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„Pokémon Go“ war gestern : „Fidget Spinner“: Was hinter dem neuen Spielzeug-Trend steckt

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In den USA schon längst Trend und auch in Deutschland immer beliebter: Kinder sind von „Fidget Spinners“ begeistert.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2017 | 13:09 Uhr

Flensburg | Es sieht aus wie eine Kreuzung aus Propeller, Ninja-Wurfstern und Ersatzteil aus der Eisenwarenabteilung im Baumarkt. Man hält es zwischen zwei Fingerspitzen, gibt einen kräftigen Schwung und schon dreht sich der „Fidget Spinner“. Nach dem Zauberwürfel, Finger-Skateboards und Spielzeug-Schleim haben die Spinners bei Kindern einen ziemlichen Hype ausgelöst – nach den USA mittlerweile auch in Deutschland.

„Fidget Spinner“ avancieren zum Spiele-Trend des Jahres. Neu ist das Gadget allerdings nicht. In den USA werden die Spinner seit Jahren zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Besonders auf Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten oder Autismus soll es eine beruhigende Wirkung haben – die allerdings bislang nicht nachgewiesen ist.

„Fidget“, das bedeutet so viel wie fummeln oder nervös herumzappeln. Zehn oder 20 Sekunden zwirbelt ein Spinner für gewöhnlich - vorausgesetzt, er kann so lange auf der Fingerkuppe balanciert werden. Beim Drehen erzeugen Spinners teils Muster oder Bilder, neue Modelle blitzen auf oder leuchten im Dunkeln. Videos im Internet zeigen auch Exemplare, die minutenlang frei drehen. Auf der Straße in New York kosten die Teile wenige Dollars, im Online-Handel gibt es aber auch Edel-Modelle für umgerechnet mehrere Hundert Euro. Die Beliebtheit des Spielzeugs sei durch die Decke gegangen, sagt Adrienne Appell, Sprecherin des US-Spielzeugverbands Toy Association. In Deutschland sind die Spinner schon für wenige Euro auf gängigen Shoppingportalen zu haben.

Während Kids die Spinners sammeln, tauschen, in der Schule damit handeln und sich an Tricks üben, haben viele Lehrer die sausenden Drehscheiben satt. Schulen in den Staaten Massachusetts, Connecticut, Florida und Indiana haben sie bereits aus den Klassenzimmern verbannt. „Es ist ein Spielzeug, keine Frage, und der Schulleiter hat es wie jedes andere Spielzeug eingestuft: Es gehört nach Hause“, sagt etwa Lehrerin Theresa Restivo-D'Onofrio, dem Magazin „Working Mother“. Ihre Grundschule im New Yorker Stadtteil Brooklyn hat Spinners ebenfalls verboten.

„Für mich als Lehrerin lenkt das ab“, sagt Diane Felice, die an der Swanson Middle School in Arlington Kunst unterrichtet. Einzige Ausnahme: Wenn die Eltern dem Kind schriftlich erlauben, Spinners im Unterricht zu nutzen, weil es sich dann besser konzentrieren kann. Den therapeutischen Nutzen für Kinder mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder Autismus, den Hersteller bewerben, ist wissenschaftlich bisher aber nicht nachgewiesen.

Judith Falaro, Professorin für Sonderpädagogik an der Quinnipiac University in Connecticut, hält diese Form des Marketings für „ungerecht“. Spinners könnten eine beruhigende Wirkung haben bei Stress oder Angststörungen helfen - an Spinners als Werkzeug in einer Therapie glaubt sie nicht. Ein Kind hätte ihr sogar gesagt, dass das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ langsam unbeliebter werde und Spinners dessen Platz eingenommen hätten. „Das hat mir bestätigt, dass dies ein Spielzeug ist“, sagt Falaro.

Spielwaren, die unruhigen Händen etwas zum Kneten, Drücken oder Drehen geben sollen, gibt es schon länger - und auch für Erwachsene. Ein „Fidget Cube“ ist etwa ein „Fummel-Würfel“, der die Finger des Nutzers mit kleinen Rädchen, Knöpfen und Hebelchen beschäftigen soll. „Fummel' bei der Arbeit, im Unterricht und mit Stil“, bewarb eine Kickstarter-Kampagne das „Schreibtisch-Spielzeug“ vergangenen Sommer. Vinnie Spolidoro aus Arlington hatte auch Spielzeug-Schleim, mit dem man knetbare Stress-Ballons basteln kann.

Der Spinners-Hype mag erst ein paar Wochen alt sein, doch die Idee dazu hatte Catherine Hettinger bereits in den 80er Jahren. 1997 meldete sie ein entsprechendes Patent für das Spielzeug an, das junge Kinder ablenken und beruhigen soll. Weil ihr Patent auslief, verdient sie an den vielen Spinners-Fans heute allerdings kein Geld.

Erste Tutorial-Videos in deutscher Sprache sind im Netz zu finden. Über 900.000 Youtube-Nutzer klickten dieses Video mit Tricks für Anfänger bereits an:

Wer hofft, dass die Spielzeuge die sonst zunehmend auf Smartphones starrenden Kinder etwas in ihre Umgebung zurückholt, könnte sich zu früh gefreut haben: Ein Lehrer im New Yorker Stadtteil Queens sagte der „New York Daily News“ Anfang Mai, dass er fast einen Jungen angefahren habe. „Er ist mir vors Auto gelaufen, total fokussiert auf seinen Fidget Spinner.“

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