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Bestseller-Autor im Interview : Sebastian Fitzek: „Ein Frauenbuch hat mich begeistert“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Thrillerautor Sebastian Fitzek über Jojo Moyes, Smartphones am Abend und einen eklatanten Fehler im Münster-Tatort.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 19:27 Uhr

Sebastian Fitzek ist der deutsche Meister des Psychothrillers. Im vergangenen Monat erschienen: „Flugangst 7A“. Unser Autor trifft den 46-Jährigen in seinem Berliner Büro.

Herr Fitzek, auf dem Rückflug aus dem Urlaub hatte mein Sohn Sitzplatz 7A. Wie erleichtert muss ich sein, dass er den Flug überlebt hat?

7A ist nur für wenige eingeweihte Abergläubische ein Unglückssitz. Es gab mal einen Crashtest in der Wüste Neu Mexikos, bei dem ein mit Dummys besetztes Passagierflugzeug ferngesteuert zum Absturz gebracht wurde. Die schlechte Nachricht für alle, die Langstrecke in der Businessklasse fliegen: Die ersten sieben Reihen sind die Todeszone, den Dummy auf Platz 7A hatte es sogar herausgeschleudert.

„Passagier 23“ verschwand auf einem Kreuzfahrtschiff, nun verleiden Sie den Menschen mit „Flugangst 7A“ beinahe die Lust aufs Reisen. Wie verreisen Sie selbst?

Für innerdeutsche Flüge sehe ich kaum einen Grund. Da bin ich besser mit der Bahn oder dem Auto unterwegs. Bei weiten Reisen lässt sich das Fliegen kaum vermeiden, aber das macht mir keinen Spaß. Ich habe zwar keine Flugangst, aber Flugsorge.

Wenn Sie schon so ein komisches Verhältnis zum Fliegen haben, dann müssten Sie Raumfahrt ja total ablehnen.
Raumfahrt ist ja auch kein Vergnügen. Wenn es aber eine Möglichkeit für einen Flug ins All gäbe, die ähnlich komfortabel wie ein Billigflug wäre, würde ich sagen: Ja, wieso nicht? Je gravierender die Folgen eines Ereignisses sein können, desto mehr hinterfragen wir es.

Hinterfragen Sie gerade etwas?
Ich habe zaghafte Anfragen der Bundeswehr, ob ich nicht einmal in Afghanistan eine Lesung halten möchte. Ich fände es höchstinteressant und wahnsinnig horizonterweiternd, die Situation in diesem Land nicht nur aus Sekundärquellen oder den Nachrichten zu erleben, sondern vor Ort zu sein. Letztlich muss ich das abwägen.

Eine solche Entscheidung hat auch immer etwas mit Verantwortung zu tun.
Sicher, ich habe drei Kinder und eine Frau. Sich selbst zu verwirklichen und dabei kein Egoist zu sein – das ist ja gerade das Schwierige im Leben. Meine Familie verlässt sich darauf, dass ich berechenbare Entscheidungen treffe. Ein Sinn des Lebens liegt aber auch darin, so viele Reisen wie möglich zu machen, auch im übertragenen Sinne. Eine Reise nach Afghanistan ist ja nicht nur die Reise von A nach B, sondern auch die Entdeckung einer neuen Welt. Es geht auch immer darum, neue Menschen zu treffen, neue Freundschaften zu schließen. Das gilt auch für Bücher. Das größte Leseerlebnis erhält man, wenn ein Buch deine Erwartungshaltung komplett kreuzt und dich dadurch beflügelt und inspiriert. Eigentlich müsstest du in die Buchhandlung gehen und sagen, ich möchte genau das Gegenteil von dem, was ich zuletzt gelesen habe.

Gehen Sie selbst so vor?
Ja, unter anderem. Der Mensch ist ein emotionales Zwitterwesen. Auf der einen Seite strebt er nach Ritualen, nach Bestätigung, nach Sicherheit. Deshalb gehen wir immer wieder in dieselben Restaurants, lesen die Bücher vom selben Autor, um ein Gefühl zu wiederholen, das wir schon einmal hatten. Auf der anderen Seite sind wir aber auch Entdecker und Forscher und finden es irgendwann langweilig, jeden Tag das Gleiche zu essen, und merken, das Gefühl des ersten Mals nutzt sich ab, weil wir vergessen haben, zwischendurch zu neuen Reisen aufzubrechen. Egal, ob es um die Beziehung, den Urlaub oder das zwölfte Buch vom selben Autor geht.

