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Nach Cyber-Crime des IS : Deutsche TV-Sender mit hohem Aufwand gegen Cyber-Attacken

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Nicht erst seitdem Dschihadisten den Kanal TV 5 Monde gekapert haben, kennen Sender die Hacker-Gefahr. Der Aufwand ist groß. Doch ist klar: Ein Restrisiko kann keiner ausschließen. Und nicht nur TV-Sender sind bedroht.

Deutsche Fernsehsender betreiben einen hohen Aufwand, um sich gegen Hackerangriffe wie in Frankreich zu schützen. Ein Sprecher der Redaktion ARD aktuell, die unter anderem die „Tagesschau“ produziert, sagte am Donnerstag bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur, die Schutzmaßnahmen hätten dort einen hohen Standard. „Auf die Sicherung der Sendesysteme wird dabei besonderes Gewicht gelegt. Die Maßnahmen schließen auch die Schärfung des Bewusstseins für die Gefahr digitaler Angriffe ein.“

Dschihadisten hatten am Mittwochabend gegen 22.00 Uhr einen yber-Angriff auf den TV-Sender Kanal TV 5 Monde begonnen. Das Fernsehprogramm wurde unterbrochen, auf Webseiten und Social-Media-Konten waren IS-Forderungen zu sehen. Französische Medien zeigten am Donnerstag Screenshots der Facebookseite des Senders: Dort ist der Slogan „Je suIS IS“ („Ich bin IS“) zu sehen - eine Anspielung auf die Sympathiekundgebung „Je suis Charlie»“ für die Opfer des blutigen Terrorangriffs auf die Redaktion des Satireblatts „Charlie Hebdo“ Anfang des Jahres.

Auch der private Fernsehkonzern ProSiebenSat.1, zu dem unter anderem die Sender Sat.1, Kabel eins und ProSieben gehören, verwies auf ein umfassendes Sicherheitskonzept und ein eigenes Notfallmanagement. „Unsere IT-Systeme sind mehrfach abgesichert und redundant ausgelegt. Dadurch bieten wir eine höchstmögliche Sicherheit, sowohl für unsere Sender als auch die digitalen Angebote. Für unsere zusätzliche, mehrstufige Security-Software setzen wir nur die neueste Technik ein und überprüfen die Systeme regelmäßig auf Durchlässigkeit“, berichtete eine Sprecherin der Sendergruppe in Unterföhring.

Die Deutsche Welle prüft ebenfalls regelmäßig die Sicherheit. „Wir sind, was alle verfügbaren Hardware- und Softwarelösungen angeht, auf dem jeweils neuesten Stand“, sagte ein Sprecher des deutschen Auslandssenders. Zudem gebe es einen internationalen Austausch mit anderen Anstalten, um aus Hackerangriffen wie jetzt bei TV 5 Monde zu lernen. „Wenn es da zu irgendwelchen handfesten Erkenntnissen kommt jetzt in diesem konkreten Fall, kann man davon ausgehen, dass das in diesem Kreise auch geteilt wird, um sich gegen ein neu bekanntgewordenes Phänomen schützen zu können.“ Man könne jedoch „ein Restrisiko trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nie ganz ausschließen“.

Das ZDF hält sich in Fragen des Computerschutzes bedeckt. Man könne die IT-Sicherheitsvorkehrungen „nicht öffentlich bekanntmachen“.

Aus Sicht von Experten muss noch mehr getan werden, um Einrichtungen gegen Angriffe aus dem Netz zu schützen. Die Experten des Internet-Sicherheitsunternehmens Blue Coat haben jüngst eine Reihe weiterer ISIS-Angriffe gegen Webseiten mit bekannten Schwachstellen dokumentiert. „Wir müssen also mit weiteren Attacken rechnen, auch wenn abzuwarten bleibt, ob diese ebenso gravierende Auswirkungen haben werden“, sagt Christophe Birkeland, Managing Director bei Blue Coat.

Denn nicht nur TV-Sender, auch kritischere Ziele könnten in den Fokus von Angreifern wie dem IS geraten. In einem Interview warnt Professorin Gabi Dreo vom Forschungszentrum Cyber Defence der Universität der Bundeswehr in München, dass auch Flughäfen oder Atomkraftwerke Ziel von möglichen Cyber-Attacken sein könnten.

Gabi Dreo.
Gabi Dreo. Foto: Bundeswehr
 
Hacker haben einen Fernsehsender angegriffen. Können solche Täter auch sensiblere Einrichtungen treffen, etwa Stromnetze, Flughäfen oder Atomkraftwerke?

Die Informations- und Kommunikationstechnik durchdringt alle Bereiche moderner Gesellschaften und ist die Basis einer digitalen Gesellschaft. Dabei ist jedes IT-System potenziell angreifbar. Alle Bereiche der digitalen Gesellschaft sind somit auch potenziell gefährdet. Insbesondere sind kritische Infrastrukturen wie unter anderem Stromnetze, sogenannte Smart Grids, Flughäfen oder Atomkraftwerke im Fokus der Angreifer.

Wie lassen sich solche Einrichtungen schützen?

Cyber-Sicherheit fordert eine umfassende Betrachtung der organisatorischen, konzeptionellen und technischen Aspekte. Daher muss für den Schutz dieser Einrichtungen ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden. In der Cybersicherheitsstrategie für Deutschland, die durch die Bundesregierung 2011 beschlossen wurde, ist der Schutz kritischer Infrastrukturen vor IT-Angriffen verankert.

Wie groß ist die Bedrohung durch Hackerangriffe für Nationen wie Deutschland oder Frankreich?

Industriestaaten wie Deutschland und Frankreich stehen aufgrund ihrer globalen Vernetzung sowie hohen technologischen Standards verstärkt im Fokus von Cyber-Angriffen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik veröffentlicht jedes Jahr den Lagebericht zur IT-Sicherheit. Für 2014 wurde die Gefährdungslage für die IT in Deutschland hinsichtlich des zu verzeichnenden Angriffspotenzials als kritisch angesehen.

Werden solche Angriffe künftig Teil einer neuen Kriegsführung?

Cyberattacken sind bereits heute Teil der Kriegsführung. Angriffe auf die virtuelle Welt, ob für militärische, kriminelle oder terroristische Zwecke, sind allgegenwärtig. Schon der Cyber-Angriff auf Estland im Jahr 2007 zeigte die möglichen Beeinträchtigungen einer digital geprägten Gesellschaft.

Haben Staaten und Unternehmen die Bedrohung erkannt und tun sie genügend dagegen?

Die Cyberbedrohung wurde erkannt, jedoch muss für die Abwehr in der virtuellen Welt weit mehr getan werden. Hierbei besteht Nachholbedarf beginnend bei der Entwicklung von adäquaten IT-Sicherheitslösungen, -konzepten und -strategien bis hin zur Stärkung des Sicherheitsbewusstseins jedes Einzelnen.

 
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erstellt am 09.Apr.2015 | 16:16 Uhr

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