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Nach Germanwings-Absturz : Flugschreiber bestätigt: Copilot löste bewusst den Sinkflug aus

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Laut Datenschreiber wurde ein Sinkflug auf 100 Fuß im Autopiloten eingestellt. Danach erhöhte der Copilot mehrfach die Geschwindigkeit.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2015 | 11:42 Uhr

Seine-les-Alpes | Eine erste Auswertung des zweiten Flugschreibers hat bestätigt, dass der Copilot das Germanwings-Flugzeug bewusst in den Sinkflug brachte. Der Autopilot sei von dem Anwesenden im Cockpit so eingestellt worden, dass die Maschine auf 100 Fuß - etwa 30 Meter - sinkt, teilte die französische Untersuchungsbehörde Bea am Freitag mit. Während des Sinkflugs sei zudem mehrfach die Geschwindigkeit der Airbus-Maschine mit insgesamt 150 Menschen an Bord erhöht worden. Eine Auswertung des schon am Tag des Absturzes in den Alpen gefundenen Stimmrekorders hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Marseille bereits ergeben, dass der Copilot zum Zeitpunkt des Absturzes allein im Cockpit war.

In den französischen Alpen war der Airbus am 24. März auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einer Felswand zerschellt. Alle 150 Passagiere und die Crew kamen bei dem Unglück ums Leben, darunter 72 Deutsche. Mit an Bord: 16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus Haltern in Nordrhein-Westfalen.

 

Einsatzkräfte hatten am Donnerstag den zweiten Flugschreiber der in den Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine gefunden. Sie war seit dem Absturz am Dienstag vergangener Woche intensiv in den französischen Alpen gesucht worden. Der Flugschreiber sei am Nachmittag am Berg von einer Gendarmin entdeckt worden. Er sei verschüttet gewesen.

Die Blackbox wurde daraufhin zur Untersuchung zur französischen Untersuchungsbehörde BEA nach Paris gebracht. Dort war auch der erste Flugschreiber, der Voicerecorder, ausgewertet worden. Bereits am ersten Tag wurde der Voicerecorder entdeckt. Auf dem Stimmenrekorder sind Tonaufnahmen der Gespräche von Pilot und Co-Pilot sowie weitere Geräusche im Cockpit gespeichert.

Auf dem Datenrekorder werden auf allen Flügen etwa Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe oder Neigungswinkel der Maschine aufgezeichnet. Er speichert GPS-Daten und gibt so Auskunft über den genauen Ort eines Unglücks - auch wenn die Trümmer später weit verstreut sind.

Der 27 Jahre alte Copilot hat auch laut Auswertung des zweiten Flugschreibers offenbar seinen Kollegen aus dem Cockpit ausgesperrt und die Maschine mit Absicht in die Katastrophe gesteuert. Nach Erkenntnissen der Ermittler war er vor Jahren suizidgefährdet. Die Flugtauglichkeit war ihm jedoch bescheinigt worden. Für den Unglückstag war er krankgeschrieben.

Erhärtet wurde der Vorwurf auch durch Untersuchungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, die am Donnerstag mitgeteilt wurden. Demnach habe sich der Copilot bis einen Tag vor dem Absturz im Internet über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung informiert. Auch nach Sicherheitsmechanismen von Cockpittüren habe er gesucht, sagt die Staatsanwaltschaft. Entsprechende Begriffe wurden in Internetsuchmaschinen eingegeben. Die Ermittler hätten in der Düsseldorfer Wohnung des 27-Jährigen ein Tablet gefunden und die Daten darauf ausgewertet. Durch den Browserverlauf könnten die entsprechenden Suchanfragen nachvollzogen werden.

Alles deute darauf hin, dass der 27-jährige Copilot sein Tablet in den Tagen vor dem Absturz nutzte. „Der Browserverlauf war nicht gelöscht, insbesondere konnten die in der Zeit vom 16.3. bis zum 23.3.2015 mit diesem Gerät aufgerufenen Suchbegriffe nachvollzogen werden“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der Nutzer des Tablets habe sich „zum Einen mit medizinischen Behandlungsmethoden befasst, zum Anderen über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung informiert“, sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde.

„An mindestens einem Tag hat sich der Betreffende darüber hinaus über mehrere Minuten mit Suchbegriffen über Cockpittüren und deren Sicherheits-Vorkehrungen auseinandergesetzt.“ Welche Begriffe genau der 27-Jährige in Suchmaschinen eingegeben hatte, sagte die Behörde nicht. Zunächst müssten alle Beweismittel ausgewertet werden. „Aufgrund des Umfanges der Dokumente und der Vielzahl der Dateien sind weitere Ermittlungsergebnisse in den nächsten Tagen nicht zu erwarten“, betonte der Sprecher.

Auch in der politischen Debatte gibt es Bewegung: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) plädiert nach dem Absturz für schärfere Ausweiskontrollen an Flughäfen. Die Airlines sollten auch bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes die Identität ihrer Passagiere überprüfen, sagte der Politiker am Donnerstag in Dresden. Sonst wüssten die Fluggesellschaften unter Umständen nicht, wer tatsächlich im Flugzeug sitze. Dabei gehe es nicht um die Wiedereinführung von Grenzkontrollen in der EU, betonte der Minister. Der Vorschlag müsse nun mit den Partnern in der EU besprochen werden.

Bislang müssen Passagiere bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes nicht immer einen Ausweis vorzeigen, bevor sie eine Maschine besteigen. Hintergrund ist das Schengener Abkommen, dem sich bis auf wenige Ausnahmen alle EU-Staaten sowie einzelne andere Länder angeschlossen haben. Im Schengen-Raum gibt es keine systematischen Grenzkontrollen.

De Maizière zeigte sich außerdem zuversichtlich, dass es bis Ende des Jahres ein europäisches Fluggastdatenabkommen geben werde. Dabei geht es um die Überprüfung von Passagieren, die in die EU ein- oder ausreisen.

Die französischen Ermittler haben bei der Analyse der Leichenteile verschiedene DNA-Profile identifiziert. „Das bedeutet nicht, dass wir die 150 Opfer identifiziert haben“, schränkte Robin ein. Die DNA-Profile müssten nun mit den Vergleichsproben abgeglichen werden, die von den Angehörigen der Toten zur Verfügung gestellt wurden.„Diese Arbeit wird schnell beginnen können, von Anfang kommender Woche an“, sagte Robin. Er versprach, dass er jede Familie benachrichtigen werde, sobald eine Übereinstimmung vorliege.

Die Überreste der Opfer sollen erst an die Familien zurückgegeben werden, wenn alle identifiziert sind.

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