Nach Unfall mit zwei Toten in Bermervörde : Filmen von Unfallopfern: Niedersachsen will Gesetz gegen Gaffer

Ein Auto raste am Sonntag ungebremst in eine Eisdiele in Bremervörde. Zwei Menschen starben.
Ein Auto raste am Sonntag ungebremst in eine Eisdiele in Bremervörde. Zwei Menschen starben.

Bei einem tragischen Unfall am Sonntag sterben zwei Menschen. Schaulustige, die Fotos machen wollen, behindern die Arbeit der Polizei und verletzen bei einem Gerangel zwei Beamte.

shz.de von
09. Juli 2015, 12:23 Uhr

Bremervörde | Zwei Menschen starben, als ein Auto in eine Eisdiele in Bremervörde raste - jetzt fordert Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (CDU) das Fotografieren und Filmen von Unfallopfern zu verbieten. „Wir brauchen dringend einen entsprechenden Straftatbestand“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Hannover. Am Rande des Unfalls in Bremervörde am Sonntagabend hatte es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Schaulustigen und Polizisten gegeben. Ein 25-Jähriger wollte mit seinem Handy den Unfallort sowie den Abtransport der Schwerverletzten filmen und soll dabei sein Handy sogar in einen Rettungshubschrauber gehalten haben. Damit störte er aber den Einsatz der Rettungskräfte. Dem Mann wurde das Filmen untersagt. Daraufhin kam es zu einem Gerangel, zwei Polizisten erlitten leichte Verletzungen.

Am Sonntag war eine 59-jährige Fahrerin nach den bisherigen Ermittlungen an einer T-Kreuzung mit ihrem Fahrzeug über die Hauptstraße von Bremervörde gerast, anstatt in eine Einmündung einzubiegen. Ungebremst krachte der Wagen in das Schaufenster einer gut besuchten Eisdiele. Ein 65 Jahre alter Mann und ein zwei Jahre alter Junge starben. Neun weitere Menschen wurden bei dem Unglück in der Stadt im Landkreis Rotenburg verletzt, zwei von ihnen schwer. Auch die Fahrerin des Unfallautos wurde verletzt. Mehr als 60 Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr waren an den Rettungsarbeiten am Sonntag beteiligt. Notfallseelsorger betreuten die Unfallbeteiligten und die Zeugen, aber auch Rettungskräfte.

Pistorius sagte, bei Unglücken werde immer häufiger „die rote Linie“ überschritten. Ihn mache das respektlose Verhalten der Gaffer wütend: „Ich bin richtig auf Zinne.“ Da sich die Opfer in der Regel nicht selbst gegen die Aufnahmen wehren könnten, sei es die Schutzaufgabe des Staates, für ihre Rechte einzutreten.

Die Bilder und Videos seien ein „schwerer Verstoß gegen die Würde der Menschen“, betonte Pistorius. Außer Journalisten könne niemand die Aufnahmen mit einem Informationsrecht für die Öffentlichkeit rechtfertigen. Dies gelte ausdrücklich auch für sogenannte Leserreporter, die ihre Bilder gegen eine Abdruckprämie an Boulevardzeitungen weitergeben würden.

Für den Vorstoß erhielt Pistorius Lob von der oppositionellen CDU. „Wir brauchen Regelungen, die Schaulustige abschrecken - gleichzeitig müssen wir aber dafür sorgen, dass die Berichterstattung und Dokumentation bestimmter Ereignisse im Sinne des öffentlichen Interesses nicht grundsätzlich verhindert wird“, sagte die innenpolitische Sprecherin der Fraktion, Angelika Jahns.

Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Dietmar Schilff äußerte sich am Wochendende gegenüber dem NDR zu den unschönen Szenen: „Es ist ehrverletzend und menschenunwürdig, dort zu filmen, wo Menschen im Blut liegen und um ihr Leben ringen und die Einsatzkräfte alles tun, um zu retten“. Für die Polizei sei das ein Riesenproblem. Die Grenze verlaufe ganz klar dort, wo die Arbeit der Einsatzkräfte behindert werde. „Das muss geahndet werden, und es können Bußgelder bis zu 5.000 Euro ausgesprochen werden“, sagte Schilff.

Bislang ergab die Untersuchung, dass der Unfallwagen in einem intakten Zustand war. „Es sieht so aus, dass keine Mängel vorlagen“, sagte Polizeisprecher Heiner van der Werp am Mittwoch. Das gelte auch für die Bremsen des Autos. Eine von mehreren Möglichkeiten sei, dass die 59-Jährige Gas- und Bremspedal verwechselt habe. Die Verursacherin des Eisdielen-Unfalls will sich allerdings vorläufig nicht zu dem Unglück äußern. Die 59-Jährige, die noch in einem Stader Krankenhaus behandelt wird, lasse sich anwaltlich vertreten, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Donnerstag in Rotenburg mit. Gegen die Frau wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Geprüft wird, ob die Frau Alkohol getrunken hatte oder unter Medikamenteneinfluss stand. Vor diesem Hintergrund wurde die Wohnung der Autofahrerin durchsucht.

Für Donnerstag ist zum Gedenken an die Opfer eine Andacht in der St.-Liborius-Kirche in Bremervörde geplant.

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