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Kommentar zur Anklage gegen 91-Jährige : Ehemalige SS-Helferin aus Neumünster: Wer seine Pflicht tut, mordet mit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Entscheidung im Fall Gröning gibt der Verfolgung von NS-Verbrechen neue Bedeutung – wie für die Anklage gegen eine 91-Jährige. Ein Kommentar von Anette Schnoor.

„70 Jahre nach 45 – Frieden im Land?“ heißt eine Wander-Ausstellung, die gerade im Kieler Flandernbunker eröffnet wurde. Die rund 50 Künstler finden zu einer klaren gemeinsamen Aussage: „Die persönliche Auseinandersetzung mit den Folgen des Weltkriegs in Deutschland ist brandaktuell, für viele beginnt sie gerade erst“ – befördert vielleicht von den Flüchtlingsströmen, die uns brutal nah mit dem Thema Kriegsfolgen konfrontieren.

Das hat auch für die juristische Bewertung von NS-Verbrechen Folgen. So weicht die am Montag veröffentlichte schriftliche Begründung des Urteils gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning – den „Buchhalter des Todes“ – von einer jahrzehntelangen Rechtsprechung ab. Bisher war den Tätern jedenfalls ein einzelnes schuldhaft begangenes Verbrechen konkret nachzuweisen.

Nun erkannte das Gericht, dass Gröning Verbrechen begangen habe, weil er dem Regime „durch Rat oder Tat“ wissentlich Hilfe leistete. Er habe „das auf Tötung von Menschen ausgerichtete System fortlaufend“ unterstützt. Diese neue juristische Sicht auf die Dinge hat eine wichtige Botschaft: „Ja, es reicht zu gehorchen und mit ganz alltäglichen, sogar grundsätzlich harmlosen Tätigkeiten ein Mörderregime zu unterstützen, um sich schuldig zu machen.“

Die Entscheidung gibt der Verfolgung von NS-Verbrechen neue Bedeutung – zum Beispiel für die ebenfalls am Montag veröffentlichte Anklage vor dem Landgericht Kiel gegen eine ehemalige SS-Helferin im Vernichtungslager Auschwitz. Sie soll bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben. Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen wird ihr vorgeworfen.

Die Anwälte der Holocaust-Opfer fordern nun in diesem und in anderen Fällen eine ähnlich deutliche Entscheidung, wie sie mit dem Gröning-Urteil vorgelegt wurde.

Damit klar ist: Wer „nur seine Pflicht tut“ und mit ihr Menschen verachtende Politik oder plump-radikale Denkmuster befördert, wird schnell selbst zum Verbrecher. Regeln infrage zu stellen, ist heute so brandaktuell wie es gestern war und morgen sein wird.

Hintergrund: Mitte Juli hatte das Landgericht in Lüneburg den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning (94) wegen seines Einsatzes in Auschwitz wegen Beihilfe zum Massenmord zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Gröning hatte im Prozess gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“ ein. In seiner Aussage räumte er eine moralische Mitschuld am Holocaust ein.
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erstellt am 21.Sep.2015 | 20:28 Uhr

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