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Sibirischer Winter in SH? : Die fliegenden Frostboten sind schon da

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

So zeitig wie nie: Überflug der Zwergschwäne aus der nordrussischen Tundra über Schleswig-Holstein. In Holland und England sind einige Tiere bereits angekommen. Laut einem Sprichwort bringen die Tiere den Winter mit.

Ein Zwergschwan kommt selten allein. Er bringt Artgenossen, vor allem aber auf seinen Schwingen auch den Winter mit. Das behauptet ein russisches Sprichwort in der Überzeugung, dass Zwergschwäne dem frostigen Wetter stets voraus fliegen.

Stimmt das Sprichwort, kündigt sich hierzulande ein knackig sibirischer Winter an. Denn ungewöhnlich zeitig haben die Tiere ihre Brutgebiete in der nordrussischen Tundra verlassen. Die ersten Zwergschwäne trafen nach Angaben der Umweltschutzorganisation Wildfowl & Wetlands Trust (WWT) bereits am 11. Oktober in England ein – so früh wie seit 1963 nicht mehr. In England, Irland und Holland, wo ebenfalls viele Zwergschwäne bereits eintrafen, liegen die weitgehend schneefreien Überwinterungsgebiete der Vögel.

Dabei überflogen die Frostbringer schon Schleswig-Holstein: Zwei ziehende Zwergschwäne seien am 27. September in St.  Peter-Ording gesichtet worden, berichtet die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein und Hamburg. „Normal wären solche Sichtungen eher Anfang Oktober“, sagt dazu Dominic Cimiotti (32) vom Michael-Otto-Institut des Naturschutzbundes (Nabu) in Bergenhusen. „Man sollte die Sichtung aber nicht überinterpretieren – es sind ja nur zwei Vögel.“

Gleichwohl: „Sprichwörter sind in Zeiten entstanden, als die Menschen noch viel mehr mit der Natur zu tun gehabt hatten“, sagt Dr.  Klaus Koßmagk-Stephan  (62), Leiter des Fachbereichs Umweltbeobachtung im Nationalpark-Landesbetrieb in Tönning. Aus der Naturbeobachtung heraus hätten sie dann ihre Aussagen gemacht. „So ein Sprichwort hat also einen wahren Grund, aber der muss nicht immer eintreten“, sagt Koßmagk-Stephan. „Es ist ein bisschen so wie mit dem Hahn auf dem Mist, wo sich das Wetter ändert oder bleibt wie’s ist“, meint der Wattenmeerexperte.

Für Koßmagk-Stephan und Cimiotti sind die frühen Vogelzüge eher ein Hinweis auf das aktuelle Wetter in ihren Herkunftsgebieten. „Ist es den Tieren zu kalt, brechen sie nun mal auf“, lautet die nüchterne Logik beider Biologen.

„Grundsätzlich sind die Instinkte der Tiere ein hochinteressanter Aspekt in der Verhaltensbiologie“, räumt Sebastian Wache (31) von der Kieler WetterWelt GmbH ein. Einen lang anhaltenden, frostigen Winter mag der Diplom-Meteorologe für unsere Breiten allerdings noch nicht vorhersagen.

Nur so viel: Tatsächlich steuert vom eisigen Grönland her ein Hoch in Richtung Nordeuropa. Dieses wird sich mit einem Hoch über Südosteuropa verbinden und am Ende ein starkes Hochdruckgebiet über Skandinavien ausbilden. „Je nach Ausprägung könnte dabei sogar Polarluft angezapft werden, die dann zumindest im nördlichen Europa für eine längere Kälteperiode sorgen kann“, sagt Wache.

Ob die Zwergschwäne recht behalten? Cimiotti rät, mehr auf den Kiebitz zu achten. Wenn der Wiesenvogel vor dem Winter flüchtet, legt er deutlich kürzere Strecken – etwa nach Südwestdeutschland oder Frankreich – zurück. „Der Kiebitz reagiert unmittelbarer auf unser Wetter“, sagt der Nabu-Biologe. Noch aber hat er sich nicht auf den Weg gemacht.  

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erstellt am 24.Okt.2015 | 10:20 Uhr

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