Nadka Ivanova : Erst Brandopfer – dann Opfer des Gesundheitssystems

Nadka Ivanova stand in Flammen und lag danach im Koma. danach folgten Behörden-Probleme: Das deutsche Gesundheitssystem fängt arme Menschen aus dem Ausland nicht auf.

Nadka Ivanova stand in Flammen und lag danach im Koma. danach folgten Behörden-Probleme: Das deutsche Gesundheitssystem fängt arme Menschen aus dem Ausland nicht auf.

Nadka Ivanova will sich ins Leben und in den Job in Bayern zurückkämpfen: eine Geschichte über das Menschenrecht auf Gesundheit, harte Gesetze und unermüdliche Helfer.

shz.de von
09. März 2018, 14:29 Uhr

München | „Als ich mich das erste Mal gesehen habe, habe ich mich wie ein Ungeheuer gefühlt.“ Brandwunden im Gesicht, ein Augenlid nur noch starr. Auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem grausamen Unfall spricht Nadka Ivanova darüber, wie ihr Zimmer in Flammen stand. Wie sie selbst in Flammen stand. Wie das Feuer ihr Wunden ins Fleisch brannte. Es blieben Narben, die sie bis heute zeichnen. Die ihr zwar nicht den Lebensmut raubten, die aber aus einer selbstständigen, mutigen Frau eine Hilfsbedürftige machten.

Nadka Ivanova, 55 Jahre alt, geboren in Bulgarien, verunglückt in München. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, was auch andere Männer und Frauen erleben, die im vergleichsweise sehr guten deutschen Gesundheitssystem durchs Raster fallen. Schätzungsweise 80.000 bis mehrere 100.000 Menschen in der Bundesrepublik können wie sie drastische Probleme bekommen, wenn sie krank werden. Dazu zählen Obdachlose, verschuldete Krankenversicherte, aber auch Bürger aus anderen Staaten der Europäischen Union, die in Deutschland einen Job suchen. In der Regel werden Letztere nur in Notfällen behandelt.

Dann geht es beispielsweise darum, akute Schmerzen zu lindern. Alles darüber hinaus – selbst Operationen, um die Funktion eines Augenlids wiederherzustellen – müssten selbst bezahlt werden. Von kosmetischen Eingriffen oder Reha-Maßnahmen ganz zu schweigen. Es drohen also für Menschen, die eh schon wenig Geld haben, Schulden über Schulden.

Für die arbeitssuchenden EU-Bürger gibt es spezielle gesetzliche Regeln, die 2016 – zwei Tage vor Heiligabend – verschärft wurden. Kritiker gehen zwar dagegen auf die Barrikaden. Sie konnten bislang aber nichts daran ändern. Für Nadka Ivanova hat sich dadurch nach ihrem Unfall das persönliche Drama weiter zugespitzt.

Gesundheitsversorgung als Glückspiel?

Ihre Geschichte in Deutschland beginnt vor rund anderthalb Jahren: Da kommt die Bulgarin nach München, um Arbeit zu suchen. Ihr Bruder ist mit seiner Familie schon da. Als Roma wird Ivanova in der Heimat diskriminiert. „Wenn Leute eingestellt werden, achtet man sehr auf das Aussehen“, übersetzt eine Dolmetscherin ihre Erzählung. Es ist die dunklere Hautfarbe, die die Herkunft sofort verrät, weshalb andere sie in eine Schublade stecken. 18 Euro Sozialhilfe habe sie bekommen, erzählt Ivanova. Pro Monat. „Sogar in Bulgarien kann man nicht mit 18 Euro überleben.“ Schnell findet Ivanova, ausgebildet in einer Schneiderei, einen Job als Reinigungskraft in einem Restaurant in München. Angemeldet, alles korrekt, versichert sie. Von den 450 Euro muss sie das Meiste für die Miete ausgeben. Weitere Hilfsgelder will sie nicht. Das betont sie immer wieder. Und das merkt man ihr an: Nadka Ivanova möchte auf eigenen Beinen stehen, nicht abhängig sein von anderen, vom Staat.

