Hitzewelle im Mai : Faszination Unwetter: Hochkonjunktur der Sturmjäger

'Wenn ich unter dem Aufwindbereich einer mächtigen Gewitterwolke stehe, dann fühle ich etwas, das sich mit nichts anderem vergleichen lässt', sagt Sturmjäger Benjamin Wolf.

„Wenn ich unter dem Aufwindbereich einer mächtigen Gewitterwolke stehe, dann fühle ich etwas, das sich mit nichts anderem vergleichen lässt“, sagt Sturmjäger Benjamin Wolf.

Unwetter ist ihr Lieblingswetter: In diesem Monat herrschen ideale Bedingungen für Sturmjäger.

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28. Mai 2018, 19:48 Uhr

Ihr Auftrag: Stürmen und Gewittern hinterherjagen. Ihre Ausrüstung: Meist eine Videokamera. Ihr Ansporn: Bloß keinen Blitz und Donner verpassen. Das ist kurz zusammengefasst die Welt der Sturmjäger. Und in dieser Welt herrscht gerade Hochkonjunktur. 

Auslöser sind die heißen Temperaturen im Mai. Durch die Hitze laufen auch die Facebook-Gruppen der Sturmjäger heiß.

Ein Sammelbecken für Sturmjäger ist die Facebook-Gruppe „StormChasers-Germany“. Ein aktueller Beitrag zeigt ein tief hängendes Wolkengebilde, sogenannte „Scud Clouds“, in der Nähe von Bremen:

 

Für viel Aufsehen unter den Sturmjägern sorgte kürzlich ein Tornado-Video aus dem Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen:

Solche Momente wollen die Sturmjäger live erleben.

Aktuelle Wettervorhersagen für die niedersächsische Küste gibt die Gruppe „Sturmjäger Ostfriesland“.

Zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist in einem aktuellen Beitrag auch ein Gewitter an der ostfriesischen Küste bei Dornum:

Die Gruppe „Stormchasing NRW NordWest“ hat Sascha Manke eröffnet. Sein Hobby sei die Beobachtung, Dokumentation und Analyse von Extremwetterereignissen im nordwestlichen Nordrhein-Westfalen, gibt er im Info-Bereich an. Täglich erscheinen neue Wetter-Posts von ihm. Oft teilt er auch Beiträge von anderen Sturmjägern.

Auch Oli König, so gibt er seinen Namen im Facebook-Impressum an, gehört zu den Sturmjägern. Sein Revier ist der Landkreis Limburg-Weilburg in Hessen.

Wettervorhersage: Viel Hitze und Gewitter

Derzeit herrschen perfekte Bedingungen für Sturmjäger. Das Ende des Frühlingsmonats Mai bleibt sommerlich, kündigte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Montag an. Mit Temperaturen von mehr als 30 Grad sind vielerorts Hitzetage möglich. Allerdings könnten nicht nur die Temperaturen empfindlichen Menschen auf den Kreislauf schlagen. Denn Tief „Wilma“ sorgt wie bereits an den vergangenen Tagen für feuchte subtropische Luft.

„Dann bilden sich tagsüber immer wieder kräftige Hitzegewitter, die durch den kaum vorhandenen Höhenwind nur sehr langsam ziehen und somit lokal eng begrenzt sintflutartige Regenmengen bringen können“, sagte der Meteorologe Christian Herold. Also nicht gerade Freibadwetter, auch wenn mancher sich angesichts des schwülen Klimas dringend eine Abkühlung wünschen mag. Lediglich im Nordosten Deutschlands bleibt es trocken.

Nachdem es bereits am Dienstag zu zahlreichen Gewittern kommt, konzentrieren sich Blitz, Donner und Regenfluten am Mittwoch wahrscheinlich vorwiegend auf die Mitte Deutschlands. Wenn am Freitag der meteorologische Sommer offiziell beginnt, gelangt von Nordosten allmählich etwas trockenere Luft nach Deutschland. Die Gewitter werden nach DWD-Angaben dann in den Südwesten verdrängt. Hochsommerliche Temperaturen zwischen 27 und 31 Grad halten voraussichtlich auch noch am Wochenende an.

Das Vorgehen der Sturmjäger

Sturmjäger Benjamin Wolf aus Tübingen veröffentlicht auf seinem Blog umfangreiche Informationen zu seinem Hobby. Wolf erklärt beispielsweise wie Sturmjäger es schaffen, eine Gewitterzelle zu erreichen.

Die Jagd beginnt demnach schon ein bis drei Tage vor dem eigentlichen Gewitter. Der Sturmjäger schaut auf die Wettervorhersagen, wobei Wolf darauf hinweist, dass Gewitter auch für ausgebildete Meteorologen extrem schwierig zu prognostizieren seien. 

Satellitenbilder, Daten von Wetterstationen und aus diversen Computermodellen geben den Sturmjägern Anhaltspunkte, wo ein Gewitter sein könnte. Durch das Checken der Vorhersage können sie sich am Tag des Gewitters schneller positionieren.

Ist der Tag gekommen, schauen sie nochmals auf die aktuellen Entwicklungen und gleichen etwa Satellitenbild, Temperaturen und Windrichtungen ab. Wichtig ist dann vor dem Gewitter rechtzeitig loszufahren, um pünktlich am Bestimmungsort anzukommen. Dort wird das Ereignisse dann meist mit einer Foto- oder Videokamera dokumentiert. 

Der Kern der Gewitterzelle

Wenn sich Sturmjäger einem Gewitter nähern, wird es mitunter gefährlich. Wolf zufolge könne man ein Gewitter aus sicherer Distanz von einigen Kilometern beobachten oder sich auch deutlicher näher heran wagen. Es sei möglich, im niederschlagsfreien Bereich quasi direkt unter dem Gewitter zu stehen oder in der Kern der Zelle vorzustoßen. Die Szene bezeichnet dies als „core punch“. Wolf weist auf die Gefahren durch Sturm, Hagel, Tornados, Blitzschlag, Aquaplaning oder Überflutungen hin, die sich die Sturmjäger bei solch einem Vorgehen ausliefern und die für sie lebensgefährlich werden können.

Die Faszination für Wetterextreme ist für die Sturmjäger wie Wolf größer als die Angst vor den Gefahren. „Wenn ich unter dem Aufwindbereich einer mächtigen Gewitterwolke stehe, dann fühle ich etwas, das sich mit nichts anderem vergleichen lässt. Es ist eine Mischung aus Freude, Ehrfurcht, Angst, Demut, Spannung, Magie und Genugtuung. Ich fühle mich im Einklang mit der Natur und gleichzeitig sehr geerdet“, schreibt Wolf in seinem Blog.

(Mit dpa)

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