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Internationale Pressestimmen : Flüchtlingsdrama: Das sagt die Welt zu Deutschland und Europa

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„Rassismus und Stacheldraht“ – und ein fehlender Blick auf die Ursachen der Flucht: Das schreiben internationale Medien über Europas Flüchtlingsdrama.

„Magyar Nemzet“ aus Ungarn: Funktioniert der ungarische Staat überhaupt?

„Warum ist es nicht möglich, jene (Flüchtlinge) menschlich, zivilisiert und europäisch höflich zu behandeln, die nicht nur unsere Arbeitsplätze nicht wegnehmen, sondern noch nicht einmal einen Tag in Ungarn bleiben wollen? Angesichts der Lage am (Budapester) Ostbahnhof kommt die Frage auf, ob der Staat überhaupt funktionsfähig ist. Wenn es schon so schwer ist, mit etwa 2000 Menschen angemessen umzugehen, sie zu informieren und zu bremsen - wie sollte dann erst die Sperre der (ungarischen) Südgrenze gut funktionieren?“

„El Mundo“ aus Madrid: Deutschland als Vorbild

„Deutschland gibt mit der Solidarität, die es den Flüchtlingen entgegenbringt, ein Vorbild ab, dem die anderen Staaten in Europa folgen sollten. Die EU scheint vergessen zu haben, dass sie mit der Idee entstanden war, die Grenzen auf dem Kontinent zu überwinden.  Im Gegensatz zur inakzeptablen Haltung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den größten Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg in tadelloser Weise. Wenn die Flüchtlinge in Ungarn sagen, sie wollten nach Deutschland und nicht nach Europa, hat dies viel zu bedeuten. Es zeigt, dass die EU gescheitert ist.“

Regionalzeitung „Ouest France“: Flüchtlingspolitik zwischen Heuchelei und Moral

„Frankreich hat die Wahl zwischen zwei Positionen. Die erste ist die Heuchelei, die darin besteht, weiterhin möglichst wenig zu tun und dabei lauthals die Achtung der Werte zu beteuern. Unsere Verantwortlichen verurteilen osteuropäische Länder, die sogar noch weniger machen als wir. Sie geißeln Ungarn, das einen Stacheldraht gezogen hat, (...) wie wir das in Calais gemacht haben. Sie fordern europäische Regelungen beim Asylrecht, ohne in der Zwischenzeit unsere eigenen Praktiken zu verändern. Die andere mögliche Haltung wird diktiert von Menschenrecht und moralischer Haltung. Sie besteht darin, jetzt und gleich Leben zu retten.“

Schweizer „Tagesanzeiger“: Zynisch

„Ungarn hat die Pflicht, die Außengrenze der Europäischen Union zu schützen, und Ungarn hat das Recht, auf die Einhaltung des Dublin-Abkommens zu pochen. Ungarn kann auch von Brüssel mehr Geld fordern. Aber all das darf eine Regierung, die Sicherheitskräfte und das Bahnpersonal nicht daran hindern, Kriegsflüchtlinge mit einem Minimum an Würde zu behandeln, sie mit ausreichend Wasser und Essen zu versorgen, Toiletten aufzustellen und eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen.

Das ist keine Frage des Geldes, das kann keine Frage der Organisation sein. Wer elementare Hilfe verweigert und stattdessen Flüchtlinge politisch missbraucht, wer ihnen verspricht, sie könnten ausreisen, und sie in einen Zug lockt, nur um sie dann in ein Übergangslager zu bringen, wer den Zug mit Kindern stundenlang in brütender Hitze stehen lässt, wer jede Information verweigert und stattdessen bei den eigenen Wählern gegen Menschen in Not auch noch hetzt und sie als Bedrohung der eigenen Kultur diffamiert, der handelt nicht wie ein Christ und nicht wie ein Mensch. Der handelt wie ein Zyniker.“

„Times of India“: Anstiftung zu Angst

„Europa ist Zeuge vom Erfolg stark fremdenfeindlicher rechtsgerichteter Gruppen, die die Angst anstiften, dass Ausländer ihre Jobs wegnehmen könnten. Sicher auch darin enthalten ist die Angst vor Rasse und Religion: Muslime kommen ist christliche Europa. Das Wachsen der Rechten scheint auch die Parteien der Mitte gezwungen zu haben, deren Agenda anzunehmen, sei es in Griechenland, Frankreich, Ungarn, sogar in Detuschland.“

