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Nach Einsparungen bei Wasserversorgung : Fast zwei Jahre giftiges Trinkwasser: Notstand in US-Stadt Flint

vom
Aus der Onlineredaktion

Menschen sind krank, Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Jetzt kommt Hilfe von US-Präsident Barack Obama, aber ein Ende der Trinkwasser-Krise in der US-Stadt Flint ist nicht in Sicht.

shz.de von
erstellt am 19.Jan.2016 | 13:42 Uhr

Flint | Es begann vor knapp zwei Jahren als Sparmaßnahme für eine arme Stadt im US-Staat Michigan. Seitdem ist das Trinkwasser in Flint mit Blei aus alten Leitungen belastet. Die Lage ist so dramatisch, dass Präsident Barack Obama für die Region den Notstand ausgerufen hat und Tausende Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder bangen. Bürger ziehen vor Gericht. Die Umweltbehörde EPA und Michigans Justizminister ermitteln, ob wichtige Vorschriften verletzt wurden. Der Skandal hat auch den Präsidentschafts-Wahlkampf erreicht.

Die Sparmaßnahmen in der Trinkwasserversorgung sind auch in Deutschland ein Thema. Bis zum Sommer 2013 förderte die Europäische Union Bestrebungen zur Privatisierung der Versorgung. Nach massiven Protesten aus den Mitgliedsstaaten wurde eine entsprechende Richtlinie zur Liberalisierung des Wassermarktes aber geändert.

Im Mittelpunkt steht die einstige Autostadt Flint, früher blühend, dann heruntergekommen und schließlich am Rande des Bankrotts. Da erschien es dem Bundesstaat billiger, die Wasserversorgung für die etwa 100.000 Einwohner umzustellen. Statt das kostbare Nass wie bisher aus dem Wassernetz des nahe gelegenen Detroit zu beziehen und diese Stadt dafür zu entlohnen, wurde im Frühjahr 2014 damit begonnen, den Flint River anzuzapfen, der durch Flint fließt. Aber der ist nicht gerade sauber, das Wasser als ätzend bekannt.

„Wir dachten, es ist ein Scherz“, schildert denn auch die langjährige Einwohnerin Rhonda Kelso. „Wir dachten, so etwas werden sie doch bestimmt nicht tun.“ Aber sie taten es, und schon wenig später floss eine schmutzig-braune und komisch riechende Brühe aus Kelsos Wasserhähnen daheim. Wie sich herausstellte, war Eisen daran schuld: Das Wasser hatte die Rohrleitungen angegriffen.

<p>Braune Brühe: Einwohner von Flint haben Proben ihres Trinkwassers aufgehoben, um die schlechte Qualität zu belegen.</p>

Braune Brühe: Einwohner von Flint haben Proben ihres Trinkwassers aufgehoben, um die schlechte Qualität zu belegen.

Foto: dpa

Aber schlimmer war das, was Kelso und Zehntausende andere Bewohner nicht sehen konnten. Etwa die Hälfte der Leitungen, die in Flints Häuser führen, sind aus Blei, das nach und nach ins Wasser gelangte. Später wurde Medienberichten zufolge bekannt, dass aggressives Wasser wie das aus dem Flint River laut Bundesvorschriften in der Kläranlage mit einem Anti-Korrosionsmittel hätte behandelt werden müssen - was aber unterlassen wurde.

Stattdessen versicherten städtische und staatliche Stellen der zunehmend besorgten Öffentlichkeit immer wieder, ihr Wasser sei sicher. Der - inzwischen abgewählte - Bürgermeister Dayne Walling trank sogar vor laufenden Fernsehkameras demonstrativ aus einem Glas.

Derweil klagten immer mehr Bürger über Hautausschläge, Übelkeit und Haarausfall. Als Wissenschaftler an der Universität Virginia Tech im vergangenen August das Wasser in 271 Häusern testeten, trauten sie ihren Augen nicht. In manchen Fällen, berichtete die „Washington Post“, war der Bleigehalt so hoch, dass das Wasser nach EPA-Standards in die Kategorie „Giftmüll“ fiel. „Wir haben in den 25 Jahren unserer Arbeit niemals solche hohen Bleiwerte gesehen“, sagte Mediziner Marc Edwards, der die Tests durchführte.

Eine alarmierte Ärztin stellte bei der Auswertung der Ergebnisse von Untersuchungen zudem fest, dass sich die Zahl von Kindern mit übermäßigem Bleigehalt im Blut binnen 18 Monaten verdoppelt hatte. Bleivergiftungen können lebenslange schwere Gesundheitsprobleme verursachen - von Nierenschäden über Verhaltensstörungen bis hin zu Gedächtnisverlust.

Nach Ausrufung des Notstandes: Soldaten unterstützen nun die Trinkwasser-Verteilung an die Bevölkerung.
Nach Ausrufung des Notstandes: Soldaten unterstützen nun die Trinkwasser-Verteilung an die Bevölkerung. Foto: dpa
 

Erst im vergangenen Herbst, so beklagen die Bürger, räumten die zuständigen Stellen schließlich ein, dass es ein Problem gibt. Seitdem hilft die Nationalgarde, Wasser an die Einwohner auszuteilen. Zwar wurde Flint im Oktober wieder an das Detroiter Versorgungssystem angekoppelt, aber da die Leitungen bereits angegriffen sind, fließt weiter bleihaltiges Wasser aus ihnen, das nach Einstufung von Experten nur zum Waschen, aber nicht zum Trinken geeignet ist. Und wie lange es so bleibt, ist unklar. Möglicherweise müssen die Leitungen ganz ausgewechselt werden, was enorm teuer wäre.

Inzwischen hat Gouverneur Rick Snyder den US-Präsidenten um Hilfe gebeten. Obama rief den Notstand für die Region aus und lässt nun für drei Monate Wasser, Filter und andere Ausrüstungen nach Flint schicken. Einwohner haben eine Sammelklage eingereicht, die sich vor allem gegen den Staat richtet: Er hatte seinerzeit für das verarmte Flint einen Notfinanzverwalter eingesetzt und war daher für die Umschaltung der Wasserversorgung verantwortlich. Kelso gehört zu den Klägern. „Wir zahlen für Gift“, sagte sie dem Sender CNN.

Der Skandal hat auch den Wahlkampf um das Weiße Haus erreicht: Hillary Clinton, Bewerberin um die Kandidatur bei den Demokraten, äußerte sich auf einer Wahlkampfveranstaltung am Montag zu Flint. Sie sei „entsetzt“ über die Vorgänge, sagte Clinton und verband den Skandal mit der Frage der Diskriminierung afrikanisch-stämmiger US-Amerikaner. Die betroffenen Menschen in Flint seien „arm und mehrheitlich farbig“ und der Gouverneur des Bundesstaates habe gehandelt, als sei es ihm egal, dass sie vergiftetes Wasser trinken müssten, so Clinton. Dies sei „absolut inakzeptabel“.

Und auch Star-Regisseur Michael Moore, der bekannterweise kein Blatt vor den Mund nimmt, hat von sich hören lassen. Er wurde in Flint geboren und forderte in einem offenen Brief die Festnahme des Gouverneurs. „Dank Ihrer und der vorsätzlichen Handlungen Ihrer Regierung sind (...) anscheinend praktisch alle Kinder in meiner Heimatstadt vergiftet worden“, schrieb der Filmemacher („Bowling for Columbine“). „Und dafür gehören Sie ins Gefängnis.“

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