Monate, Zahlen und Tastaturen : Der Unsinn alltäglicher Konventionen – und ihre Ursprünge

Die Gründe für die Struktur von Alphabet und Zahlensystem sind zum Teil veraltet. Die beste Begründung für ihren Fortbestand ist oft die Gewohnheit.

Die Gründe für die Struktur von Alphabet und Zahlensystem sind zum Teil veraltet. Die beste Begründung für ihren Fortbestand ist oft die Gewohnheit.

Uhrzeiteinteilung, Dezimalsystem und deutsche Sprache sind voller Absurditäten. Woher es kommt, warum wir nichts ändern.

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06. Februar 2018, 21:43 Uhr

„Fack ju Göhte“ läuft 118 Minuten. Wenn Sie die DVD um 20.15 Uhr starten, um wie viel Uhr sind Sie dann fertig? Wenn Sie schnell auf die richtige Antwort gekommen sind, dann sicher nicht, weil sich mit Uhrzeiten leicht rechnen ließe. Oder mit dem Dezimalsystem. Und warum finden wir es eigentlich dumm, wenn man Worte – wie im genannten Filmtitel – so schreibt, wie man sie spricht?

Die westliche und speziell die deutsche Kultur sind reich an unzähligen überkomplizierten Konventionen und ungeschickten Gewohnheiten, die vermutlich niemals abgelegt werden. Die übelsten Fälle alltäglichen Unsinns sind hier zusammengetragen, samt Ursprung des jeweiligen Schlamassels und gescheiterter Verbesserungsversuche.

Die Uhrzeit

60 – 60 – 24: die merkwürdige Zeitmess-Einteilung verdanken wir den Babyloniern.
imago/MiS

60 – 60 – 24: die merkwürdige Zeitmess-Einteilung verdanken wir den Babyloniern.

Ein Film, der 100 Minuten geht, läuft nicht eine Stunde, sondern rund 1,7 Sunden. Eine halbe Stunde sind nicht 50, sondern 30 Minuten. Immerhin konsequent, sieht es beim Minuten-Sekunden-Verhältnis genauso aus – aber nicht bei der Stundenzahl eines Tages. Da haben wir die völlig beliebig wirkende Zahl von 24.

Schuld sind die Babylonier. Ihnen war die Zahl zwölf besonders heilig. Daraus ergab sich das Sexagesimalsystem (Sechziger-System, siehe unten): 60 (Sekunden und Minuten) ist eine Vielzahl von 12, ebenso wie die 24 (Stunden). Die Römer machten das System in Europa populär. Von hier aus ging es um die ganze Welt und quält seitdem Schüler mit der Umrechnung der verschiedenen Zeitgrößen.

Mittlerweile ist das Sexagesimalsystem einige Tausend Jahre alt. Zeit für eine Überarbeitung, dachten sich die französischen Revolutionäre Ende des 18. Jahrhunderts. Leider scheiterten die Erneurer an der Durchsetzung eines Zehn-Stunden-Tages, einer 100-Minuten-Stunde und einer 100-Sekunden-Minute. Aus EU-Kreisen sind heute keinerlei derartige Bestrebungen zu vernehmen. Auch Angela Merkel, die mächtigste Frau, und Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt, schweigen zum Thema.

Das Zehnersystem

In unserem Rechensystem zählen wir immer bis zehn und fangen dann von vorn an: 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10, dann 10 plus 1 (11), 10 plus 2 (12) und so weiter. 10 mal die 10 ergibt 100, 10 mal 100 ergibt 1000. Was ist daran unpraktisch? Nichts, solange man nicht anfängt zu rechnen.

Zehn lässt sich einmal sauber halbieren. Dann ist mit fünf bereits Ende. Deutlich praktischer wäre es, das System auf der Acht basieren zu lassen, denn die lässt sich bis hinunter auf eins teilen. Im so genannten Oktalsystem (von lateinisch octo, also acht)  zählt man: 1,2,3,4,5,6,7 und dann nicht 8, sondern 10. Weiter geht es mit 11,12,13,14,15,16,17, dann 20. Und so weiter.

Die 20 entspricht im Oktalsystem also der 16 in unserem Dezimalsystem, die 100 der 64, die 1000 der 512, die 2000 der 1024 und so weiter. Die Nähe zum Dualsystem (auf zwei basierend), mit dem Computer arbeiten, wird deutlich – hier tauchen ständig Zahlen wie 64 oder 1024 auf. Noch ein guter Grund zum Wechsel, denn die merkwürdig unglatt erscheinenden Zahlen bei Megabyte und Ram-Speicher ergeben so auf einmal Sinn.

Immer schön bis zehn, und dann von vorn – hätten wir nicht zehn Finger, würden wir vermutlich nicht mit dem Dezimalsystem rechnen.
imago/Jochen Tack

Immer schön bis zehn, und dann von vorn – hätten wir nicht zehn Finger, würden wir vermutlich nicht mit dem Dezimalsystem rechnen.

Warum rechnen wir dann trotzdem mit dem Zehnersystem? Weil wir zehn Finger haben. Auch Leute, die nicht bis drei zählen können, haben die praktischen Abzählhilfen immer zur Hand. Zehn weitere haben sie mit den Zehen zum Fuß, weshalb viele weniger weit entwickelte Zahlensysteme der Welt bei 20 enden. Auch die modernen westlichen Sprachen haben eigene Worte für die Zahlen bis 20 (elf, twelve, treize, catorce, quattordici usw.). Danach werden zwei Zahlenworte zusammengesetzt (ein-und-dreißig usw.). Wer weiß: Hätten die frühen Menschen bereits Schuhe getragen, würden wir vielleicht nicht elf sagen, sondern ein-und-zehn.

