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Musical in Hamburg : Ein Mal tanzen wie in „Dirty Dancing“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am 27. Mai hat das Musical „Dirty Dancing“ Premiere. Fragen stellen kann jeder - Mambo tanzen nicht. Ein Selbstversuch.

Es ist einer dieser Momente im Leben einer Frau, an denen sie im Stillen bei sich denkt: Warum hat die bei der Verteilung der Gene das große Los gezogen und ich nur die Billigversion bekommen? Ich stehe in einem Konferenzzimmer eines Marriott-Hotels in Hamburg und versuche möglichst unauffällig den Bauch einzuziehen und den Rücken gerade zu machen.

Marie-Luisa Kaster ist 27 Jahre jung und tanzt die Rolle der blonden Tanzlehrerin Penny im Musical „Dirty Dancing“. Kein Gramm Fett, keine noch so kleine Delle an den Oberschenkeln. Das einzige, was sich unter ihrem roten, engen Kleid abzeichnet, sind wohlgeformte Muskeln. Und das Schlimmste: Sie ist auch noch freundlich, charmant und plaudert gelassen aus dem Nähkästchen. Nur keinen Neid aufkommen lassen...

Eine Handvoll Presseleute sind heute eingeladen worden, um einen ersten Vorgeschmack auf die Bühnenversion des Kultfilms aus den 80er Jahren zu bekommen. Für diesen einen Pressetermin sind Penny (Marie-Luisa Kaster) und Johnny (Mate Gyenei) extra nach Hamburg geflogen. „Das macht uns nichts aus, wir lieben Hamburg“, erzählen sie später. Showstart ist in der Hansestadt jedoch erst am 27. Mai dieses Jahres.

Bequeme Kleidung sollten wir mitbringen, hieß es in der Einladung. Was damit gemeint war, wird mir erst jetzt so richtig klar. Anstatt uns in gepolsterte Stühle fallen lassen zu dürfen, belegte Schnittchen zu essen und Apfelsaft aus Mini-Fläschchen zu trinken, wird freundlich, aber bestimmt, zum Warm-up aufgefordert. Fragen stellen kann ja jeder – Mambo tanzen nicht. Wir sollen am eigenen Leib spüren, wie sich so ein Musical-Darsteller fühlen muss.

Hampelmann, Dehnübung, verzweifelte Sit-ups, bekomme ich hin. Schon nach zehn Minuten schwör ich mir, dass ich jetzt wieder regelmäßiger meine Mitgliedschaft im Fitnessstudio nutzen werde. Penny und Johnny hüpfen mit. Ich ringe nach Atem, lasse es mir aber nicht anmerken und versuche, ein entspanntes Gesicht zu machen. Jetzt Trockenübung, Mambo ohne Musik. Vier Schritte vor, mit den Hüften wackeln, Arme hoch und schön nach vorne beugen. Ja, wie jetzt? Sieht einfach aus. Ist es aber nicht. Für mich nicht und aus dem Augenwinkel sehe ich, dass auch meine Kollegen nicht wissen, was sie tun.

Unwillkürlich denke ich an „das ist mein Tanzbereich, das ist dein Tanzbereich“ als ich versehentlich der Pressefrau links neben mir auf die Füße trete. Immer schön bis Vier zählen. Einmal links, tipp, rechts, tipp, vorwärts, tipp, links, tipp, hinten, tipp. Wir versuchen es. Nach einer halben Stunde haben wir es kapiert, sieht allerdings weniger geschmeidig als bei unseren Vortänzern aus – erinnert aber stark an den Anfang des Stücks, als Babe ihre ersten unbeholfenen Mamboschritte versucht.

Bühnenreife haben wir nicht, aber verletzt hat sich auch keiner. „Ich habe eine Wassermelone getragen“, fällt mir ein. Schönes Wortspiel, denke ich mir, denn das Musical wird im Mai im bis dahin neu eröffneten Mehr! Theater, mitten im Hamburger Großmarkt aufgeführt. Da wo vorher noch Möhren lagerten, wird dann der Rote Teppich ausgerollt.

