Eine halbe Million Deutsche flüchten in die digitale Welt

Drogenbeauftragte fordert Ausweitung der Hilfsangebote für Internetsüchtige

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10. Oktober 2012, 03:59 Uhr

Berlin/Lübeck | Internetsucht muss nach Ansicht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, als eigenständige Krankheit anerkannt werden. Damit Betroffene adäquat behandelt werden könnten, müsse diese Form der Sucht in die internationalen Diagnoseverzeichnisse aufgenommen werden, sagte die FDP-Politikerin gestern in Berlin. "Dies muss durch die medizinischen Fachgesellschaften geschehen."

Grundlage könnte eine repräsentative Studie sein, die die Universitäten Lübeck und Greifswald bereits im August vorgelegt hatten. Demnach sind in Deutschland etwa 560 000 Menschen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren internetabhängig, 2,5 Millionen nutzten das Internet exzessiv. Ein Hinweis auf eine Internetsucht ist es, wenn Betroffene die Kontrolle darüber verlieren, wie lange und häufig sie am Computer sind.

Ledige und arbeitslose Männer sind besonders gefährdet, sich so sehr in den Tiefen des Netzes zu verlieren, dass sie den Bezug zur Realität verlieren. Darunter leiden dann die Arbeit oder der Schulbesuch, mitunter auch einfache Dinge wie Essen und Waschen. "Das geht bis zur körperlichen Verwahrlosung", erklärte Dyckmans.

Nach der neuesten Auswertung der Erhebung kommen 0,7 Prozent aller 25- bis 64-Jährigen in Deutschland nicht mehr von Online-Spielen oder Sozialen Netzwerken los. Mit einem Prozent sei der Anteil bei Männern mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen (0,4 Prozent). "Die Betroffenen flüchten in eine virtuelle Welt. Dort bekommen sie Anerkennung und Belohnung", so Dyckmans, die akuten Handlungsbedarf sieht. Prävention, Beratungs- und Behandlungsangebote müssten ausgeweitet werden. Insbesondere die Schulen, aber auch die Eltern könnten dazu beitragen, dass nicht noch mehr Jugendliche exzessiv am Computer spielten. Hilfreiche Werkzeuge seien etwa Programme, die bestimmte Webseiten oder gar das Gerät nach einer gewissen Zeit sperrten. "Auch die Sucht beratungsstellen müssen ihre Berater fortbilden", fordert Dyckmans. Zudem brauche es mehr Kliniken, die sich auf die Behandlung von Internetsüchtigen verstünden.

Noch wüssten die Forscher zu wenig über die Internetsucht, sagte Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck. Weitere Erkenntnisse sollen eine Folgestudie bringen.

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