Berliner Tierpark : Eisbär-Baby stirbt nach nur 26 Tagen

Die Eisbärin Tonja mit ihrem Anfang Dezember geborenen Eisbär-Baby in der Wurfhöhle im Tierpark Berlin.

Die Eisbärin Tonja mit ihrem Anfang Dezember geborenen Eisbär-Baby in der Wurfhöhle im Tierpark Berlin.

Nach Knut im Zoo und Fritz im Tierpark ist auch der jüngste Wurf im Tierpark gestorben.

shz.de von
02. Januar 2018, 16:37 Uhr

Berlin | Traurige Nachricht für Berlins Tierfreunde: Das Eisbärenjunge im Tierpark ist knapp einen Monat nach seiner Geburt gestorben. Damit verliert Eisbärenmutter Tonja bereits zum zweiten Mal hintereinander ihren Nachwuchs. Im vergangenen Jahr war der kleine Eisbär Fritz als erster Wurf im Alter von vier Monaten plötzlich gestorben. Die Ursache ist bis heute nicht geklärt. Auch das zweite Jungtier, das nur 26 Tage alt wurde, wird nun im Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung obduziert.

„Es hat 12 bis 15 Stunden lang zu wenig Milch bekommen und ist dann hinweggeschlafen“, sagte Tierpark-Direktor Andreas Knieriem, der das Jungtier mit obduziert hatte. Das Eisbären-Weibchen sei ohne ausreichende Flüssigkeitszufuhr dehydriert. Warum das Tier nicht mehr trank, ist noch unklar. Bei weiteren Untersuchungen soll es um mögliche Infektionen gehen. „Es gab weder Blutungen oder Quetschungen noch Organveränderungen“, erklärte Knieriem. Ein Fehler der Eisbärenmutter sei nicht zu erkennen. „Man kann mit allen Jungtieren Glück und Pech haben“, sagte Knieriem. Der plötzliche Tod habe ihn aber auch sehr traurig gemacht. „Nach fast einem Monat hatten wir Hoffnung.“

Die Begeisterung nach der Geburt war groß gewesen, fast zehn Jahre nach der Euphorie um Eisbär Knut aus dem Zoo in West-Berlin. Noch am Neujahrstag waren Tierpfleger erfreut, das Eisbären-Junge wohlbehalten nach der Silvesternacht zu entdecken und bei Eisbärenmutter Tonja trinken zu sehen. Jede Störung und auch Lärm gelten als potenzielle Gefahren für die Eisbären-Aufzucht, und anders als bei Knut sollte das Junge auch nicht mit der Flasche aufgezogen werden. Zuletzt ging alles gut. Doch beim Blick auf die Überwachungskamera am Morgen des 2. Januar sahen die Pfleger nur noch einen leblosen Körper in der Box.

Der Berliner Tierschutzverein kritisierte am Dienstag die Eisbärenzucht in Zoos als „Sackgasse“. Dass mehr als 60 Prozent der Jungtiere in deutschen Zoos in den vergangenen Jahren nur wenige Wochen alt geworden seien, spreche nicht für eine artgerechte Haltung. Knieriem widersprach: Der Tod sei bitter, aber wie bei der Aufzucht von anderen Tierarten könne in Zoos – wie in der Natur auch – viel passieren. Berlin habe Glück mit Panzernashörnern gehabt – aber Pech mit Eisbären. Fehler bei der Haltung sehe er nicht.

Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass die achtjährige Eisbärenmutter Tonja und ihr sechsjähriger Partner Wolodja – beide im besten Eltern-Alter – genetisch nicht miteinander harmonierten. Deshalb sollen sie sich auch erneut paaren. Tonja hat bereits zum zweiten Mal hintereinander ihren Nachwuchs verloren.

Schon bei Fritz galt der Tod des Jungen nicht als Schuld der Eisbärin. Die achtjährige Tonja zeigte sich in den vergangenen Wochen erneut als sehr liebevolle Mutter, die ihr quiekendes Junges vorbildlich säugte, pflegte und zwischen ihren mächtigen weißen Vordertatzen wärmte. Erst am Wochenende hatte das Jungtier seine schwarzen Knopfaugen geöffnet. Videos aus der Überwachungskamera zeigten einen niedlichen kleinen Eisbären, der zuletzt mit vier winzigen Pfötchen munter strampelte und dem langsam ein weißes Fell wuchs. Geschätztes Gewicht: gerade Mal ein Kilo.

„Wir wussten, dass die Jungtiersterblichkeit in den ersten Wochen sehr hoch ist, dennoch sind wir deprimiert, und es macht uns traurig“, sagte Eisbären-Kurator Florian Sicks. „Für uns heißt es nun, die Bilder der Überwachungskamera auszuwerten und das Obduktionsergebnis abzuwarten“, ergänzte Zoo- und Tierparkdirektor Andreas Knieriem.

Bereits der Tod von Fritz im vergangenen März war ein herber Schlag für den Tierpark. Tonjas Wurfbox war für diesen Winter renoviert worden, um Hygienemängel auszuschließen. Wie im vergangenen Jahr hatte der Tierpark den Eisbären-Geburtstag am 7. Dezember öffentlich gemacht. Auch, weil sich im tierverliebten Berlin ohnehin kaum etwas geheim halten lässt. Wie 2016 galt die Devise, dass die Eisbärin absolute Ruhe braucht. Seit Anfang Dezember hat kein Pfleger mehr ihre Wurfbox betreten, von Besuchern oder Medienrummel ganz zu schweigen.

Tonja brauchte auch kein Futter, weil sie sich genug Winterreserven angefressen hatte. Die Beobachtung erfolgte allein über nagelneue Kameras. Per Livestream und Chat gab Kurator Sicks Auskunft über die Lebensweise von Eisbären – das Interesse war riesig. Der im Vergleich zum Zoo weniger bekannte Tierpark im Osten der Stadt bekam mehr als 10.000 Follower in sozialen Netzwerken.

Eisbär
2017 Tierpark Berlin/dpa

Das kleine Knäul ist kaum zu erkennen. Mutter Tonja liegt mit ihrem Nachwuchs kurz nach der Geburt in der Wurfhöhle.

 

Eisbären kommen sehr unreif auf die Welt, auch das macht das Sterblichkeits-Risiko so hoch. Sie sind nicht größer als Meerschweinchen, können nicht laufen und haben kein Fell. Tonja brachte in beiden Jahren Zwillinge zur Welt, jeweils nur ein Tier überlebte. Auch das ist in freier Natur nicht ungewöhnlich. Die ersten zehn Tage gelten für den überlebenden Nachwuchs als besonders kritisch. Aus der unsicheren Phase der ersten Wochen war auch der neue Wurf noch nicht heraus. Der Tod von Eisbär Fritz nach drei Monaten kam dagegen im vergangenen Jahr sehr viel unerwarteter.

Für den Tierpark ist der neue Todesfall auch ein finanzieller Verlust. Die Eintrittsgelder zum Mini-Eisbär-Gucken hätten ab Frühjahr helfen können, die Sanierung von Gehegen mitzufinanzieren. Und Eisbär-Junge sind für Zoos immer auch Botschafter für den Artenschutz im Zeitalter des Klimawandels.

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