Sie halten ein Plädoyer dafür, nicht Ihre Bücher zu lesen?
Ich lebe nach einer 80/20-Regel. Wenn ich viermal in denselben Ort gefahren bin, dann sage ich mir beim fünften Mal bewusst, jetzt machst du etwas ganz anderes. Und zwar etwas, auf das ich zu Anfang gar nicht gekommen wäre. Wenn ich viermal einen Thriller gelesen habe, dann gehe ich in die Buchhandlung und frage nach einem Buch, bei dem ich schon beim Cover weiß, das wurde nicht für mich geschrieben. Ich möchte gerne wissen, was die Leute daran gut finden.

Was war das zuletzt bei Ihnen?
„Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes. Ein totales Frauenbuch, Frauencover, nicht für mich gemacht. Ich habe das Buch gelesen und war begeistert.

Gilt noch ein Buch pro Woche?
Das schaffe ich nicht mehr. Wegen dieser verdammten Smartphones, die einen immer ablenken. Das Licht beim Smartphone ist ja so, dass es einen nicht müde macht. Wenn ich es dann beiseitelege und das Buch nehme, lese ich noch zwei Seiten und penne weg.

Was lesen Sie Ihren Kindern vor?
Die sind jetzt vier, sechs und sieben Jahre alt und möchten gerne, dass Papa sich Geschichten ausdenkt. Zum Beispiel eine Fortsetzungsgeschichte von drei Kindern, die eine Kreuzfahrt machen. Ich mache nämlich selbst auch gerne Kreuzfahrten. Ich war zuletzt sogar auf einer Lesungsreise auf der „MS Europa 2“ – allerdings mit der Auflage, nicht aus „Passagier 23“ zu lesen. Was etwas befremdlich ist, denn dieses Buch steht in der Schiffsbibliothek, und ich durfte es einem Offizier und fast der gesamten Crew signieren.

In Ihren Büchern spielt Brutalität eine wichtige Rolle. Haben Sie selbst mal Gewalt erfahren?
Nein, an mir persönlich nicht. Ich habe aber viele Menschen kennenlernen dürfen, die leider Opfer von Gewalt wurden. Opfer von psychischer Gewalt, Menschen, die sich selbst Gewalt angetan haben aufgrund seelischer Verletzung. Ich habe gemerkt, warum ich Psychothriller schreibe. Mich interessieren die Opfer viel mehr als die Serienkiller. Mich interessiert immer, welche Auswirkungen die Gewalt hat auf einen Menschen, der in der Regel nicht darauf trainiert ist, mit Gewalt umzugehen. Deshalb schreibe ich auch keine Ermittler- oder Detektivgeschichten. Ich nehme einen Menschen, der aus dem Nichts heraus in einer Situation ist, auf die er sich nicht vorbereitet hat. Das zwingt ihn dazu, alle Masken, die er in seinem Leben aufgesammelt hat, fallen zu lassen und instinktiv zu reagieren. Was er vorher theoretisiert, gesagt und gemacht hat, zählt nicht mehr. Es zählt nur noch, wie er handelt. Ich verfolge seine innere Reise durch den äußeren Impact der Gewalt

Das Gewaltlevel variiert von Buch zu Buch.

Es gibt Bücher mit Hunderttausenden von Leichen wie „Noah“, das wird aber gar nicht als gewalttätig empfunden. Und dann gibt es Bücher, die explizit gewalttätig sind und auch so empfunden werden, wie „Abgeschnitten“. Mit diesem Buch, das ich zusammen mit Rechtsmediziner Michael Tsokos geschrieben habe, wollte ich zeigen, wie eine Obduktion wirklich durchgeführt wird. Und nicht, wie man es beim „Tatort“ sieht, bei dem sie es noch nicht einmal schaffen, den Rechtsmediziner richtig zu benennen. Selbst beim Münsteraner „Tatort“ heißt es Pathologe. Dabei hat der Rechtsmediziner nichts gemein mit einem Pathologen. Dann könnten sie ihn auch Gynäkologen nennen. Die Aufgabenüberschneidung wäre ähnlich.

Haben Sie noch einen Lebenstraum?
All meine Lebensträume haben sich nicht verwirklicht. Deshalb geht es mir heute wahrscheinlich viel besser, als wenn sie sich verwirklicht hätten. Ich wollte erst Tennisspieler werden, dann Musiker, Manager einer Band, Tierarzt, Strafverteidiger. Und am Ende bin ich Autor geworden. Davor war ich schon beim Radio sehr glücklich als Redakteur. Das hatte ich alles nicht auf dem Plan. Mein Lebenstraum ist es, noch so viel wie möglich von der Welt zu sehen und interessante Menschen kennenzulernen.

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