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Europäischer Tag des Fahrrads 2015 : Diebstahl: Als uns die Fahrräder geklaut wurden

vom

Das Fahrrad ist ein tolles Fortbewegungsmittel. So lautet die Botschaft am heutigen Tag des Fahrrads. Doch unsere Redaktion weiß auch von dunklen Kapiteln zu berichten.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2015 | 07:41 Uhr

Flensburg | Ob für Sport, Einkäufe oder den Weg zu Arbeit: Vier von zehn Bundesbürgern steigen regelmäßig aufs Fahrrad. Aus gutem Grund. Schließlich ist es ein gesundes und umweltfreundliches Fortbewegungsmittel. Am 3. Juni weist der Europäische Tag des Fahrrads darauf hin. Vielleicht erinnert sich heute aber auch der ein oder andere daran, wie ihm sein fahrbarer Untersatz schon mal gestohlen wurde – wie einigen unserer Redaktionsmitglieder.

Opfer 1: Mira Nagar
Von zwei Fahrrädern musste ich mich bislang tränenreich verabschieden, ein weiteres verschwand zunächst spurlos und fand auf wundersame Weise wieder den Weg in meine Garage. Und wie leicht es ist, ein Fahrrad zu klauen, stellte ich mithilfe einer Flex und eines abgestöpselten Weihnachtsbaums fest.

Der erste Verlust traf mich in Kiel nahe der Moorteichwiese. Mein erstes „Erwachsenen-Fahrrad“ in grün-schwarz wurde Opfer eines Unbekannten. Es geschah am helllichten Tage: Ich hatte mein Fahrrad mit einem ziemlich dünnen, grünen Schloss recht einfallslos zugeklippt. Da die Fahrradständer alle belegt waren, stand es am Rande neben ein paar Bäumen. Zum Tatzeitpunkt war ich für etwa sechs Stunden bei meinem Studentenjob im Callcenter, bei dem der Tageslohn in etwa dem Preis eines anständigen Bügelschlosses entsprach. Sämtliche Ermittlungen zum Verbleib des vermissten Rades verliefen im Sande und ich war mehrere Wochen auf den Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Selbst in Kiel kein großes Vergnügen.

Einige Jahre später, ich pendelte täglich mit dem Auto nach Rendsburg, kam ich auf die geniale Idee, mein altes Jugendfahrrad am Paradeplatz abzustellen, um vom Auto zum Arbeitsplatz zu radeln. Ich versprach mir eine Zeitersparnis von mehreren Minuten, die ich in Schlaf umzusetzen gedachte. Auch das Jugendrad war keine wirklich fette Beute. Es war ein 26er, dessen Kleinmädchenrosa ich dilettantisch in Schwarz übergemalt hatte. Dummerweise streikte an einem Abend mein Nummernschloss. Doch ich war in Eile und steckte es – nach dem Motto sowas klaut eh keiner - so zusammen, dass es wie abgeschlossen aussah. Ein Unbekannter entdeckte über Nacht die Leichtsinnigkeit.

Ein weiteres Rad sollte sich im Neumünsteraner Rencks Park in Luft auflösen – doch weil ich zur Polizei ging, konnte ich noch am selben Abend damit weiterfahren. Ich war mit einem alten Rad bei der Holstenköste und wollte zu nächtlicher Stunde wieder wegeiern. An dem Zaun, wo ich es mit einem Nummernschloss festgeschlossen hatte, war aber nur noch das abscheuliche Klapprad eines Freundes. Wie immer suchte ich zunächst in den Gebüschen nach dem verschollenen Gefährt und da die Polizei nicht weit war, gingen wir dorthin. Das sollte sich als richtige Entscheidung erweisen. Nicht, dass die Beamten sofort mit Hochdruck ermittelten, doch der altbekannte Kommissar Zufall half uns. Die Polizisten schickten uns mit der Begründung, sie hätten während der Holstenköste ja wohl anderes zu tun, wieder weg. Wir gingen geknickt zurück zum Tatort und passten so genau den richtigen Zeitpunkt ab. Denn sogleich schlich ein Mann auf dem gestohlenen Fahrrad vorbei. Laufend konnten wir ihn einholen und er gab das Rad ohne große Argumente wieder zurück.  Er habe es im Gebüsch gefunden. Naja.

