Die Geschichte der Russlanddeutschen

Auswanderung von Deutschen in das Schwarzmeer- und Wolgagebiet (Russland) im 18. und 19. Jahrhundert. Grafik: Landsmannschaft der Deutschen aus Russland/Broschüre zwischen den Kulturen.
Auswanderung von Deutschen in das Schwarzmeer- und Wolgagebiet (Russland) im 18. und 19. Jahrhundert. Grafik: Landsmannschaft der Deutschen aus Russland/Broschüre zwischen den Kulturen.

Sie haben deutsche Wurzeln, doch geboren wurden sie in der ehemaligen Sowjetunion: Spätaussiedler, auch Russlanddeutsche genannt. In einer fünfteiligen Serie berichtet berichten sie über ihr Leben und ihren Alltag in Eckernförde. Die Reihe beginnt mit einem Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen.

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12. September 2007, 05:07 Uhr

Die Geschichte der Russlanddeutschen reicht Jahrhunderte zurück. Schon 1100 gab es deutsche Kaufleute, die im Raum Kiew lebten. Doch durch einen Aufruf der Zarin Katharina II. am 4. Dezember 1762 brach eine neue Zeit an. Sie rief Ausländer auf, nach Russland auszuwandern, um das riesige Land zu besiedeln. Als Anreiz räumte sie den Neubürgern verschiedene Privilegien ein. Dazu gehörten Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Steuerfreiheit für bis zu 30 Jahre, Selbstverwaltung und staatliche Unterstützung bei der Umsiedlung. Die Folge waren Masseneinwanderungen Deutscher und anderer Ausländer.
Besonders Hessen, Nordbayern, Nordbadener, Pfälzer und Rheinländer folgtem dem Aufruf der Zarin. Knapp 30 000 Deutsche packten zwischen 1764 und 1767 ihre Sachen und wanderten nach Russland aus. 1764 wurde die erste deutsche Kolonie an der Wolga gegründet. Über hundert folgten in den kommenden zehn Jahren. 1804 bis 1824 erließ Zar Alexander I. ein weiteres Manifest. Württemberger, Pfälzer, Badener und Elsässer wanderten ein und bauten Siedlungen am Schwarzen Meer.
Die Gründe für die Auswanderung waren unterschiedlich. Hohe Steuerabgaben, Missernten oder religiöse Probleme: In der neuen Heimat erhofften sich die Deutschen ein besseres Leben. Ihre Kolonien, Rayons genannt, verwalteten sie selbst, nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit. Sie hatten ihr eigenes Schulwesen, ihre eigene Religion, lebten von der Landwirtschaft, bauten aber auch Industrie wie Textil-, Geräte- und Maschinenfabriken auf.
Durch die Aufhebung der Kolonistengesetzte 1871 durch Zar Alexander II. änderte sich die autonome Lage der Deutschen. Sie mussten ihre Selbstverwaltung aufgeben. Drei Jahre später folgte die Wehrpflicht für Kolonisten. Zuätzlich änderte sich das Ansehen der eingewanderten Deutschen durch das immer mächtiger werdende Deutsche Reich. Die Schulen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. 1891 wird Russisch Pflichtfach an deutschen Schulen. In dieser Zeit wandern viele Deutsche aus Russland nach Amerika aus.
Während des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) lebten 1,7 Millionen Deutsche in Russland. Kurz nach Ausbruch wurden die so genannten Liquidationsgesetze erlassen. Davon waren Deutsche betroffen, die in Wolhynien und im westlichen Schwarzmeergebiet lebten. Ihr Land wurde in einem Grenzstreifen von 150 Kilometern enteignet, tweilweise die Bewohner zwangsweise nach Sibirien und Mittelasien umgesiedelt.
Die "bürgerlich-demokratische Februarrevolution" bringt 1917 die Wende. Zar Nikolaus II. dankt ab. Die Liquiditätsgesetze werden aufgehoben. 1922 wird Josef Stalin zum Generalsekretär des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei Russlands gewählt. Die UdSSR wird gegründet. Damit wachsen zunächst die Rechte der deutschen Minderheit. Anfang 1924 wurde das autonome Gebiet der Wolgadeutschen zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepubblik (ASSR) umgewandelt. Die kommunistische Regierung erhob in den selbstverwalteten Gebieten die jeweilige Nationalsprache zur Amts- und Unterrichtssprache. Deutsch durfte wieder öffentlich gesprochen werden. Das Bildungswesen vom Kindergarten bis zur Hochschule konnte in der Kolonie wieder aufgebaut werden.
