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Bootsunglück im April 2015 : Flüchtlingstragödie im Mittelmeer – Urteil verschoben

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Zwei Schleuser sind angeklagt. Sie waren von Überlebenden identifiziert worden. Ein Urteil soll kommende Woche fallen.

shz.de von
erstellt am 05.Dez.2016 | 18:31 Uhr

Catania | Ein italienisches Gericht hat das Urteil im Prozess um eine Flüchtlingskatastrophe, bei der vor mehr als eineinhalb Jahren bis zu 900 Menschen gestorben sind, verschoben. Es soll nun am 13. Dezember fallen, sagte Staatsanwalt Rocco Liguori der am Dienstag. Vor Gericht in Catania in Sizilien stehen zwei mutmaßliche Schlepper, die für das wohl schwerste Flüchtlingsunglück im Mittelmeer verantwortlich sein sollen.

Tausende Migranten fahren jede Woche von Afrika aus ab, fliehen vor Krieg, Konflikten, Verfolgung, Hunger und Verzweiflung. Immer wieder kommt es zu Unglücken, Hunderte sterben auf der gefährlichen Überfahrt. Doch wie viele Menschen tatsächlich Jahr für Jahr im Mittelmeer ums Leben kommen, weiß niemand so genau. Die meisten Opfer der Schiffsunglücke werden nie geborgen - die Zahlen lassen sich daher nur schätzen.

Die Behörden werfen einem der Angeklagten vielfache fahrlässige Tötung, Verursachen eines Schiffsuntergangs und Beihilfe zur illegalen Migration vor. Für den zweiten Angeklagten wurden sechs Jahre Haft beantragt. Es handelt sich um den tunesischen Kapitän des Flüchtlingsschiffes und ein syrisches Besatzungsmitglied. Sie waren damals von Überlebenden identifiziert und von den Behörden festgenommen worden.

Das Schiff war am 18. April 2015 vor gesunken, weil die Menschen an Bord in Panik geraten waren, als ein anderes Schiff zur Rettung nahte. Über 700 Menschen kamen bei einer der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer ums Leben.

Das Unglück, für das die beiden Männer verantwortlich sein sollen, ereignete sich in der Nacht etwa 70 Seemeilen (130 Kilometer) vor der libyschen Küste südlich der Insel Lampedusa. An Bord des etwa 20 Meter langen Bootes war nie genug Platz für alle Menschen gewesen. Das Wasser im Mittelmeer war zum Zeitpunkt im Frühjahr nur rund 16 Grad warm, zudem konnten viele der Migranten vermutlich nicht schwimmen. Nur 28 Menschen konnten lebend gerettet werden. Ein Überlebender sprach später von sogar bis zu 950 Menschen an Bord.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sprach von der schlimmsten Tragödie der jüngsten Vergangenheit in der Region. „Die Grausamkeit der Schleuser ist unglaublich, sie haben das Boot bis zum Unmöglichen gefüllt“, sagte damals Carlotta Sami, Sprecherin des UNHCR. Ihren Angaben nach starben im April 2015 mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer.

Tragödien im Mittelmeer

November 2016 Bei insgesamt vier Bootsunglücken sterben mindestens 340 Flüchtlinge im Mittelmeer.
Juli 2016 Eine Halbjahresbilanz geht von bis zu 3600 Flüchtlingen aus, die im Mittelmeer ertrunken sind.
Juni 2016 Ein Flüchtlingsboot kentert nahe Kreta. An Stränden in Libyen werden 117 Leichen entdeckt.
Ende Mai 2016 Innerhalb von nur einer Woche sterben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR mindestens 700 Menschen bei mehreren Schiffunglücken.
August 2015 Vor der Küste Libyens sollen beim Untergang zweier Flüchtlingsboote mindestens 200 Menschen umgekommen sein. In den Tagen zuvor ersticken rund 100 Flüchtlinge in Laderäumen von Schiffen.
April 2015 Vor der libyschen Küste kentert ein Flüchtlingsboot mit vermutlich mehr als 700 Menschen an Bord. Nach Angaben eines Überlebenden sollen sogar bis zu 950 Menschen an Bord gewesen sein. Mehr als 140 Leichen werden geborgen. Nur 28 Menschen werden gerettet.
Februar 2015 Vor der italienischen Insel Lampedusa kommen möglicherweise mehr als 330 Flüchtlinge ums Leben. Mindestens 29 von ihnen sterben während der Überfahrt von Libyen nach Italien in kaum seetüchtigen Schlauchbooten an Unterkühlung.
September 2014 Nur zehn Menschen werden gerettet, als ein Boot mit angeblich mehr als 500 Migranten im Mittelmeer untergeht. Überlebende berichten, dass Menschenschmuggler das Schiff mit Syrern, Ägyptern, Palästinensern und Sudanesen auf dem Weg nach Malta versenkt hätten.
Juli 2014 Bei einer Flüchtlingstragödie vor Libyens Küste ertrinken mindestens 150 Menschen. Die libysche Küstenwache findet Leichen und Wrackteile eines Schiffes vor der Stadt Khums.
Oktober 2013 Mehr als 360 Flüchtlinge ertrinken bei Lampedusa. Ihr Boot fängt Feuer und kentert. Die Küstenwache kann 155 Menschen in Sicherheit bringen. Sie stammen überwiegend aus Somalia und Eritrea.
Juni 2012 54 Flüchtlinge sterben, als sie bei starken Winden in einem Schlauchboot von Libyen aus Italien erreichen wollen. Ein Mann aus Eritrea überlebt.
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