Am 17. Januar 2017 kommt sie morgens früh nach Hause, es ist kalt. Sie schaltet einen gasbetriebenen Wärmestrahler in ihrem Zimmer ein. Gegen 8.40 Uhr entzündet sich ein Feuer. Nadka Ivanova verliert kurz das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, steht der Raum schon in Flammen. Ihrer Erinnerung nach betet sie zu Gott.

Während die 55-Jährige das erzählt, hält sie sich ihre Hände mit gespreizten Fingern vor die Augen, richtet den Kopf nach oben. „Ich habe nicht gemerkt, dass ich verbrannt war. Ich stand unter Schock.“ Es folgt eine Explosion, vermutlich ging eine der Gasflaschen hoch. Sie sprengt ein Loch in die Wand, durch das Ivanova sich ins Freie retten kann.

„Die Frau wollte wohl vor dem Feuer flüchten und fuhr offenbar unter Schock stehend mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof“, heißt es im Polizeibericht über den Vorfall. Ein junger Mann habe sich um sie gekümmert, sie zu einer der Bänke am Gleis gebracht, sagt Ivanova. „Dort kollabierte sie am Bahnsteig und wurde notärztlich versorgt. Sie befindet sich in akuter Lebensgefahr und musste in einer Spezialklinik ins künstliche Koma versetzt werden“, so hält es die Polizei fest.

Der späte Schock

Drei Monate später wacht Nadka Ivanova im Krankenhaus auf. Ihr Bruder erzählt ihr, dass er sie identifizieren musste. Vom Feuer gezeichnet, die Haare verbrannt, an zig Geräte angeschlossen, habe er sie erst nicht erkannt. Es war eine Tätowierung am rechten Unterarm, die ihm half: Zdravka stand da – der Name der toten Schwester. Ivanova krempelt den Ärmel ihres grün-grau gestreiften Pullovers hoch. Heute ist nur unleserliche Tinte zu sehen.

„Meine ersten Versuche zu sprechen, waren nicht sehr erfolgreich“, schildert Ivanova. „Ich konnte keine ganzen Sätze sprechen.“ Auch ihre Familie schweigt: Der Bruder, die Neffen und Nichten verraten ihr nicht, was passiert ist. Erst als Ärzte die Verbände an den Armen wechseln, sieht Ivanova die Verbrennungen. „Aber ich habe nicht gewusst, dass ich im Gesicht verbrannt bin.“

Das erfährt sie erst später beim Blick in den Spiegel. „Das war so ein Schock für mich. Ich hab' gedacht, das bin nicht ich“, sagt Nadka Ivanova. In diesem Moment glänzen Tränen in ihren Augen. Die Frau, die die ganze Zeit so stark wirkte, mit kräftiger, dunkler, rauer Stimme ihre Lebensgeschichte erzählte, ihre Worte mit Gesten untermalte, wird auf einmal leiser, ruhiger, traurig.

Ihr rechtes Augenlid schließt seit dem Unfall nicht mehr. „Wie umgedreht“, beschreibt es Nadka Ivanova und greift mit den Fingern zum Auge, klappt das Lid ein stückweit um. Einige Brandwunden am Körper sind so heftig, dass Teile der Knochen zu sehen sind. Die Hände sind so stark betroffen, dass sie nicht greifen, nichts festhalten kann. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich es schaffe“, sagt die Bulgarin.