Wie leicht es ist, ein Rad zu mopsen, stellte ich wiederum in Kiel fest. Ich hatte mittlerweile aufgerüstet und nannte ein dickes Bügelschloss und ein neues nachtblaues Fahrrad mein eigen. Eines Winters ließ ich es mehrere Tage an der Hörn zurück, da ich keine Lust auf das Wetter hatte. Das Schloss verklemmte sich in dieser Zeit und war nicht mehr zu öffnen. Mein Fahrrad saß fest – gefesselt an einen Laternenpfahl. Zu doof, dass ich so ein fettes Schloss hatte. Wir rückten mit einer Flex an und wollten dem Ungetüm zuleibe rücken. Ein Restaurant war in der Nähe und wir fragten nach Strom. Ich wollte gerade schon zu einer Erklärung ansetzen, dass ich wirklich nur mein eigenes Fahrrad befreien wollte. Doch man sagte mir nur, ich solle den Stecker vom Weihnachtsbaum rausziehen. Und danach unbedingt wieder reinstecken.

Opfer 2: Hendrik Mulert
Mir ist es zwei Mal passiert. Nach dem ersten Diebstahl war ich sauer und traurig. Nach dem zweiten vor allem geschockt – denn es war wie im Film. Aber dazu später mehr. Fangen wir mit Verbrechen Nummer eins an. Es war im Jahr 1993.

War ich stolz damals. Ich hatte ein neues Fahrrad bekommen. Für das alte war ich nun auch wirklich zu groß geworden, traute mich damit kaum mehr zur Schule. Die anderen Zwölfjährigen fuhren teilweise schon mit coolen Mountainbikes umher und schlossen sie stolz am Schulhof ab. Gleiches galt nun endlich auch für mich.

Aber dann war er da, dieser Freitag im Frühjahr: Ich freute mich auf das erste Wochenende, an dem ich in den Straßen Flensburgs „cruisen“ durfte (Ja, ich hatte es tatsächlich erst am Montag zuvor bekommen). Doch als ich mittags von der Schule nach Hause radeln wollte, war mein Rad verschwunden – einfach weg. Ich rannte die Reihen auf und ab. Wieder und wieder an den anderen Rädern vorbei. 20 Minuten später gab ich auf und lief heulend und verzweifelt nach Hause. Das Wochenende war im Eimer.

Diebstahl, die zweite: 2007 lebte ich in Göttingen. Kein Student ist dort ohne Fahrrad unterwegs. Ein Mekka also für Diebe. Ein teures Schloss sollte mich aber vor den dreisten Ganoven schützen. Aber dann kam wieder ein Freitag. Und wieder suchte ich meinen Untersatz. Diesmal am Campus. Und wieder ohne Erfolg. Für mich ging es erneut zu Fuß nach Hause.

Was dann geschah, werde ich nie vergessen: Als ich über das Uni-Gelände auf einem Seitenweg Richtung Hauptstraße gehen wollte, sah ich ein schwarzes Fahrrad. Auf ihm saß ein Mann, für den der Sattel sichtlich zu hoch eingestellt war. Er kam auf mich zu. Ich blieb stehen, schaute auf das Rad. Denn, ja, mehr und mehr ahnte ich, dass es meins sein könnte. Als ich den Schriftzug am Gestell sah, rief ich: „Das ist meins!“ So laut hätte ich aber gar nicht schreien müssen, der Mann fuhr in diesem Moment direkt an mir vorbei, konnte mich also gut hören. Sein Vorteil: Er konnte sich schnell wieder aus dem Staub machen, schließlich saß er auf einem Fahrrad – auf meinem Fahrrad. Dazu auch noch ein gutes. Der Schock saß so tief, dass ich gefühlt minutenlang stehen blieb.

Seitdem kann ich nur hoffen, dass es nicht noch eine dritte Diebstahl-Episode geben wird.

Opfer seiner selbst: Joachim Dreykluft

Ich war zwölf, und das Fahrrad war nicht so dolle. Ehrlich gesagt: von Tchibo. Aber es war meins. Und nach dem Bonanzarad, das ich als Kind bekam, endlich mein erstes eigenes großes.

Seinen Standard-Abstellplatz fand der Tchibo-Renner im Kellergang des Mehrfamiliienhauses. Klar, ich hätte das Rad auch im abgeschlossenen Kellerabteil abstellen können. Aber das war mir im Alltag zu umständlich. Vier Nachbarn im Haus, alle wohlbekannt, bei keinem gab es Anlass zur Vermutung, dass in ihm oder ihr kriminelle Energie stecken könnte.

