Nach Flucht aus Hochsicherheitsgefängnis : Drogenboss „El Chapo“: Video zeigt Minuten vor Flucht

Er zog sich noch festes Schuhwerk an, dann spazierte Joaquín Guzmán durch einen Tunnel in die Freiheit. Eine US-Organisation erklärt ihn erneut zum Staatsfeind Nummer 1.

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15. Juli 2015, 16:09 Uhr

Mexiko-Stadt | Nach der Flucht des mexikanischen Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán aus einem Hochsicherheitsgefängnis haben die Behörden Aufnahmen der Überwachungskameras veröffentlicht. Zu sehen ist, wie der frühere Chef des Sinaloa-Kartells in den letzten Minuten vor seinem Ausbruch in der Zelle umhergeht, sich auf das Bett setzt und die Schuhe wechselt. Dann verschwindet „El Chapo“ im Waschbereich.

Die Chicago Crime Commission (CCC) erklärte den Kartellchef unterdessen erneut zum Staatsfeind Nummer 1. Die US-Organisation hatte ihn bereits 2013 als solchen bezeichnet. Vor „El Chapo“ war nur der legendäre Gangster Al Capone in den 1930er Jahren auf diese Weise deklariert worden. „Guzmáns Sinaloa-Kartell ist der wichtigste Drogenlieferant in Chicago. Seine Leute importieren große Mengen Rauschgift in die Region und schicken Millionen Dollar an Drogengeldern zurück nach Mexiko“, sagte Kommissionspräsident J.R.Davis.

Guzmán werden in Mexiko und den Vereinigten Staaten unter anderem Drogenhandel und organisierte Kriminalität vorgeworfen. Die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft setzte ein Kopfgeld in Höhe von 60 Millionen Pesos (etwa 3,4 Millionen Euro) auf ihn aus. Es war bereits die zweite Flucht von „El Chapo“ aus einem Hochsicherheitsgefängnis. In einem Wäschewagen war er 2001 aus einer anderen Haftanstalt getürmt. Der Kartellchef gilt als einer der mächtigsten Verbrecher weltweit. Sein Sinaloa-Kartell soll allein mit dem Drogenhandel jährlich Milliarden US-Dollar umsetzen. Außerdem ist es in Produktpiraterie, Menschenhandel und Erpressung von Schutzgeld verwickelt.

Der nationale Sicherheitsbeauftragte Monte Alejandro Rubido sagte am Dienstagabend (Ortszeit) über die Videoaufnahmen: „Die Toilette und die Dusche liegen im toten Winkel der Kameras. Damit soll die Privatsphäre der Häftlinge gewahrt werden.“ Unter der Dusche endete der rund 1,5 Kilometer lange Tunnel, durch den Guzmán am Samstag geflohen war.

Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong schloss aus, dass die Wahrung der Privatsphäre den Ausbruch des Drogenbosses ermöglicht habe. „Der Respekt vor den Menschenrechten war in keiner Weise der Grund für die Flucht von Joaquín Guzmán“, sagte er.

Rubido erklärte, „El Chapo“ habe vor seiner Flucht kein auffälliges Verhalten gezeigt. Das rastlose Herumlaufen in der Zelle sei normal für Menschen, die über längere Zeit eingesperrt sind, sagte der Sicherheitsbeauftragte. Als Guzmán nicht mehr aus dem Waschbereich zurückkehrte, sei Alarm ausgelöst worden. Die nationale Sicherheitskommission zeigte auch Videoaufnahmen von dem unterirdischen Gang, durch den Guzmán geflohen war.

Der Tunnel ist etwa 1,70 Meter hoch, bis zu 80 Zentimeter breit und verfügt über elektrisches Licht sowie ein Belüftungssystem. Zudem war ein auf Schienen montiertes Motorrad zu sehen, mit dem offenbar das Erdreich aus dem Tunnel abtransportiert wurde. Klar ist, dass Guzmán Helfer innerhalb und außerhalb des Gefängnisses El Altiplano hatte. Wie ein solch aufwendiger Bau unbemerkt bleiben konnte, ist weiter ein Rätsel.

Direkt nach dem Alarm sei in der Umgebung des Gefängnisses im Bundesstaat México im Zentrum des Landes eine Großfahndung nach dem flüchtigen Drogenboss eingeleitet worden, sagte Rubido. Alle Sicherheitskräfte bemühten sich um die erneute Festnahme von Guzmán.

Die Sicherheitslage in Mexiko ändere sich durch die Flucht von „El Chapo“ nicht grundlegend, hieß es in einer Analyse des Sicherheitsunternehmens Stratfor. „Die Kräfte, die das organisierte Verbrechen antreiben, sind einfach stärker als ein einzelner Chef“, schrieben die Experten.

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