1928 begann jedoch die Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Bauern wurden enteignet, Kirchen geschlossen. Ende 1929 wanderten 6000 Deutsche aus. Gleichzeitig übernimmt Adolf Hitler die Macht in Deutschland – der Beginn der Nazidiktatur. Diese politische Lage wirkte sich auch auf die Deutschen in der Sowjetunion aus. 1934 wurden alle deutschstämmigen Bewohner von der Öffentlichkeit unbemerkt in Listen erfasst. Die Deutschen in der UdSSR wurden als Feinde im eigenen Land angesehen. Man verdächtigt sie, mit den Nazis in Verbindung zu stehen. Verhaftungen und Deportationen folgten nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941. Wolgadeutsche wurden nach Sibirien und Mittelasien verschleppt, ihre Wohnhäuser, Vieh und andere Besitztümer beschlagnahmt. Ohne Sondergenehmigung durften die Deportierten ihre neuen Wohnorte nicht verlassen. Viele mussten Zwangsarbeit leisten.
Als der Zweite Weltkrieg 1945 beendet wurde, die Naziherrschaft ein Ende hatte, befanden sich viele Russlanddeutsche in den vier Besatzungszonen der Alliierten. Die, die nicht untertauchen konnten, wurden in die Sowjetunion zurückverschleppt. Die Lage der Deutschen in Russland begann sich erst zu normalisieren, als 1955 erste deutsch-sowjetische Verhandlungen aufgenommen wurden. Bundekanzler Konrad Adenauer besuchte im September Moskau. Mit Beginn des Jahres 1956 konnten Deutschstämmige in Russland ihre Zwangssiedlungen verlassen, durften jedoch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Eine Entschädigung für ihre Enteignung und das verlorene Eigentum bekamen sie nicht. Sie blieben Fremde im eigenen Land, vetrieben aus ihrer Heimat.
Die Mehrheit der Deutschstämmigen lebte fortan in Kasachstan und in Sibirien. Familien waren auseinandergerissen, viele hatten die Schule nicht mehr besuchen können. Die deutsche Sprache im Alltag ging verloren. Meist nur noch in Kirchengemeinden wurde die Muttersprache, unter anderem durch Gesang, gepflegt.
1965 fuhr eine Delegation von Wolgadeutschen nach Moskau, um gegen die Diskriminierung und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Autonomiegedanke der Deutschen war wieder da - jedoch konnte das erhoffte Ziel nicht erreicht werden. Die Enttäuschung darüber führt in den 70er Jahren zu einer verstärkten Ausreise. In Deutschland machte sich die Regierung Gedanken über die Situation der Landsleute, wollte sie verbessern. 1990 wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion ein Vertrag geschlossen, der den "sowjetischen Bürgern deutscher Nationalität" ermöglicht, ihre "nationale, sprachliche und kulturelle Identität" auszuleben. Ein Jahr später erklärte Russland unter der Führung von Boris Jelzin die Repressalien gegen Russlanddeutsche und andere Völker für ungesetzlich, für ein Verbrechen. Die Deportation wurde ebenfalls für rechtswidrig erklärt.
Die Bunderepublik setzte darauf, die Lebensbedingungen der verbliebenen Deutschen zu stärken. Verschiedene Hilfsprojekte sind seitdem ins Leben gerufen worden. Trotzdem stieg die Rückwanderung Deutscher aus Russland. 1991/92 siedelten knapp 343 000 Russlanddeutsche aus, über 801 000 stellen einen Aufnahmeantrag.
Ende 1991 zerfiel die UdSSR . Die Staaten der ehemaligen kommunistischen Vereinigung wollten unabhängig, autonom sein und besannen sich auf ihre alten Werte. Die Wirtschaft verschlechterte sich, neue Landessprachen wurden eingeführt. Diese veränderten Lebensbedingungen ließen viele Bürger mit deutschen Wurzeln auswandern. Schon seit Ende der 80er Jahre zog ein großer Aussiedlerstrom in die Bundesrepublik. Wirtschaftliche Probleme, Benachteiligungen aufgrund der Herkunft, eine bessere Zukunft für die Kinder: All das waren Gründe für das Verlassen der Nachfolgestaaten der UdSSR. Seit Mitte der 90er Jahre ist die Zahl der Ausreiseanträge rückläufig. Einige können die Aufnahmevoraussetzungen wie beispielsweise den Sprachtest, der mittlerweile Pflicht ist, nicht erfüllen, andere wollen wiederum ihre Heimat nicht verlassen.

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