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Ein Puzzleteil fehlt: Adoptierte wollen ihre Geschichte kennen

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Düsseldorf (dpa/tmn) ? Es fühlen selbst die Jugendlichen, die behütet in ihrer Adoptivfamilie aufwachsen: In meiner Geschichte fehlt etwas. Sie möchten ihre leiblichen Eltern kennenlernen ? und müssen sich auf eine lange Suche einstellen.

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erstellt am 31.Mai.2013 | 05:33 Uhr

Düsseldorf (dpa/tmn) ? Es fühlen selbst die Jugendlichen, die behütet in ihrer Adoptivfamilie aufwachsen: In meiner Geschichte fehlt etwas. Sie möchten ihre leiblichen Eltern kennenlernen ? und müssen sich auf eine lange Suche einstellen.

Das Gespräch fühlte sich ganz normal an. Sie plauderten über ihre Hobbys, und Katja erzählte von der Schule. Als ob sich zwei Freundinnen verabredet hätten. Dabei saß die 17-Jährige gerade zum ersten Mal ihrer leiblichen Mutter gegenüber.

Sie trafen sich im Düsseldorfer Jugendamt, im Büro von Erika Becker-Scharf, die für die Adoptionsvermittlung arbeitet und Katjas Mutter gefunden hat. Beim ersten Treffen war sie dabei. Ebenso wie Katjas Adoptiveltern. Solche Unterstützung ist mittlerweile üblich. «Jugendliche wissen im Allgemeinen, dass sie adoptiert sind», sagt Becker-Scharf. In vielen Fällen vermitteln die Ämter sogar Briefe und Fotos zwischen den leiblichen und den Adoptiveltern.

Auch Katja wusste früh, dass sie «in einem anderen Bauch gewachsen ist», wie es ihr ihre Familie als kleines Kind erklärt hatte. Briefe und Fotos hatte sie aber nicht. Mit 16 Jahren wurde ihr Wunsch größer, das fehlende Puzzleteil zu finden.

Ein typischer Zeitpunkt. «In der Pubertät fragt man sich, wer man ist», erklärt der Dresdner Sozialpädagoge Peter Kühn. Er hat für seine Doktorarbeit die Herkunftssuche erforscht und weiß: Adoptierte suchen, weil sie ihr Leben vervollständigen möchten. Sie möchten wissen, wem sie ähnlich sehen und ihre eigene Geschichte kennen.

Bei allen Suchenden, die Kühn für seine Arbeit befragt hat, fand er eine Gemeinsamkeit: «Alle waren glücklich, ihre leiblichen Eltern gefunden zu haben.». Selbst die, bei denen das Treffen viel schlechter als bei Katja verlaufen war. «Da löst sich eine extreme Spannung auf», beschreibt der Pädagoge das Gefühl.

Katja hatte Glück, sie und ihre Mutter waren sich sehr ähnlich ? und haben sich gut auf das Treffen vorbereitet. Wie wichtig das ist, weiß Helene Brune. Sie ist Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Adoptierter aus Bremen, eines Zusammenschlusses von Selbsthilfegruppen. «Die Suche ist ein langer Weg», sagt sie. Manche tragen die Telefonnummer ihrer leiblichen Eltern ein Jahr lang bei sich, bevor sie sich trauen anzurufen.

«Andere schreiben einen Brief mit der Bitte, sich kennenzulernen», sagt Brune. Am besten funktioniert das ihrer Meinung nach an einem neutralen Ort und mit Unterstützung einer vertrauten Person. Die Adoptierten sollten dazu schreiben, dass sie keine Ansprüche stellen, um die Empfänger des Briefes nicht zu verschrecken.

Zur Zurückhaltung rät auch Becker-Scharf vom Jugendamt. Sie hat erlebt, dass eine Jugendliche ihre leibliche Mutter über Facebook suchte. Sie veröffentlichte viele private Daten. Die leibliche Mutter war geschockt und wollte ihr Kind nicht sehen.

Zunächst ging es auch Katjas Mutter so, als sie einen Brief mit Katjas Wunsch nach einem Treffen erhielt. Sie hatte die Vergangenheit verdrängt. Da Katja allerdings den offiziellen Weg über das Jugendamt wählte, konnte Becker-Scharf behutsam mit der Frau reden und sie einen Monat später ihrem Kind vorstellen.

«Wir sind die ersten Ansprechpartner auf der Suche», sagt Becker-Scharf, «denn das Jugendamt ist zur Auskunft verpflichtet.» Adoptierte haben ab 16 Jahren ein Recht auf Akteneinsicht. Wenn sie jünger sind, können sie mit ihren Adoptiveltern kommen. Das Amt gibt den Namen der leiblichen Eltern und die Adresse zum Zeitpunkt der Adoption heraus. Danach geht die Suche alleine oder gemeinsam weiter. Becker-Scharf plant ein bis drei Treffen auf neutralem Boden im Jugendamt ein. «Wir gehen vorsichtig vor», sagt sie. «Es wäre schlecht, wenn Enttäuschungen am Anfang ständen.»

Deswegen moderiert sie die Treffen auch. Sie bremst die, die zu viel reden, und rät, nicht zu viele Details zu erzählen. «Geschichten, Kinderbilder und Erinnerungsstücke darf man mitbringen, man sollte sie aber erst zeigen, wenn es sich anbietet», sagt sie. Jugendliche sollten außerdem beim ersten Treffen nicht alle persönlichen Daten preisgeben.

Aber auch, wenn man sich auf das Treffen gut vorbereitet, kann es sein, dass die leiblichen Eltern Fremde bleiben. Selbst Katja, die sich gut mit ihrer unbekannten Mutter verstand, spricht nur selten mit ihr.

Schließlich hat sie eine Familie. Sie wollte nur das Puzzleteil finden und die Frage nach dem Warum beantwortet haben. Sie weiß jetzt, dass ihre Mutter jünger war als sie selbst, als sie schwanger wurde. «Dieses Wissen ist für die Suchenden heilsam», hat Herkunftsforscher Kühn herausgefunden. «Sie haben das Gefühl des Nicht-gewollt-Seins besiegt, und können den Grund der Adoption häufig nachvollziehen.»

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