Geisterschiff vor Italiens Küste : Frachter „Ezadeen“ unter Kontrolle - Flüchtlinge an Land

Die Ezadeen trieb führerlos auf dem Mittelmeer. An Bord sind 450 Flüchtlinge.
Foto:
Die Ezadeen trieb führerlos auf dem Mittelmeer. An Bord sind 450 Flüchtlinge.

Die Flüchtlinge vom Frachter „Ezadeen“ wurden von der Küstenwache in Italien sicher an Land gebracht.

shz.de von
03. Januar 2015, 12:26 Uhr

Rom/Crotone | Hunderte Migranten sind nach ihrer Rettung durch die italienische Küstenwache von einem führerlosen Frachter in Italien an Land gegangen. Die etwa 360 Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder und schwangere Frauen, stammen überwiegend aus Syrien. Sie konnten am frühen Samstagmorgen im kalabrischen Corigiliano Calabro den Frachter „Ezadeen“ verlassen.

Die Menschen wurden medizinisch betreut und danach in Aufnahmelager gebracht, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Sie waren bei der Fahrt über das Meer von Schleusern auf dem Frachter ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen worden. Der zweite Vorfall dieser Art binnen weniger Tage hat Diskussionen über diese neue Methode der Menschenschmuggler-Banden ausgelöst.

Seit September sei ein Trend zum Einsatz von Frachtschiffen zu beobachten, um „die Zahl der Flüchtlinge auf den Booten zu erhöhen“, sagte Carlotta Sami, die Sprecherin der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR für Südeuropa, der Zeitung „La Repubblica“. Mit dem Ende des italienischen Rettungseinsatzes „Mare Nostrum“ wachse der Druck auf Länder wie die Türkei und Griechenland.

 

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, nannte es einen großen Fehler, dass „Mare Nostrum“ vom Einsatz „Triton“ abgelöst wurde, der von der EU-Grenzschutzagentur Frontex koordiniert wird. Nun werde den gut organisierten „Schleusern das ganze Mittelmeer überlassen, und nur in Küstennähe wird Europa aktiv, sagte Wendt dem „Handelsblatt“ (Online-Ausgabe). „Die Europäische Union wäre gut beraten, in den (Mittelmeer-) Anrainerstaaten mit Verhandlungen, Anreizen und Beratung dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge möglichst gar nicht erst diese Schrottkähne besteigen können.“ Asylbegehren könnten außerhalb der EU vorgeprüft werden, sagte Wendt.

Italiens Küstenwache hatte den fast 50 Jahre alte Viehtransporter „Ezadeen“, der unter der Flagge Sierra Leones fuhr, am Donnerstagabend entdeckt. Mit Hunderten Migranten an Bord trieb das Schiff manövrierunfähig vor der italienischen Küste. Der Treibstoff war ausgegangen und die Besatzung hatte den Frachter verlassen.

Der Frachter Ezadeen in der Schiffsdatenbank „Fleetmon“.
Foto: Screenshot/Fleetmon
Der Frachter Ezadeen in der Schiffsdatenbank „Fleetmon“.

In einer dramatischen Rettungsaktion seilten sich die Einsatzkräfte von einem Helikopter auf das Schiff ab. Anschließend wurde es zur Küste geschleppt.„Die Frachter müssten eigentlich sicherer sein als die kleinen Boote“, erklärte Sami. „Aber es handelt sich um alte Schiffe ohne elektronische Ausrüstung oder Radar. Das erhöht das Risiko von Tragödien.“ Auch die Küstenwache warnte vor der Gefahr führerloser Frachter auf Autopilot für andere Schiffe.

Bereits in der Nacht zu Mittwoch waren fast 800 Bootsflüchtlinge auf einem führerlosem Frachter vor Süditalien nur knapp einer Katastrophe entgangen. Das Schiff „Blue Sky M“ mit 768 Migranten an Bord war in der Nacht zum Mittwoch auf die Küste der Region Apulien zugesteuert und konnte von der Küstenwache unter Kontrolle gebracht werden. Nach Medienberichten war der Autopilot an. Ohne die Intervention der Einsatzkräfte wäre der Frachter auf die apulische Küste geprallt, weil das Schiff sich selbst überlassen war, wie ein Sprecher der Küstenwache sagte. Von der Besatzung fehlte auch dort jede Spur.

Auf der „Blue Sky M“ trieben 800 Flüchtlinge führerlos über das Mittelmeer.
Foto: dpa
Auf der „Blue Sky M“ trieben 800 Flüchtlinge führerlos über das Mittelmeer.

Erst am Sonntag war auf der Fähre „Norman Atlantic“ ein Feuer ausgebrochen. Es folgte eine dramatische Rettungsaktion über Tage. Im Video vom 30. Dezember wird die dramatische Situation deutlich.

Da sich auch Flüchtlingen an Bord aufgehalten haben sollen, ist weiter unklar, wie viele Menschen noch vermisst werden. Bisher wurden 13 Tote gezählt, darunter zwei Einsatzkräfte.

Auch fünf Tage nach dem Fährunglück in der Adria geht die Verwirrung um die Zahl der Vermissten weiter. Die italienische Küstenwache korrigierte die Liste der Geretteten nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa auf 477, das sind 50 mehr als ursprünglich bekanntgegeben. Die Zahl der Menschen an Bord variiert zwischen etwa 470 und etwa 500. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin ist der Verbleib von zwei Deutschen noch nicht geklärt.

Das Wrack trieb tagelang vor der albanischen Küste und konnte wegen schlechten Wetters lange Zeit nicht abgeschleppt werden. Schlepper hatten das havarierte Schiff erst am Freitagmorgen bis wenige Meilen vor den Hafen von Brindisi gezogen, wie aus Schiffstrackingdiensten hervorgeht. In dem ausgebrannten Schiff könnten noch weitere Opfer des Unglücks gefunden werden.

Die Fähre „Norman Atlantic“ geriet am Sonntag in Brand.
Foto: dpa
Die Fähre „Norman Atlantic“ geriet am Sonntag in Brand.

Mit „Geisterschiffen“ im Mittelmeer, die ohne Besatzung und vollgepfercht mit Flüchtlingen ihrem Schicksal überlassen werden, zeigen Schleuserbanden nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex „einen neuen Grad der Grausamkeit“. „Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters“, sagte Frontex-Pressesprecherin Ewa Moncure am Freitag in Warschau. Schon immer seien die internationalen Schleuserbanden rücksichtslos und menschenverachtend gewesen und hätten den Tod von Flüchtlingen auf Booten von Afrika nach Europa in Kauf genommen. „Wenn ein nicht seetüchtiges Schiff, das völlig überladen ist, in Seenot gerät, haben die im Lagerraum eingeschlossenen Menschen keine Chance.“

„Das ist ein Multimillionengeschäft“, sagte Moncure über den Schmuggel von Flüchtlingen, die auf eine bessere Zukunft in Europa hoffen. „Aus jedem dieser Flüchtlinge werden mehrere tausend Euro oder Dollar für den Transport auf See gepresst. Da lässt sich leicht ausrechnen, wie viel bei einem Schiff mit mehreren hundert Menschen zusammenkommt.“ Für die Schmuggler lohne sich daher die Rechnung, wenn ein ohnehin bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen