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Dortmund : Ermittler stellen Anschlag auf BVB-Mannschaftsbus nach

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Die Kriminalisten suchten ein weiteres Mal den Tatort ab. Auch eine Drohne kam zum Einsatz.

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2017 | 13:58 Uhr

Dortmund | Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft haben eine Woche nach dem Sprengstoff-Anschlag auf die Mannschaft des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund den Tatort rekonstruiert. Die Polizei ließ am Dienstagabend einen Bus noch einmal an der Stelle vorfahren, wo die Bomben explodiert waren. Ursprünglich war der Mannschaftsbus der Borussen-Elf dafür vorgesehen, doch wegen eines technischen Problems stand dieser nicht mehr zur Verfügung. Der Ort der Rekonstruktion war abgesperrt.

 

Zuvor hatten Ermittler die nähere Umgebung ein weiteres Mal nach Spuren abgesucht. Das BKA und die Bundesanwaltschaft erhoffen sich von der Aktion neue Erkenntnisse über den Angriff.

Ein Mitarbeiter der Dekra steuert eine Drohne über einen Ersatz-Bus und fertigt Luftbilder. Auch davon erhofft man sich neue Erkenntnisse.
Ein Mitarbeiter der Dekra steuert eine Drohne über einen Ersatz-Bus und fertigt Luftbilder. Auch davon erhofft man sich neue Erkenntnisse. Foto: dpa
 

Unbekannte hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco am Dienstag vergangener Woche drei Sprengsätze am Mannschaftshotel gezündet, als der Bus losfuhr. Dabei wurde der Abwehrspieler Marc Bartra in dem Fahrzeug von Splittern getroffen und schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma.

Der Blick aus dem Ersatz-Bus zeigt den Anschlagsort mit der Hecke, wo die drei Bomben gezündet wurden.
Der Blick aus dem Ersatz-Bus zeigt den Anschlagsort mit der Hecke, wo die drei Bomben gezündet wurden. Foto: dpa
 

Die Spieler haben mit den Folgen des Anschlags zu kämpfen. Dortmunds Mittelfeldspieler Nuri Sahin sagte jüngst, er wolle den Anschlag nicht verdrängen. „Ich packe das in eine Schublade. Und diese Schublade kann ich öffnen, aber auch schließen. Was passiert ist, das gehört jetzt zu mir und zu meinem Leben“, sagte der 28-Jährige dem Magazin „Stern“. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden. „Ich habe meinen inzwischen festgelegt. Ich will den Anschlag nicht verdrängen“, sagte Sahin.

Im ersten Moment des Sprengstoffanschlags auf den BVB-Bus vor dem Champions-League-Spiel gegen AS Monaco habe er an einen Steinwurf gedacht. „Deshalb habe ich auch nicht geschrien. Dann habe ich mich umgedreht und Marc gesehen, wie er geblutet hat. Und der Geruch, der kam auch, man hat gerochen, dass da etwas explodiert ist. Da dachte ich, das ist etwas Großes.“

Die Beamten konzentrieren sich bei ihren Ermittlungen auf drei zentrale Themen: den Sprengstoff, die Zünder - und die drei am Tatort gefundenen, gleichlautenden angeblichen Bekennerschreiben. Wichtige Fragen und Antworten in der Übersicht:

Gibt es eine heiße Spur?

Wohl nicht direkt - aber es gibt Anhaltspunkte. Die Ermittler konzentrieren sich auf das, was an handfesten Spuren am Tatort gefunden wurde: Reste des bei dem Anschlag mit zwei Verletzten verwendeten Sprengstoffs und der Zünder. Außerdem setzen sie immer noch darauf, dass die drei am Tatort gefundenen, gleichlautenden Bekennerschreiben bei der Aufklärung helfen. Fingerabdrücke sollen auf den drei Papierblättern nicht entdeckt worden sein.

Wie gefährlich war der Anschlag wirklich?

Ein Großteil der in den Rohrbomben enthaltenen Metallstifte ist nach Informationen der dpa über den Mannschaftsbus hinweggeflogen. Nach Einschätzung von Sicherheitskreisen wäre eine tödliche Wirkung sowie ein viel höherer Sachschaden wahrscheinlich gewesen, wenn die Sprengvorrichtungen in anderer Höhe montiert worden wären. Und: Ein BKA-Ermittler sagte der „Bild am Sonntag“, wären die Splitterbomben nur eine knappe Sekunde früher gezündet worden, hätte es bestimmt viele Schwerverletzte und möglicherweise auch Tote gegeben.

Wie gehen die Ermittler vor?

Am Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden haben die Experten nach Angaben einer BKA-Sprecherin auch während der Ostertage unter Hochdruck gearbeitet. Kriminaltechniker, Sprengstoffexperten und andere Ermittler hatten am Tatort und in dessen Nähe unter anderem Proben vom Boden, von Bäumen sowie von der Hecke genommen, in der die Sprengsätze versteckt waren. Es gebe ein „riesiges Spurenaufkommen“, heißt es in Ermittlerkreisen.

Sind Mannschaftshotel und Anwohner überprüft worden?

Ja - intensiv. Die Ermittler befragten Mitarbeiter und Gäste des BVB-Mannschaftshotels nach Auffälligem. Auch die im Hotel verwendeten Drucker wurden überprüft. Ergebnis: Die am Tatort gefundenen Bekennerschreiben wurden auf keinem Hotel-Printer ausgedruckt.

Die Ermittler gehen davon aus, dass sich der oder die Täter eine geraume Zeit am Tatort und in dessen Nähe aufgehalten haben. Die drei Sprengsätze wurden per Handy-Fernzündung zur Explosion gebracht - dazu dürfte der Täter die Abfahrt des Busses beobachtet haben. Außerdem mussten die Rohrbomben in der betreffenden Hecke in der Nähe des Mannschaftshotels versteckt werden. Die Behörden dürften daher besonderes Augenmerk auf die Daten der Funkzellen legen, in denen sich das Täter-Handy eingebucht haben müsste.

Gibt es schon Informationen über Sprengstoff und Zünder

Der verwendete Sprengstoff sei hochprofessionell, hieß es am Montag aus Sicherheitskreisen. Er könne, müsse aber nicht zwingend aus militärischem Bestand kommen. Die „Welt am Sonntag“ hatte Ermittlerkreise mit den Worten zitiert: „Der Sprengstoff in den Rohrbomben, die mit Metallstiften gefüllt waren, stammt eventuell aus Beständen der Bundeswehr.“ Eine BKA-Sprecherin sagte dazu: „Es ist noch viel zu früh, solche Aussagen zu treffen, da die kriminaltechnischen Untersuchungen noch laufen.“

Die Zeitung berichtete zudem, es seien militärische Zünder verwendet worden, deren Handhabung Fachkenntnis voraussetze und die sich nicht leicht beschaffen ließen. Auch für diese Details gibt es noch keine Bestätigung. „Das lässt sich noch nicht konkretisieren“, heißt es dazu in Sicherheitskreisen. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte am Donnerstag im Landtags-Innenausschuss von hochprofessionell gebauten Sprengsätzen mit enormer Sprengkraft gesprochen.

Was ist über den oder die Täter bekannt?

Noch nichts Konkretes - aber es gibt Hypothesen. Trotz der islamistischen Diktion der am Tatort entdeckten Schreiben („Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen...“) glauben die Ermittler eher nicht an einen Autor aus dieser Szene. Dagegen sprächen Details - von fehlenden Zeichen der Terrormiliz Islamischer Staat bis hin zur Wortwahl, die auf einen deutschen Muttersprachler hindeute.

Gibt es Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund?

Diese These rückte in der Zwischenzeit etwas stärker in den Fokus. So könnten die Tatort-Schreiben von Rechtsextremen genutzt worden sein, um bewusst eine falsche Fährte in Richtung Islamisten zu legen, heißt es. Laut „Bild“-Zeitung sagte ein Ermittler: „Aufgrund der Gesamtumstände gehen wir am ehesten von Tätern aus dem rechtsextremen Milieu aus.“ Am Montag hieß es dann, es werde weiterhin in alle Richtungen ermittelt.

Was ist mit der jüngsten angeblichen Bekenner-Mail?

In den Sicherheitsbehörden gibt es Zweifel, dass der Verfasser der Mail mit rechtsextremem Inhalt tatsächlich mit dem Anschlag zu tun hat. Der „Tagesspiegel“, bei dem die Mail am Donnerstagabend eingegangen war, schrieb, das BKA halte das Schreiben für das mutmaßliche Werk eines Trittbrettfahrers.

 
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