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"Schattenwelt" : Die langen Schatten der Vergangenheit

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Die langen Schatten der Vergangenheit - Das Kino -Drama "Schattenwelt" stellt die Opfer der RAF-Terroristen in den Vordergrund.

Die meisten Kinofilme über die Rote Armee Fraktion (RAF) haben bisher die Täter in den Mittelpunkt gerückt, zuletzt auch die Großproduktion "Der Baader Meinhof Komplex" von Uli Edel. Connie Walthers Spielfilm "Schattenwelt", der fast zeitgleich entstand, setzt sich dagegen in erster Linie mit den Opfern des Terrorismus auseinander. Die Hauptdarsteller Franziska Petri und Ulrich Noethen liefern in der streng stilisierten Parabel über Schuld und Sühne Glanzleistungen.

Nach 22 Jahren wird Volker Widmer (Noethen), ein führendes Mitglied der "zweiten Generation" der RAF, aus einem Gefängnis in Freiburg entlassen. Widmer, Tarnname Saul, war an einer missglückten Entführung beteiligt, bei der der Bankpräsident von Seichfeld und dessen Gärtner erschossen wurden. Seine Anwältin Ellen Weber (Tatja Seibt) hat ihm eine Wohnung in einem anonymen Hochhaus besorgt. Von ihr bekommt er die Adresse seines Sohnes Samy (Christoph Bach), der zur Tatzeit acht Jahre alt war und ihn seitdem nicht mehr gesehen hat.
Das Leben im Griff
Neben Widmers Appartment wohnt die hübsche Valerie (Petri), die ihr Leben nicht im Griff hat. Sie hat gerade das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn Robbi (Rino Zepf) verloren, nachdem sie ihn krankenhausreif geschlagen hat. Mit dem deutlich älteren Polizisten Decker (Uwe Kockisch), der anscheinend früher Verbindungen zur RAF hatte, unterhält sie eine Affäre. Als Valerie Widmer nachstellt, erfährt man, dass sie die Tochter des Gärtners ist und als Kind seinen Tod miterleben musste. Valerie will endlich wissen, wer geschossen hat. Und sie will Vergeltung. Als Widmer ausweicht, zwingt sie seine Ex-Lebensgefährtin Marita (Eva Mattes), die damals im Prozess als Kronzeugin auftrat, mit Waffengewalt zum Reden.

Das Drehbuch von Uli Hermann, an dem die Regisseurin Connie Walther und der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock mitwirkten, konzentriert sich weitgehend auf die Opfer, die es auf beiden Seiten gab, in den Familien der Getöteten und in den Familien der Täter. So wie die traumatisierte Valerie sich nicht damit abfinden kann, dass sie bis heute nicht den Mörder ihres Vaters kennt, kommt der labile Samy nicht damit klar, dass sein Vater keinen Kontakt mit ihm aufgenommen hat - dabei hat Samys Mutter Widmers Briefe an den Sohn systematisch abgefangen.
Schattenwelt
Analog dazu leben die Antagonisten der Story buchstäblich in einer Schattenwelt: Der Alltag von Widmer und Valerie, die beide um ihre Söhne kämpfen, ist von den langen Schatten der Vergangenheit vergiftet. Die Regisseurin, die 2008 für den Fernsehfilm "12 heißt: Ich liebe dich" den Deutschen Fernsehpreis als beste Regisseurin erhielt, unterstreicht dies auch visuell: Die Farben des Films sind so entsättigt, dass das gezeigte Deutschland unter einem lastenden Grauschleier zu liegen scheint.

Während Franziska Petri als rachsüchtige Amazone eine der besten Leistungen ihrer Karriere bietet, gestaltet Ulrich Noethen den unbeugsamen Ex-Gefangenen auf faszinierende Weise als schillernde Figur, die stets ein Rest an Geheimnis umgibt. Eva Mattes ist als egoistischer Mutter leider nur eine kurze Leinwandzeit vergönnt. Die spröde Inszenierung, deren Konzentration an Christian Petzolds Meisterwerk "Die innere Sicherheit" (2000) erinnert, verlangt dem Publikum Geduld ab. Erst nach einer halben Stunde verknüpfen sich die angerissenen Szenen und Handlungsfäden zu einem dramaturgischen Geflecht, das die verborgenen Konflikte zu Tage fördert. Mit ihrer konsequenten Reduzierung der Stilmittel, aber auch der zunehmenden Verwischung der Grenzen zwischen Täter und Opfer wirft die Regisseurin viele Fragen auf. Die Antworten darauf müssen die Zuschauer selbst suchen. Ein intensiver Film, der schonungslos zeigt, welche Langzeitschäden Gewalt anrichtet.

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erstellt am 29.Jun.2009 | 09:30 Uhr

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