Dann eines Tages der Schock: Runter in den Kellergang. Kein Fahrrad da. Diesmal vielleicht doch hinter der verschlossenen Tür? Ich konnte mich nicht erinnern. Den Schlüssel aus der Hosentasche gekramt, das Vorhängeschloss auf, die Tür aus Holzlatten geöffnet. Kein Fahrrad. Im Haus herumgefragt. Keine Spur. Niemand hat es gesehen.

Eine Art von Trauer setzte ein, die nur ein leidenschaftlicher Radfahrer verstehen kann. Immerhin hatte mich der klapperige Alu-Bolide von Dortmund bis ins 50 Kilometer entfernte Altena und zurück getragen. Mehrmals!

Ungefähr zwei Wochen später, die Erinnerung über den Zeitraum ist verblasst, spricht mich meine Tante an. Das ist doch dein Fahrrad, das da an der Post steht? Setzt langsam etwas Rost an.

Schusselig nennt man das wohl. Ich war offenbar zur Post gefahren, hatte das Rad abgestellt, abgeschlossen, war dann zu Fuß nach Hause, und hatte 20 Minuten aus meinem kindlichen Kurzzeitgedächtnis komplett gestrichen.

Opfer und Mitwisserin: Barbara Maas

Zwei verregnete Wochen Osterferien können ganz schön lang sein - vor allem, wenn man selbst 17 ist und alle Freunde in die Sonne geflogen sind. Ich verbrachte die Zeit damit, das alte Fahrrad meiner Mutter anzumalen: eine Grundierung aus weißem Heizungslack, darauf in liebevoller Kleinarbeit Efeuranken. Dieses Fahrrad war drei Jahre lang mein ganzer Stolz - und in der 20.000-Einwohner-Gemeinde ein Erkennungszeichen. Ob im Freibad oder auf einer Party - Freunde, Familie und Bekannte wussten, wenn ich schon da war. Mein Fahrrad war berühmt. „Das klaut ja eh keiner“, dachte ich.

Bis zu diesem Tag: Ich war in der Ausbildung und fuhr jeden Tag um 6.45 Uhr zur Bushaltestelle, wo der Bus um 6.49 Uhr hielt. Ein enges Zeitfenster, an diesem Tag zu eng zum Abschließen. Aber mein Fahrrad war ja unklaubar. Umso größer der Schock: Als ich am späten Nachmittag zurückkam, war es weg. Für immer. Spurlos.

Überraschenderweise blieben meine Nachfolgefahrräder, die natürlich längst nicht so schön waren, bei mir. Dabei habe ich mehr als sieben Jahre in der Fahrradhauptstadt Münster gewohnt. Vielleicht wissen Sie, dass es dort traditionell doppelt so viele Fahrräder wie Einwohner gibt, nämlich rund 500.000. Auch ich hatte in dieser Zeit zwei alte „Leezen“ (so nennt der Münsteraner sein Rad) - eins für Besuch. Eine moralisch und rechtlich zweifelhafte Regel, die zumindest unter Studenten damals kursierte, besagt: Wenn man ein Fahrrad in den Kreislauf eingebracht hat, darf man sich frei am Angebot vor dem Bahnhof, vor der Mensa und an den Straßen bedienen.

Ich selbst habe das nie gemacht. Aber ich wurde einmal Zeugin und Mitwisserin eines solchen Falls. Ich hatte gerade einen jungen Mann kennengelernt, von dem ich ziemlich begeistert war. Bis zu diesem Moment: ein einigermaßen romantischer Spaziergang an einem lauen Sommerabend. Abrupt ließ er meine Hand los, blieb stehen, rüttelte an einem Fahrrad, das neben einer Haustür auf dem Bürgersteig stand, und rief aus: „Das ist ja gar nicht abgeschlossen!“ „Tja“, sage ich. „Das kommt vor.“ Er begutachtete das Rad, lobte den Zustand - und nahm es mit. Ein paar Meter schob er es wie selbstverständlich neben mir her. Ich war sprachlos, dachte kurz wehmütig an mein altes Efeu-Rad - und musste dann ganz schnell nach Hause. Weder Mann noch Rad habe ich jemals wiedergesehen.

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