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Gesellschaft : Deutschland: Die gespaltene Republik

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Neue Gräben: Die Trennlinie quer durch Deutschland verläuft längst nicht mehr entlang der einstigen innerdeutschen Grenze. Das Land ist in Alt und Jung gespalten. Das wird ausgerechnet in der sogenannten Krim-Krise deutlich, die sich zu einer schweren Europa-Krise ausgeweitet hat.

shz.de von
erstellt am 13.Apr.2014 | 17:05 Uhr

Wohin man auch blickt, Deutschland ist gespalten. Es gibt Risse zwischen Armen und Reichen, zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen Linken und Rechten, zwischen Spießern und Freigeistern und in der Bundesliga zwischen dem FC Bayern und dem Rest.  Der tiefste Graben verläuft jedoch zwischen Alten und Jungen. Das wird ausgerechnet in der sogenannten Krim-Krise deutlich, die sich zu einer schweren Europa-Krise ausgeweitet hat.

Ost-West-Frage als Beispiel

Es geht gerade um die Fragen, welche Position man zur russischen Aggression in der Ukraine bezieht, wie viel Verständnis man für Putins Gewaltpolitik aufbringt und welche Reaktionen des Westens angemessen sind.

Ich bin Ende der 70er Jahre geboren. Den größten Teil meines Lebens habe ich also in einem wiedervereinten und souveränen Deutschland verbracht. Wer 15, 20 gar 25 Jahre oder noch älter als ich ist, hat seine Prägungen in einem geteilten Deutschland erfahren, das nur beschränkt geschäftsfähig war. Die alte Bundesrepublik funktionierte als ökonomisch hochpotentes Land, dessen Außen- und Verteidigungspolitik von den westlichen alliierten Besatzungsmächten weitgehend vorgezeichnet wurde. Zugleich konnten meine Ahnen darauf bauen, dass Franzosen, Engländer und insbesondere die Amerikaner ihre Ressourcen mobilisiert hätten, wenn ihnen jemand an den Kragen gewollt hätte, wie es etwa in der Berlin-Krise der Fall war. Auch die DDR funktionierte als Staat, der seine Direktiven aus Moskau bekam. Der „Große Bruder“ bestimmte, wohin sich Ostdeutschland entwickelte. Zugleich spannte er seinen Schutzschirm von Mecklenburg-Vorpommern bis nach Thüringen auf.

Diese Zeit des Kalten Krieges wird heute noch hier und da von älteren Deutschen als stabil, verlässlich und sicher romantisiert. In der ehemaligen Bundesrepublik erinnert man sich im angehenden Vorruhestandsalter an eine breite Mittelschicht, stabile Staatsfinanzen, sichere Renten, die Abwesenheit von Debatten über Auslandseinsätze und Terrorismus und an lebenslang feste Arbeitsverhältnisse. In der ehemaligen DDR halten sich trotz SED, Stasi, Mauer und Schießbefehl verklärende Retrospektiven, in denen niedrige Mietpreise, eine klassenlose Gesellschaft und Solidarität eine große Rolle spielen.

Angst vorm Osten

In beiden Erinnerungen gibt es eine Gemeinsamkeit: Russland war in dieser angeblich heilen Welt ein mächtiger Staat, vor dem man Angst haben musste. Die Sowjetunion war der Staatenbund, dessen Zusammenbruch der russische Präsident Wladimir Putin als größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts begreift. Putin versucht, die Geschichte zurückzuspulen. Putins Russland plustert sich auf, flößt Angst ein und erinnert wieder ein wenig an das Russland, das in den vermeintlich geordneten Verhältnissen des Kalten Kriegs existierte.

Es sieht so aus, dass diejenigen, die nun davor warnen, Putin robust und auch mit militärischen Drohkulissen zu begegnen, genau in diese assoziative Falle tappen. Sie verwechseln ihren eigenen Gefühlshaushalt, der sich aus alten romantischen Bildern speist, mit einer nüchternen Analyse der Lage. Und es ist wohl kein Zufall, dass es ausgerechnet die Alten sind, die mit Inbrunst in diese Falle tappen. Zu nennen wären Altkanzler Helmut Schmidt, Feminismus-Ikone Alice Schwarzer, der andere Altkanzler Gerhard Schröder, der ewige Welterklärer Peter Scholl-Latour, Linksfraktionschef Gregor Gysi oder CSU-Haudegen Peter Gauweiler. Diese Leute haben nur eins gemeinsam: Sie sind alt.