Die Angst vor armen Menschen

Weil alle Unterlagen – Anmeldungen, Steuernummer, Rechnungen – verbrannt sind, kann sie nicht beweisen, wer sie ist. „Die Ärzte haben geglaubt, dass ich illegal hier bin.“ Und weil sie vor der Brandkatastrophe nur geringfügig beschäftigt war, nicht aber Sozialleistungen beantragt hatte, ist Ivanova in Deutschland nicht krankenversichert. <Obwohl sie EU-Bürgerin ist, gelten für sie die seit Ende 2016 strengeren Regeln für die Gesundheitsversorgung.>

Arbeitssuchende etwa aus Bulgarien, die seit weniger als fünf Jahren in Deutschland leben, haben binnen zwei Jahren nur noch höchstens einen Monat Anspruch auf Gesundheitsversorgung. Und das auch bloß bei akuten Erkrankungen und Schmerzen sowie Schwangerschaften. Alle Behandlungen, alle Medikamente darüber hinaus, die für deutsche Krankenversicherte übernommen würden, müssten selbst gezahlt werden.

Je krasser die Verletzungen, umso höher im Zweifel die Schuldenberge. Das Bundessozialministerium – damals noch unter Regie von Andrea Nahles (SPD) – begründet die Gesetzesverschärfung mit Entscheidungen der höchsten Gerichte in Deutschland und der EU. Wer nur zur Jobsuche hier ist, könne von der Sozialhilfe ausgeschlossen werden. „Hiervon hat der deutsche Gesetzgeber Gebrauch gemacht.“

Doch das Gesetz stößt immer wieder auf heftige Kritik: Der Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg von den Linken findet, die Regierung mache es den Arbeitslosen in der EU so schwer wie möglich: „Die Abschottungsstrategen um Frau Nahles haben ganze Arbeit geleistet. Die Menschen dürfen so lange nicht zum Arzt, bis sie gehen und nicht wiederkommen.“ Er findet: „Die Angst vor armen Menschen aus der EU, die nach Deutschland kommen, ist hysterisch.“ Vielmehr sieht er die Gefahr, dass sich Epidemien ausbreiten könnten.

Hierzu verweist die Bundesregierung darauf, dass beispielsweise Ärzte Medikamente gegen übertragbare Krankheiten verabreichen dürfen und auch sonst alles zum Schutz der Bevölkerung getan werden solle. „Das gilt insbesondere auch für Schutzimpfungen.“

Schwammige Formulierungen im Gesetzestext

Doch es gibt noch mehr Punkte, an denen sich Kritiker stoßen. Da sind zum Beispiel die schwammigen Formulierungen im Gesetzestext – wann etwa ist eine Erkrankung „akut“? Die Bundesregierung schiebe die Verantwortung für kranke Menschen am Rande der Gesellschaft auf Kommunen, Gerichte, Ärzte und Krankenhäuser ab, sagte François De Keersmaeker vom Verein Ärzte der Welt, der sich wie viele Organisationen um Notleidende ohne genug Absicherung kümmert.

Und die Helfer stehen mit der Meinung nicht alleine da: Das Sozialgericht im rheinland-pfälzischen Speyer hat in einem Beschluss vom August festgestellt, die Regelung enthalte „nichts weiter als eine Kombination besonders unbestimmter Rechtsbegriffe, deren erkennbarer Zweck darin besteht, im Regelfall gerade keine existenzsichernden Leistungen zu gewähren, auch wenn Hilfebedürftigkeit besteht“. Das sei in manchen Fällen sogar verfassungswidrig. Das Gericht argumentierte dabei unter anderem mit der Menschenwürde nach dem ersten Artikel im Grundgesetz.

Auch könnten Krankenhäuser und Ärzte EU-Bürger abweisen, so befürchtet es die Linke. Oder Betroffene nehmen aus Angst vor hohen Kosten gar nicht erst Hilfe in Anspruch. Die Bundesregierung sah das Problem nicht. Sie antwortete, es müsse eben geklärt werden, ob der Patient krankenversichert sei oder wer für die Kosten aufkomme. Das ist aber in der Praxis gar nicht so einfach, wie eine Sprecherin der Deutschen Krankenhausgesellschaft – kurz DKG – erklärt. Krankenhäuser hätten nicht dieselben Möglichkeiten wie Behörden.