„Neatkariga Rita Avize“ aus Lettland: Haltung zu Flüchtlingen muss sich ändern

„Bei der Haltung gegenüber Flüchtlingen zeigt sich eine riesige Lücke zwischen den Gesellschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte freie Welt gebildet haben, und denjenigen, die gezwungen waren, hinter dem Eisernen Vorhang zu leben. Die unterschiedliche Einstellung zeigt, wie stark Lettland von der 50 Jahre andauernden Besatzungszeit betroffen ist. (...) Flüchtlinge sollten nicht als Zahlenmaterial betrachtet werden, sondern als Menschen mit Einzelschicksalen. Ändert sich die Einstellung, ändert sich hoffentlich auch das Land zum Besseren.“

„Lidove noviny“ aus Tschechien: Schwarzer Peter für den Osten

„Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, aber warum gerade dorthin? Nach Ansicht der osteuropäischen EU-Staaten lockt Deutschland sie selbst an, mit seiner großzügigen Asyl- und Sozialpolitik und verschiedenen Ankündigungen seiner Politiker. Dem Westen zufolge wollen die Flüchtlinge nach Deutschland, weil die postkommunistischen Barbaren keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Dem Osten Europas wird also der Schwarze Peter zugeschoben. Als einzig wirksames Argument gegenüber Deutschland erscheint der Appell an die Regeln, denn darauf hören Deutsche. Für Europa wäre es gut, wenn etwa Finanzminister Wolfgang Schäuble die Migrationsagenda übernehmen würde. Er ist ein ausgezeichneter Jurist und ein Bulldozer, wenn es um die Durchsetzung von Regeln geht - das hat er im Falle Griechenlands bewiesen. Vielleicht könnte er die sprichwörtliche deutsche Liebe zu den Regeln auch beim Schutz der Schengengrenze zur Anwendung bringen?“

„de Volkskrant“ aus Amsterdam: Zusammenbruch von Schengen droht

„Bundeskanzlerin (Angela) Merkel hat sich für die Einführung eines verpflichtenden Systems ausgesprochen. Doch es sieht danach aus, dass sich viele EU-Länder querstellen. Dabei spielt eine Rolle, dass sie Angst davor haben, noch mehr Souveränität nach Brüssel abzugeben.

Dennoch scheint ein verbindlicher Verteilschlüssel die einzige Möglichkeit zu sein, den Zusammenbruch von Schengen - also des Systems offener Grenzen innerhalb der EU - zu verhindern. Zudem geht es um eine beschränkte Übertragung von Befugnissen, die nur in Krisenzeiten erfolgt, wenngleich diese Krise vermutlich lange anhalten wird. Ein solches System muss allerdings auch gepaart sein mit steinharten Absprachen, Migranten rasch zurückzuschicken, die kein Anrecht auf Asyl haben.“

„Washington Post“: Stacheldraht und Rassismus

„Hunderttausende verzweifelte Syrer, Afghanen, Iraker, Somalier und andere sind in diesem Sommer zu gefährlichen Reisen über das Mittelmeer aufgebrochen oder haben sich auf beschwerliche Wege durch Südosteuropa gemacht in der Hoffnung, dass reiche, demokratische Nationen ihnen einen sicheren Hafen bieten, entsprechend des internationalen Gesetzes und ihrer eigenen Vorgaben. In einem schockierenden Ausmaß wurde ihnen mit Gleichgültigkeit, Herablassung oder der kalten Feindschaft von Stacheldraht und Rassismus begegnet.“

„Al Jazeera“ aus Katar: Gründe für Flucht angehen

„Wenn der politische Wille nicht da ist, diesen Umfang [der Flüchtlinge] zu bewältigen, dann wird noch weniger Neigung da sein, zuerst die Gründe dafür anzugehen. Tatsächlich haben Europa und der Westen eine Lösung vermieden, seit die Region nach dem Arabischen Frühling implodierte und der IS aufstieg.“

„Khaleej Times“ aus Dubai: Europa kann nur auf Symptom antworten

„Während wir uns an Europa wenden, sollten wir nicht vergessen, dass Europa nur auf ein Symptom antworten kann. Die anhaltenden Kriege in Syrien und im Irak, die Schlüssel dieser Krise, brauchen eine globale Antwort.“

 
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erstellt am 04.Sep.2015 | 12:54 Uhr

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