Blick zurück

Zur Entlastung kann man nur anbringen, dass ihnen die Grauen des Zweiten Weltkrieges zeitlich noch etwas näher sind. Komischerweise wird dabei aber ausgeblendet, dass dem zweiten Weltkrieg die Appeasement-Politik Großbritanniens und Frankreichs vorausging. Der britische Premier Neville Chamberlain und Frankreichs Ministerpräsident Édouard Daladier übergaben den Nazis im Rahmen des „Münchner Abkommens“ das zur Tschechoslowakischen Republik gehörende Sudetenland. Hitler hatte argumentiert, die dort lebende deutsche Mehrheit wünsche einen Anschluss ans Reich — ganz so wie Putin die Annexion der Krim begründete. Das Kalkül der Briten und Franzosen war, Hitler mit ihren Zugeständnissen besänftigen zu können. Ein Jahr später entfesselte der Diktator den Zweiten Weltkrieg.

Die Lehre aus der Geschichte ist also klar. Putin müsste mit allen Mitteln aufgehalten werden. Dafür gibt es jedoch keine Mehrheit in einem Land, das gerade überaltert. Die Entscheidungen treffen Menschen, deren Geschichtslektion auf ein pazifistisches „nie wieder Krieg“ destilliert ist, statt auf das Zurückdrängen von Despoten, die Appeasement womöglich als ermutigendes Zeichen werten, als Einladung, die Grenzen noch weiter zu verschieben.

Verkürzte Lehre

Doch ist es nur die verkürzte Lehre aus der Geschichte, die den Älteren eine entschlossenes Handeln gegen die Renaissance der Machtpolitik in Europa unmöglich macht? Ein anderes Motiv könnte auch noch eine Rolle spielen: Wozu soll sich ein überaltertes Land noch aufraffen, seine Ressourcen — also Geld — in Rüstung zu stecken, wenn man selbst wahrscheinlich nicht mehr von den Auswirkungen der unterlassenen Hilfeleistungen betroffen sein wird? Zwar ist die Rechnung spekulativ, aber bevor die Verhältnisse in Europa so instabil werden, dass auch uns in Deutschland ernsthaft mulmig werden müsste, dürften noch Jahrzehnte vergehen. Eine Parallele dafür findet, wer den Blick nach Stuttgart wirft, wo sich beim Protest gegen den unterirdischen Bahnhof „Stuttgart 21“ zum ersten Mal der „Wutbürger“ zeigte, eine ganz neue Protestgeneration alter Menschen, die davon ausging, die Früchte eines langen Berufslebens ernten zu können, statt einem komplexen und staubigen Innenstadtumbau beizuwohnen, dessen Fertigstellung sie zu Lebzeiten nicht in jedem Fall erleben wird. Der Wutbürger macht mittlerweile bundesweit Karriere. Mal verhindert er Stromtrassen, mal Autobahnen oder mal Erweiterungen von Containerhäfen. Er steht immer dann auf der Matte, wenn die Dividende einer Investition und lärmender Baumaßnahmen sich erst in ferner Zukunft zeigen wird.

Junge Zukunft

Das soll keine moralische Kritik sein, wahrscheinlich kommt dieser Instinkt aus dem Unterbewussten. Zu kritisieren ist aber, dass deshalb eine junge Generation von Ukrainern und anderer Anrainerstaaten Russlands die schreckliche Erfahrung macht, der Westen und die Europäische Union, in die sie viele Hoffnungen gesteckt hat, lassen sie allein.

Damit sind wir bei der schweren Krise Europas, die sich hinter der Krim-Krise verbirgt. Wofür steht dieser Kontinent mit seinem Kernstaat Deutschland eigentlich noch? Seine demokratischen Werte hat er mit der Passivität gegenüber den von Russland angezettelten Eskalationen bereits verraten. Übrig bleibt nun nur noch die permanent ausufernde Verwaltung, die Restaurantbesitzern schon mal vorschreiben will, in welchen Behältnissen sie Ölivenöl servieren müssen. Das ist eine brandgefährliche Aushöhlung, die die notorischen Europaskeptiker nach einer gewissen Schamfrist propagandistisch für sich nutzen werden, dann nämlich, wenn in Vergessenheit geraten ist, dass sie auch zu den Putin-Verstehern gehörten.

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