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Kolumbien und Ecuador : Drama in Mocoa: Über 200 Tote bei Unwetterkatastrophe

vom

Großteile der kolumbianischen Stadt an der Grenze zu Ecuador werden nachts von schweren Erdrutschen und reißenden Fluten zerstört.

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2017 | 10:00 Uhr

Mocoa | (Zusammenfassung 0215 - neu: höhere Opferzahl) Von Juan Garff und Georg Ismar, dpa (Foto - aktuell vom 1.4.) = 

Die Katastrophe traf die Menschen mitten im Schlaf: Bei Überschwemmungen und Erdrutschen sind in der südkolumbianischen Stadt Mocoa mindestens 206 Menschen ums Leben gekommen. Rund 200 Einwohner wurden verletzt und rund 400 werden vermisst, wie Radio Caracol unter Berufung auf das Rote Kreuz berichtete. Ganze Wohnviertel wurden unter Schlamm begraben oder weggerissen. Nach heftigem Regen waren drei Flüsse über die Ufer getreten. Die Verbindung auf dem Landweg nach Mocoa war unterbrochen, da zwei Brücken zerstört wurden.

In Kolumbien ereignete sich vor 31 Jahren auch die weltweit bisher schlimmste Katastrophe durch eine Schlammlawine. Nach dem Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz brachte die Lava die Eiskappe des 5390 Meter hohen Vulkans zum Schmelzen und löste damit im November 1985 eine Schlamm- und Gerölllawine aus, die die Stadt Armero auslöschte, 25.000 Menschen starben. Heute ist der Ort ein riesiger Friedhof.

Luftbilder zeigten schwere Schäden. Mocoa liegt in der Nähe der Grenze zu Ecuador, rund 630 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Bogotá. „Ein großer Teil der Bevölkerung ist von der Lawine quasi mitgerissen worden. Häuser in 17 Vierteln sind praktisch ausradiert worden“, sagte Bürgermeister José Antonio Castro. „Mein Haus wurde auch zerstört, der Schlamm steht bis an die Decke“, so Castro.

Die Flüsse Mocoa, Mulato und Sancoyaco hatten sich in der Nacht zu reißenden Strömen entwickelt, die wie Lawinen alles mitrissen, hinzu kamen mehrere Erdrutsche. In der Stadt, die 40.000 Einwohner hat, brach auch die Strom- und Wasserversorgung zusammen. Präsident Juan Manuel Santos sagte eine Kuba-Reise ab, um in die Katastrophenregion zu fahren. „Diese Tragödie lässt alle Kolumbianer trauern“, sagte er.

Er beorderte Einheiten der Streitkräfte in die Region, Soldaten nahmen alte Menschen Huckepack, um sie zu retten. Erst zuletzt wurden bei Überschwemmungen in Peru rund 100 Menschen getötet - aber dort hatte es nicht ein so katastrophales Einzelereignis gegeben.

Als Santos am Samstag in Mocoa eintraf, betonte er mit Blick auf die Opfer: „Wir wissen nicht wie viele es werden.“ Er verhängte den Katastrophenzustand, um die Hilfsmaßnahmen zu beschleunigen. Rund 2500 Helfer sind im Einsatz. Es ist wegen vieler verschütteter Häuser mit steigenden Opferzahlen zu rechnen. Die Menschen wurden in der Nacht zum Samstag gegen 23 Uhr von dem Unwetter überrascht.

Hintergrund: Fakten über Kolumbien

Kolumbien, das stand lange als Synonym für Kokain und Konflikt. Aber in den letzten Jahren nahm eines der schönsten Länder der Welt einen Aufschwung. Präsident Juan Manuel Santos erhielt für sein Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla den Friedennobelpreis.

Auch mit der letzen Guerillaorganisation, ELN, wird nun über Frieden gesprochen. Der Konflikt zwischen Guerilla, dem Militär und rechten Paramilitärs kostete seit 1964 über 220.000 Menschenleben. Mehrere Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Zwar versuchen in früheren Farc-Gebieten andere Banden den Drogenhandel zu übernehmen, aber das Land rückt einem dauerhaften Frieden Stück für Stück näher.

Das Land ist mit 1,14 Millionen Quadratkilometern rund dreimal so groß wie Deutschland. Von den gut 49 Millionen Einwohnern leben etwa 8,5 Millionen in der Hauptstadt Bogotá. Durch die Befriedung ganzer Regionen hat das Wirtschaftswachstum seit Jahren zugenommen, es gehört zu dem höchsten und stabilsten in Südamerika. Treiber sind unter anderem die Bauwirtschaft und der Agrar- und Rohstoffexport.

Neben Kaffee und Schnittblumen werden auch viel Erdöl und Steinkohle aus Kolumbien nach Europa exportiert. Am stärksten entwickelt sich aber der Tourismus. 2016 gab es die bisher höchste Hotelauslastung, 3,5 Millionen Besucher waren ebenfalls ein Rekord. Beliebt sind die prähistorische Stätte Ciudad Perdida, die malerische Karibikküste, die Trauminsel San Andrés und Cartagena, die weiße Kolonialstadt.

Das Motto lautet in Anlehnung an die Bücher von Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez: „Realismo Magico“ - „Magischer Realismus“. Kolumbien zählt zu den Ländern mit der größten Artenvielfalt.

 

Der Direktor der nationalen Katastrophenschutzbehörde, Carlos Iván Márquez, sagte, es habe ein Zusammentreffen mehrerer Ereignisse durch das Unwetter gegeben. Viele Menschen harrten wegen der Wassermassen auf Dächern aus, um gerettet zu werden. Erst langsam fielen die Pegel wieder und gaben das Ausmaß der Zerstörung in Mocoa frei. Angesichts der hohen Zahl an Verletzten könne die Versorgung nicht ausreichend gewährleistet werden, sagte die Gouverneurin des Departements Putumayo, Sorrel Aroca. „Uns fehlt Personal, um den Opfern der Tragödie zu helfen.“ Santos versprach, rasch Abhilfe zu schaffen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Opfern ihr Mitgefühl ausgesprochen. Die Kanzlerin sei bestürzt von den Bildern aus dem Katastrophengebiet in Mocoa und dem unermesslichen Leid der Menschen vor Ort, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Sonntag in Berlin. Sie hoffe, dass sich die Lage rasch stabilisiere, die Toten geborgen werden und die Überlebenden sichere Zuflucht finden könnten.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reagierte mit Betroffenheit auf die Katastrophe. „Mit mir sind heute viele Deutsche in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und bei den Frauen und Männern, die sich noch in Gefahr befinden und auf Rettung hoffen“, sagte Steinmeier am Samstag.

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