten sechs Lesungen sind vier abgesagt worden, habe ich gelesen. Wie kommt das?

Keine Ahnung, vielleicht waren die viel zu früh angesetzt? Ich kann es leider nicht erklären, aber inzwischen sind die Säle voll.

Sind denn die Resonanz und der kommerzielle Erfolg eine Kategorie für Sie?

In dem Fall wäre ich hoffnungslos verloren. „Feuchtgebiete“ ist sieben Jahre her, und schon damals haben mir alle Profis gesagt: Das ist der größte Erfolg deines Lebens. Das ist nicht mehr zu toppen. Verabschiede dich schon mal von diesem Gefühl. Und nach dem Wahnsinn wird dann alles normaler. Das sage ich mir seit sieben Jahren. Es gibt diesen sportlichen Ehrgeiz bei mir nicht, ich halte mich von Kritiken fern, und der ganze geschäftliche Aspekt – Kartenverkauf, Bestsellerlisten – das darf mich nicht berühren. Weil es schädlich für mich ist.

Hat der Erfolg nicht schon Schäden angerichtet? Der „Feuchtgebiete“-Erfolg muss wie jeder andere Drogenrausch das Suchtzentrum Ihres Hirns auf das Übelste aktiviert haben.

Ja, der Vergleich ist super. Ich musste jahrelang mein erstes Buch verarbeiten. Der Hypererfolg war so wie monatelang täglich zu koksen. Man denkt: Wenn es aufhört, stirbt man. Wenn ich über die „Feuchtgebiete“-Zeit rede, ist es, als würde ich eine schwere Krankheit beschreiben. Ich war fucked up in the brain.

Immerhin haben Sie so viel verdient, dass Sie wirklich bis an Ihr Ende koksen könnten.

Das macht mein Körper nicht mit. Aber das Geld ist trotzdem gut. Der Erfolgsdruck, nach dem Sie fragen, ist ja wirklich da. Aber wenn er kommt, drehe ich ihn immer ins Positive und sage mir: Charlotte, der Druck kommt nur von „Feuchtgebiete“, und er ist Unsinn – weil das Buch mir ja gerade ermöglicht, ohne Druck zu arbeiten. Ich muss keine erfolgreichen Bücher schreiben, um meine Familie zu ernähren. Beim Schreiben bin ich freier als andere Autoren.

„Mädchen für alles“ hat auch eine leicht erotische Ebene, über die wir noch sprechen müssen.

Das ist sehr zutreffend beschrieben.

Bei „TV total“ haben Sie Stefan Raab gefragt, ob er beim Lesen eine Erektion bekommen hat. Erregen Ihre Wortporno-Passagen Sie beim Schreiben denn selbst?

Ich arbeite in einem angemieteten Gemeinschaftsbüro mit lauter Architekten, habe meinen Kopfhörer auf und ...

... in der Nähe von Architekten stirbt natürlich jede Lust.

Äh, nein, aber da herrscht eine sehr sachliche Atmosphäre. Das ist kein Raum, um laut zu stöhnen oder sich auf dem Stuhl zu rekeln. Ich sitze ganz aufrecht und mache mein Schreibe-Betongesicht, sodass die nie erkennen würden, ob ich gerade eine Sex- oder Gewalt- oder Wirsing-Koch-Szene schreibe. Und es erregt mich auch nicht. Nicht sexuell. Wenn ich eine lesbische Szene schreibe, freue ich mich nur heimlich. Ich schwöre, dass ich gar nicht esoterisch bin. Aber dann fühle ich mich wie ein Medium und wundere mich, wo das nur wieder alles herkommt. Es schreibt so aus mir heraus. Ich freue mich, wenn jemand meine Bücher erotisch findet, aber für mich selbst hat es nichts mit Geilheit zu tun.

Noch orgiastischer als der Sex ist in „Mädchen für alles“ sowieso die Gewalt. Wie kommen Sie danach wieder runter? „Dexter“ gucken?

Da gilt eine alte Jugenderfahrung: Rocker, Türsteher und Schläger sind die liebsten Menschen, die ich kenne. Die posten alle Katzenbilder. Wer die Gewalt in der eigenen Seele kontrolliert ausleben kann, ist hinterher harmlos. So ist das bei mir auch. Ich muss nicht nach einer Gewalt-Szene runterkommen. Ich komme schon beim Schreiben runter. In mir ist ungeheuer viel mediale Gewalt, allein schon von den ganzen Serien, die ich gucke. Das alles wieder wegzuschreiben reinigt die Seele.

Wem fühlen Sie sich literarisch näher: „Shades of Grey“ oder „American Psycho“?

Von „Shades of Grey“ habe ich nur wenige Sätze gelesen.

Das reicht, die Autorin variiert angeblich auch nur wenige Sätze.

Ich sage mal ganz vorsichtig: „Shades of Grey“ ist nichts für mich. Die Art, wie das formuliert ist, halte ich nicht aus.

Was Sie mit „American Psycho“ verbindet, ist das Faible für die Warenwelt. Ständig erwähnen Sie Dinge wie die Rolex Oyster oder das Ostrich Pillow, die man dann sofort googelt.

Sehr gut, das freut mich. Ich bin ein sehr großer Anhänger von guten Erfindungen. Das Ostrich Pillow ist eine. Googelt es!
 

Charlotte Roche liest „Mädchen für alles“: Dienstag (15. Dezember, 20 Uhr), im „Übel und Gefährlich“ in Hamburg. Tickets ab 17,20 Euro.
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erstellt am 13.Dez.2015 | 15:04 Uhr

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