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Panorama

18. Oktober 2017 | 19:04 Uhr

Deutsche rechnen schlecht

vom

Eine Studie untersucht erstmals die Mathe-Kenntnisse der Bundesbürger - mit alarmierenden Ergebnissen

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 03:59 Uhr

BERLIN | Eine Aktie fällt zuerst um zehn Prozent und steigt danach wieder um zehn Prozent. Alles bestens, nichts verloren? So denkt jeder dritte Deutsche. Dabei ist die Aktie in Wirklichkeit ja weniger wert als vorher - denn mit dem ersten Kursrutsch hat sich die Basis für die Prozentberechnung verringert. Doch ein Drittel der Bundesbürger kalkuliert dies nicht ein. "Viele können das im Mathematik-Unterricht Gelernte im alltäglichen Leben nicht anwenden", schlussfolgert Johannes Friedemann, Vorsitzender der Stiftung Rechnen.

Gemeinsam mit den Universitäten in Halle und Saarbrücken sowie Meinungsforschern des Forsa-Instituts hat Friedemanns Stiftung erstmals die Rechenkenntnisse der Deutschen repräsentativ untersucht - eine Art Mathe-Pisa für Erwachsene. 1027 Bundesbürger in der Altersgruppe von 18 bis 65 Jahre bekamen dazu 30 Aufgaben mit Alltagsbezug gestellt und durften zur Beantwortung sogar Taschenrechner und Computer benutzen. Gut die Hälfte der Fragen hatte Grundschul niveau; auch die schwersten gingen nicht über die Anforderungen der zehnten Klasse in der Gesamtschule hinaus.

Dennoch konnten manche Aufgaben nur von einer Minderheit gelöst werden. Im Durchschnitt beantworteten die Getesteten lediglich 20 der 30 Fragen richtig; selbst diejenigen mit Abitur schafften nur 23. "Das Ergebnis der Studie ist für uns erschreckend", sagt der Hallenser Mathematik-Didakt Ulrich Kortenkamp gestern bei der Vorstellung der Daten in Berlin. "Vom Schulwissen her hätten alle Befragten sämtliche Lösungen finden müssen - zumindest mit 80 Prozent haben wir bei jeder Aufgabe gerechnet." Kortenkamp hat die Fragen mitentworfen.

Vor allem "beim Umrechnen von Maßeinheiten, beim Herauslesen von Informationen aus Texten und Grafiken sowie beim Übersetzen von Alltagsphänomenen in Rechenoperationen tun sich die Deutschen schwer", stellt die Studie fest. Für die Betroffenen bringe das "erhebliche Nachteile" mit sich, warnt Stiftungschef Friedemann und fordert daher besseren Mathe-Unterricht in den Schulen: "Wir brauchen einen Unterricht, der begeistert und die Menschen für den Alltag fit macht." In Schleswig-Holstein stößt er damit auf offene Ohren: Gerade diese Woche hat Bildungsministerin Waltraud Wende die Initiative "Mathe macht stark" begonnen, die Grundschullehrer zu besseren Mathe-Pädagogen machen soll.

Vergleichsdaten für alle Bundesländer oder andere Staaten gibt es bei der neuen Rechenstudie nicht. Nur für die drei größten Bundesländer reichte die Fallzahl zu einer seriösen Auswertung. Die übrigen haben die Studienautoren zu Gruppen zusammengefasst - Schleswig-Holstein etwa firmiert mit Hamburg, Niedersachsen und Bremen unter Norddeutschland. Die regionalen Erkenntnisse: Im Osten rechnen die Menschen etwas schlechter als im Westen, im Norden etwas schlechter als in Bayern. Dagegen widerlegt die Studie ein anderes beliebtes Vorurteil, erzählt Kortenkamp: "Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Männer besser rechnen können als Frauen."

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