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"Soul Kitchen" : "Dirty Heimatfilm" aus Hamburg

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Fatih Akin liefert mit "Soul Kitchen" seine erste Komödie. In diesem "Heimatfilm" ist die Welt nicht mehr so heil und das Dorf ein Restaurant.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2009 | 10:45 Uhr

"Ob hinter Stade überhaupt noch jemand darüber lacht?" Kaum vorstellbar, dass einen Starregisseur wie Fatih Akin solche Sorgen ernsthaft geplagt haben könnten. Und irgendwie auch nachvollziehbar, liefert der Filmemacher aus Hamburg doch mit "Soul Kitchen" seine allererste Komödie und noch dazu seine "Liebeserklärung an die Hansestadt", eine Hommage an Hamburg, einen "Dirty Heimatfilm". Gags wohlmöglich, die nicht über Norddeutschland hinaus zünden? Nach der Uraufführung beim Filmfestival von Venedig konnte der Erfolgsverwöhnte aufatmen: "Soul Kitchen" gewann den Spezialpreis der Jury. Weitere Auszeichnungen folgten - wie schon so oft in der Karriere des 36-Jährigen. Dem deutschlandweiten Kinostart am 25. Dezember sieht er dennoch nicht gelassen entgegen.

"Total nervös", sei er, "denn ich wünsche mir ja Zuschauer". Akin: "Letztendlich weiß man nie, ob ein Film auch beim Publikum so einschlägt, dass es in Scharen ins Kino kommt." Mit Dramen wie "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" hatte der Sohn türkischer Eltern nicht nur die deutsche Filmszene aufgemischt, sondern auch auf der internationalen Bühne Erfolge gefeiert - von der Berlinale bis hin zum Festival von Cannes. Die Idee zu "Soul Kitchen" schwirrte ihm während all dieser Zeit schon durch den Kopf - nur war seiner Meinung nach die Zeit dafür noch nicht reif. Im Jahr 2003 hatte Akin den ersten Entwurf dazu geschrieben, sich dann aber ganz seiner Trilogie um "Liebe, Tod und Teufel" verschrieben. Deren dritter Teil steht nun noch aus. "Filme entscheiden selber, wann sie geboren werden wollen oder nicht - genau wie Kinder", sagt er.
Moritz Bleibtreu: Ein echter Familienfilm

Erst einmal wollte endlich "Soul Kitchen" das Leinwand-Licht erblicken - auf die Welt geholt mit so viel Unterstützung aus Akins engem Umfeld, dass Schauspieler Moritz Bleibtreu von einem "echten Familienfilm" spricht. Neben ihm agiert ein weiterer Akin-Kumpel in der Hauptrolle: Adam Bousdoukos, griechischer Abstammung und seit Schultagen Akins bester Freund, spielt Zinos, Besitzer der heruntergewirtschafteten Kneipe "Soul Kitchen". In Zinos Leben jagt eine Katastrophe die nächste: Erst zieht die Freundin nach Shanghai, dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall und nach der Einstellung des neuen Kochs (Birol Ünel), der eigentlich Schwung ins Restaurant bringen soll, bleiben auch die letzten Gäste aus. Damit das Chaos komplett wird, setzt Zinos auch noch seinen gerade aus der Haft entlassenen Bruder Illias (Bleibtreu) als Geschäftsführer ein.

Bousdoukos einstiges eigenes Restaurant "Sotiris", in dem die Clique früher fast jeden Abend feierte, lieferte die Vorlage für den Film. An bekannten Gesichtern und Bildern aus der Hansestadt mangelt es nicht: Schauspieler von Jan Fedder über Gustav Peter Wöhler bis hin zu Peter Lohmeyer, Musik von Hans Albers bis Jan Delay und immer wieder Schauplätze rund um Alster und Elbe. Gedreht wurde unter anderem im Stadtteil Wilhelmsburg, der von sozialen Umstrukturierungsprozessen ebenso betroffen ist wie das Film- Restaurant selbst. Gesellschaftskritisches bringt Akin auch in "Soul Kitchen" auf den Tisch, nimmt Yuppisierung und Immobilienhaie aufs Korn. Eher als Beilage, denn das Menü besteht vor allem aus einer unterhaltsamen Komödie mit großartigen Schauspielern - auch Monica Bleibtreu, der Akin nach ihrem Tod diesen Film gewidmet hat, ist noch einmal zu sehen.
In Akins "Heimatfilm" ist die Welt nicht mehr so heil und das Dorf ein Restaurant. Wenn er "Soul Kitchen" jetzt nicht gemacht hätte, dann vielleicht niemals, hat Akin immer wieder gesagt. Und es klingt ein wenig nach Abschied und Aufbruch, wenn er über seine Pläne spricht: "Die nächsten drei Filme werden eher in internationalerem Zusammenhang stehen und teure Produktionen. Und sie werden mich erstmal jenseits von Hamburg treiben, denn sie spielen nicht in Hamburg, womöglich noch nicht einmal in Deutschland." Zwar würden sie in der Hansestadt vor- und nachproduziert. Aber: "Wenn ich diese drei Filme tatsächlich mache, werde ich zehn Jahre dafür brauchen."

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