Strittig seien zudem Fälle, in denen chronische Krankheiten drohten akut zu werden. So springen Krankenhäuser zwar immer wieder als Nothelfer ein – blieben aber dann pro Jahr auf rund 50 Millionen Euro Kosten dafür sitzen.

Patienten haben Angst vor hohen Kosten

Immer häufiger engagieren sich daher Hilfsorganisationen wie der Verein Ärzte der Welt. In den meisten deutschen Städten gibt es solche Anlaufstellen und Unterstützer. Auf ihnen laste nun eine noch größere Verantwortung, sagt Referent Cevat Kara von Ärzte der Welt. 2017 – also direkt nach der Gesetzesänderung – sei die Zahl der Patienten in der Münchner Anlaufstelle um 30 Prozent auf rund 550 gestiegen.

Auch Nadka Ivanova wendet sich in ihrer Not an Ärzte der Welt. Die Klinik hatte sie verlassen – auch aus Angst vor ins Horrende steigenden Kosten. Der Verein organisiert nicht nur Kleidung, sondern Mitarbeiter gehen mit der Bulgarin zu Behörden, erklären ihr die Gesetzeslage, übersetzen. Und Ärzte kümmern sich ehrenamtlich um das Brandopfer. Das Team um Kara organisiert einen Mediziner, der das Augenlid operiert. Sie bekommt Physiotherapie und Cremes, damit die Narben möglichst gut verheilen, die Haut elastisch bleibt.

Das hilft: Inzwischen kann Nadka Ivanova ihre Hände wieder bewegen und zupacken – so wie es ihre energische Art ist. „Nach einem Jahr versuche ich wieder, am Leben teilzuhaben und alles zu erreichen, was ich will“, sagt sie. Mit der Zeit verliert sie auch die Hemmungen, das flammengezeichnete Gesicht öffentlich zu zeigen. „Ich fühle mich sehr, sehr gut.“ Fotos von früher, aus der Zeit vor dem Inferno, guckt sie sich heute auf ihrem Handy an, ohne dass Tränen fließen.

Doch alles kann auch der Verein nicht leisten. Mehr als 2000 Euro hätte alleine Kompressionskleidung gekostet, sagt Cevat Kara. „Aber es ging ihr auch nicht primär ums Aussehen. Sie wollte arbeiten.“ Der Referent sieht zudem Sprachbarrieren als Problem. „Die Sozialberatung ist sehr komplex. Nadka war traumatisiert. Aber es gab erstmal niemanden, der sie an die Hand genommen hat.“ So habe die Frau beweisen müssen, dass sie nicht über Besitz in Bulgarien verfügte.

Nadka Ivanova hilft auch ihr Gottvertrauen. „Ich bin sehr gläubig, bete jeden Abend und Morgen zu Gott.“ Über die Zeit im Krankenhaus erzählt sie, vom Paradies geträumt zu haben. „Es war sehr schön.“ Sie habe Jesus Christus gesehen: „Er hat gesagt, ich brauche keine Angst haben, Gott ist bei mir.“ Natürlich ist das eine ganz persönliche Angelegenheit, die Folgen medizinisch kaum einzuordnen. Daraus zieht Ivanova aber eine Lehre für andere: „Die Leute müssen eines kapieren: Die Hoffnung muss da sein, die gibt auch Kraft.“

Dass sie ihre Hände wieder bewegen und somit wieder arbeiten und finanziell auf eigenen Beinen stehen kann, sei ihr größtes Anliegen gewesen. „Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen“, sagt Nadka Ivanova mit einem Strahlen im Gesicht. „Jetzt möchte ich nicht mehr abhängig von irgendjemandem sein.“

Seit Anfang dieses Jahres hat Nadka Ivanova auch wieder einen Job: Sie putzt in einem Seniorenheim. „Die alten Menschen wollen sich mit mir unterhalten, aber ich verstehe sie nicht“, sagt die Bulgarin. „Jetzt ist es Zeit, Deutsch zu lernen.“

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