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"Die Gräfin" : Draculas Erbin

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In dem Drama "Die Gräfin" schlüpft Julie Delpy in die Rolle einer blutberauschten Adligen.

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erstellt am 29.Jun.2009 | 09:33 Uhr

Erzsébet Báthory (Julie Delpy) ist eine beeindruckende Frau. Ihre Schönheit ist ebenso berüchtigt wie ihre Gefühlskälte. Allein beim Liebesspiel mit dem wesentlich jüngeren Istvan (Daniel Brühl) lässt die ungarische Gräfin Emotionen zu. Umso frustrierter ist sie, als der Geliebte eines Tages nicht mehr an ihrem Schlafgemach anklopft. Báthory ist sich sicher, dass ihre verblassende Attraktivität schuld an seinem Fortbleiben ist. Wie besessen sucht sie daraufhin nach ewiger Jugend. In dem Blut unschuldiger Mädchen wird sie schließlich fündig.

Das Drama "Die Gräfin" lehnt sich an die wahre Lebensgeschichte von Erzsébet Báthory (1560-1614) an. Der Legende nach soll die ungarische Adelsfrau über 650 Jungfrauen an ihrem Hof getötet und in deren Blut gebadet haben. Durch dieses Ritual wollte sie ewige Schönheit erlangen. Auch an der Schwelle zum 17. Jahrhundert gab es somit schon so etwas wie obsessiven Jugendwahn.
Kein blanker Horrorschinken
Hauptdarstellerin und Regisseurin Julie Delpy ("Before Sunrise") vermeidet es unterdessen, aus ihrem Film einen blanken Horrorschinken zu machen. Die Französin konzentriert sich nicht auf den Blutrausch ihrer Gräfin, sondern auf die emotionale Dekadenz des Hochadels. Delpy präsentiert Báthory als eine Frau, der schon in frühester Kindheit blaublütige Gefühlskälte anerzogen wurde. Sie wird somit als Opfer ihres Standes dargestellt.

Daneben stülpt Delpy ihrem Werk eine latent feministische Hülle über. Ihren Blutrausch vergleicht die Gräfin dabei mit männlicher Kriegslust. "Jahrhundertelang durften Soldaten ungeschoren andere Soldaten töten, jetzt sind wir Frauen dran", rechtfertigt Báthory ihre Taten. Und seltsamerweise klingt es so, als sei dies ernst gemeint. Der sittlich-moralische Verfall des Hochadels tritt bei derartigem Flehen um Gleichberechtigung im letzten Filmdrittel in den Hintergrund.

"Die Gräfin" wird dadurch zu einem Drama, das gleichermaßen betört wie verstört. Wer auf blutige Bilder aus ist, muss sich hingegen einen anderen Film suchen. Die Morde geschehen größtenteils ohne Zeugen hinter verschlossenen Türen. Die Eiserne Jungfrau, in der die jungen Mädchen bis auf den letzten Blutstropfen ausgequetscht werden, steht nur bedrohlich in den düsteren Kellergewölben herum. Allein Anna Maria Mühe ("Novemberkind") muss in ihrer beinahe stummen Nebenrolle gewaltig leiden.
Deutsche Schauspielerin spielt das erste Opfer
Sie spielt das erste Opfer der Gräfin, ist aber nicht die einzige deutschsprachige Schauspielerin, die Delpy um sich versammelt hat. Auch der jungen Österreicherin Nora von Waldstätten ("Tangerine") geht es an die pulsierende Schlagader. Daneben sind Charly Hübner ("Krabat") als Báthorys Gatte sowie Daniel Brühl ("Good Bye, Lenin!") als ihr schicksalhafter Geliebter in weiteren Rollen zu sehen.

Nach ihrer unbeschwerten Komödie "2 Tage in Paris" ist Delpy mit "Die Gräfin" eine erstaunliche Wandlung als Regisseurin gelungen. Aufgrund ihrer psychologischen Tiefe ist die Geschichte wie maßgeschneidert auf das Arthouse-Kino zugeschnitten.

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