Ich erinnere mich noch gut an meine „Dirty Dancing“-Euphorie zurück. Damals hab ich mir die Haare zu einem Bob schneiden lassen und lange den Unschulds-Baby-Blick vor dem Spiegel geübt. Wohl kaum einer, der den Film nicht gesehen hat. Mate Geyenei, der in der Musical-Version die männliche Hauptrolle tanzt, hat ihn „von der Mutter genötigt“ schon mit zwölf Jahren verinnerlicht. Doch so richtig etwas damit anfangen, konnte er nicht. Der heute 30-Jährige mit den breiten Schultern, Armen wie Ofenrohren und dem Zahnpastalächeln tanzt seit seinem zehnten Lebensjahr. In seinem Heimatland Ungarn verdiente er sich seinen Lebensunterhalt allerdings mit Fußballspielen.

Die allumfassende Frage zuerst: „Wie schafft man es, so topfit zu bleiben?“ Die Antwort, wie soll es anders sein: „Gesunde Ernährung, viel Schlaf und jeden Tag Sport.“ Da waren sie wieder, meine drei Probleme.

Acht Shows in der Woche stehen auf dem Plan. Am Wochenende sind es Doppelvorstellungen. Montag haben die Darsteller ihren freien Tag. Ein Marathon-Programm. Um Ausgleich zu schaffen, wird dann auch noch ins Schwimmbad, zum Eisen stemmen und zum Stepkurs gegangen.

Jede Hauptrolle hat eine Zweitbesetzung, die im Falle eines Falles einspringen kann. „Dass jemand ausgewechselt werden muss, passiert zum Glück selten“, sagt Johnny. Während er so erzählt, stell ich diesen schwarzhaarigen Beau in Gedanken neben Patrick Swayze und finde auf Anhieb keine Ähnlichkeit. Doch tanzen kann Mate Gyenei mindestens genauso gut, bin ich jetzt schon überzeugt.

Ein Musical-Dasein ist ein Leben aus dem Koffer. Zur Zeit Düsseldorf, im Frühsommer Hamburg, dann weiter nach Graz, Frankfurt und die letzte Station wird Nürnberg werden. Um ihre Unterkünfte müssen sich die Darsteller selbst kümmern. Am liebsten wohnt Marie-Luisa Kaster in Ferienwohnungen, anstatt im Hotel, vor allem des „Selbstkochens“ wegen.

Die Truppe versteht sich gut, sagen die Hauptdarsteller. „Wir gehen auch zusammen aus, feiern Geburtstage und helfen uns gegenseitig“, so Kaster. Sie selbst hat eine neunjährige Tanzausbildung an der staatlichen Ballettschule Berlin und an der Schule für Artistik absolviert. Unter anderem war sie beim Deutschen Fernsehballett unter Vertrag und in verschiedenen Musical-Produktionen zu sehen. So oft es geht, fliegt sie in ihre Heimatstadt Berlin, auch um ihren Freund zu sehen. „Der kommt selbst aus der Branche und weiß, wie es läuft“, so die 27-Jährige.

Durchhängen, das gibt es für die beiden nicht. „Wir müssen uns selbst motivieren und fit halten. Da steht keiner neben uns und sagt uns, was wir tun sollen und was nicht.“ Anders als sonst können sich die beiden Hauptdarsteller ganz auf das Tanzen konzentrieren, denn in dieser Produktion singen sie nicht. Doch selbst für die routinierten Profis, sind die berühmten Hebefiguren eine Herausforderung. „Wir mussten lange üben, bis wir sie konnten“, erzählt der gebürtige Ungar. Die meiste Kraft muss Mate Geyenei bei „Johnnys Mambo“ aufwenden. „Aber ich hab so viel Spaß dabei, ich merke gar nicht, wie anstrengend das ist.“

Die Verletzungsgefahr sei bei „Dirty Dancing“ besonders hoch. Doch Knochenbrüche & Co. gab es bisher auf der Tour zum Glück keine. Kleine Patzer werden geschickt überspielt. „Es ist mir schon passiert, dass mein Kleid aufging oder mir der Absatz vom Schuh abgebrochen ist“, erinnert sich die Tänzerin. Dann wird improvisiert. „Die Zuschauer bekommen davon eigentlich nichts mit“, ist sich Mate Gyenei sicher.

Gut ein Dutzend Mal zieht sich „Penny“ während einer Show um. Ein Paar ihrer Tanzschuhe hält im Schnitt zwei Monate, dann sind sie durch. Auch wenn sie offensichtlich ein sonniges Gemüt haben, haben die Musical-Darsteller auch mal einen schlechten Tag. „Doch wenn man auf der Bühne steht, vergisst man alles um sich rum“, leuchten zwei Augenpaare.

„Dirty Dancing – Das Original Live on Tour“, 27. Mai bis 19. Juni, Hamburg, im neuen Mehr! Theater.
 

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