Mehr Zeit für Computer : Finnland schafft Schreibschrift-Pflicht an Schulen ab

Gerade Jungen sollen in Finnalnd motorische Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Schreibschrift haben.
Gerade Jungen sollen in Finnalnd motorische Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Schreibschrift haben.

Ob Schüler die Schreibschrift erlernen, wird ihnen selbst überlassen. Sie sollen sich auf den Computer konzentrieren. Bei Twitter macht sich deshalb ein Nutzer Gedanken um die Stromversorgung.

shz.de von
13. Januar 2015, 15:30 Uhr

Helsinki | Schüler in Finnland müssen demnächst nicht mehr die Schreibschrift erlernen. Zum Herbst 2016 werde diese Pflicht abgeschafft, sagte ein Sprecher des finnischen Bildungsministeriums am Dienstag. „Das wird dann in unseren Schulen freiwillig sein.“

Stattdessen sollen die Schüler mehr Zeit darauf verwenden, auf iPad- und Computertastaturen tippen zu lernen. „Dafür brauchen sie Zeit“, sagte Irmeli Halinen, Leiterin der Lehrplan-Entwicklung. Viele Lehrer hätten beklagt, dass gerade Jungen motorische Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Schreibschrift hätten. Auch in den oberen Klassen erfordere die besondere Schrift viel Übung.

Bei Twitter gibt es zum Thema folgende Kommentare:

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Denn ja, ich bin der letzte Mensch über 15, der tatsächlich noch Schreibschrift benutzt -.-</p>&mdash; Robin (@robin_urban) <a href="https://twitter.com/robin_urban/status/554979307928690688">13. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p><a href="https://twitter.com/muellermanfred">@muellermanfred</a> <a href="https://twitter.com/falkoloeffler">@falkoloeffler</a> Die Schreibschrift wird doch jetzt schon immer weniger gelehrt. Blöd, wenn man sie dann auch nicht lesen kann</p>&mdash; Tintenelfe (@Tintenelfe) <a href="https://twitter.com/Tintenelfe/status/554953845902966784">13. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Finnland schafft die Schreibschrift an Schulen ab. Nun ja, die waren schon mal Eishockey-Weltmeister. Werden wohl wissen, was sie tun.</p>&mdash; Passenger Faber (@passenger_faber) <a href="https://twitter.com/passenger_faber/status/554978763126358016">13. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Finnland schafft die Schreibschrift ab <a href="http://t.co/8nlPrEb9zu">http://t.co/8nlPrEb9zu</a> und Deutschland ist entsetzt... Finnland ist PISA-Sieger. Und Deutschland? ;)</p>&mdash; sebbl (@_sebbl_) <a href="https://twitter.com/_sebbl_/status/554951396077080576">13. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Die Finnen wollen die Schreibschrift abschaffen. Und was macht diese neue Generation, wenn der Strom ausfällt!?</p>&mdash; Hena (@27H_AD7) <a href="https://twitter.com/27H_AD7/status/554938818454114304">13. Januar 2015</a></blockquote>

An der Blockschrift wollen die Finnen aber auch nach der Schulreform festhalten. „Wir geben das Schreiben mit den Händen nicht auf“, sagte Halinen. „Finnische Kinder werden auch weiterhin lernen, mit einem Stift zu schreiben.“

Schreibschwache Schüler bereiten Schulpraktikern auch hierzulande Kopfzerbrechen. In einer Umfrage versucht der Lehrerverband gerade herauszufinden, wie ernst die Schwierigkeiten sind - und welche Lösungen es geben könnte. Den Schülern das Lernen der Schreibschrift zu ersparen, sei „pädagogisch absolut falsch“, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus: „Man müsste mit Maßnahmen zur Förderung der Feinmotorik darauf antworten.“

Deutsche Bildungsminister wie der SPD-Politiker Mathias Brodkorb aus Mecklenburg-Vorpommern sehen in der Ausgangsschrift noch mehr: „Schreibschrift ist eine Kulturtechnik, die erhalten bleiben muss“, sagt er der „Ostsee-Zeitung“ vom Dienstag. Wer sie schreiben lernt, hat auch eine individuelle Handschrift, heißt es oft. Trotzdem wird der Verzicht inzwischen auch an deutschen Schulen geprobt.

Während der Streit in Deutschland die Gemüter seit langem erhitzt, war der pragmatische Schritt in Finnland kaum umstritten, sagt Halinen. „Es gab ein paar wenige Diskussionen, aber wir finden, dass Kultur nicht mit einer bestimmten Art Handschrift verknüpft ist“, sagt die Finnin. „Es ist wichtiger, dass die Kinder überhaupt Lesen und Schreiben lernen.“ Dass einige ausländische Medien berichtet hätten, Finnland wolle die Handschrift ganz aus dem Unterricht verbannen, ärgert Halinen. „Finnische Kinder werden auch weiterhin lernen, mit einem Stift zu schreiben.“ Dafür reichen aber in Zukunft Druckbuchstaben statt Schnörkelschrift, meinen die Nordeuropäer.

Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung sieht das völlig anders: „Die Schreibschrift ist ein komplexerer Vorgang, als Buchstaben nur per Druckschrift aneinanderzureihen“ - oder sie gar auf dem Computer zu tippen. Das sei schließlich auch unromantisch, findet Lehrerverbands-Chef Kraus. „Ein Liebesbrief ist von Hand geschrieben doch emotional etwas ganz anderes als eine SMS oder eine auf der Tastatur getippte Nachricht.“ Die elektronische Kurznachricht dürfte handgekritzelte Liebesbriefe allerdings ohnehin schon aus den Klassenzimmern verdrängt haben.

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