Ein kleiner Exkurs: Das Sechziger-System

Das erwähnte Sexagesimalsystem, das bei der Uhrzeit angewendet wird, hat nicht nur religiösen, sondern auch einen ganz praktischen Ursprung. Um bis zehn zu zählen, reichen die Finger aus. Zu Zeiten der alten Römer und Babylonier waren es vor allem Händler, die auch mit höheren Zahlen arbeiten mussten. Sie verwendeten zum Zählen deshalb die Glieder der Finger. Jeweils drei Glieder an den vier Fingern einer Hand ergeben insgesamt zwölf. Braucht der Händler noch höhere Werte, kann er pro Zwölfergruppe einen der vier Finger plus Daumen der anderen Hand einknicken, dann ist er bei fünfmal zwölf, also 60. Bleibt die Frage offen, warum er nicht auch noch die beiden Glieder des Daumens verwendet: Dann könnte er bis 14 beziehungsweise 70 zählen.

An-den-Fingern-Abzählen für Fortgeschrittene: Wenn man die Fingerglieder abzählt, kommt man bis 60.
Sven Raschke

An-den-Fingern-Abzählen für Fortgeschrittene: Wenn man die Fingerglieder abzählt, kommt man bis 60.

Das Alphabet

Wie verwandelt man ein E in ein A? Man setzt es vor ein I – in der Aussprache ergibt das „ai“. Nimmt man statt des I ein ein U, erhält man ein gesprochenes „oi“. Will man die Aussprache „ei“, muss man dagegen ey schreiben – wie in „hey“. Sinn hat das nicht, dafür Tradition. Macht man halt so, ist, wenn man ehrlich ist, die korrekte Begründung für unzählige Ungereimtheiten im Gebrauch des Alphabets. Warum schreibt man „Qualle“ nicht „Kwalle“? Warum „Vogel“ nicht „Fogel“? Warum „Jäger“ statt „Iäger“? „Hexe“ statt „Hekse“? „Zaun“ statt „Tsaun“? Die Buchstaben Q, V, J, X und Z könnte man problemlos aus dem deutschen Buchstabenschatz streichen.

Der amerikanische Schriftsteller hatte einiges auszusetzen an der deutschen Sprache.
imago/UIG, Grafik Sven Raschke

Der amerikanische Schriftsteller hatte einiges auszusetzen an der deutschen Sprache.

 

Auch das C ist eigentlich nur in Kombination mit anderen Buchstaben zu gebrauchen. In sch ist es im Grunde überflüssig, bei ck täte es auch ein Doppel-k, bleibt ch, einmal wie in „Kirche“ und einmal wie in „Lachen“ („Chor“ ginge genauso gut mit k) – und hier kommen wir zurück zum Problemfeld der chaotischen Ausspracheregeln. Warum wird etwa das überflüssige V  in besagtem „Vogel“ anders ausgesprochen als in „Vase“? Warum wird „Beet“ mit zwei e geschrieben, „beten“ aber nicht? Und warum nicht mit eh? Und und und. Warum, warum, warum?

Die Ursprünge des ganzen Wirrwarrs können Sprachforscher meist ziemlich exakt zurückverfolgen. Meist liegt es an der fremdländischen Herkunft der Worte (Französisch, Griechisch, Englisch, Latein usw.). Gründe dafür, dass man nicht langsam einmal ordentlich aufräumt im Buchstabensalat, sind das aber nicht. Könnte man doch machen, oder? Sicher könnte man. Tut man aber nicht, denn: Macht man halt so.

Die deutsche Tonleiter

c d e f g a h c lernt jeder Musikschüler in Deutschland. Und warum nicht a b c d e f g a? Das hat mehr als einen Grund. Als das heute in der westlichen Welt verwendete Notensystem im frühen Mittelalter langsam Form annahm, startete man die Tonleiter tatsächlich mit dem a und hielt sich auch bei den übrigen Tönen ans Alphabet. Die Musiker merkten aber irgendwann, dass ihnen das c als zentraler Ton wesentlich besser gefiel. Man setzte es also an den Anfang des Notenkreises – heraus kam die C-Dur-Tonleiter: c d e f g a b c. Und so wird sie in den meisten Ländern heute noch verwendet. Nicht aber in Deutschland.

Was hat das denn das h im Tonleiter-Alphabet verloren? Nur in Deutschland hat es sich hineingeschmuggelt.
Angelika Göllnitz

Was hat das denn das H im Tonleiter-Alphabet verloren? Nur in Deutschland hat es sich hineingeschmuggelt.

 

Dazu gibt es eine Geschichte. Zurück zum Mittelalter. Damals wurden Schriftstücke noch aufwändig per Hand kopiert, meist von Mönchen in Klostern. Irgendwann hatte ein unbekannter Mönch beim Kopieren aus Versehen ein kleines b zu einem kleinen h gemacht. Voilà: Die deutsche C-Dur-Tonleiter war geboren. Eine schöne Geschichte, weit verbreitet, aber vermutlich falsch. Jedenfalls gibt es keine Belege dafür.

Wahrscheinlicher ist eine andere Erklärung. Zwischen den sieben ganzen Noten gibt es noch die Halbtonschritte. Einer davon ist das ♭. Für dieses musikalische Zeichen hatten die frühen deutschen Buchdrucker keine eigenen Lettern. Deshalb nahmen sie stattdessen das kleine b und füllten die Lücke in der Tonleiter mit dem nächsten freien Buchstaben im Alphabet: dem kleinen h.

Das Monatssystem

Das Jahr hat 365 Tage (und ein paar Zerquetschte). Daran lässt sich nichts ändern, solange man sich an der Rotation um die Sonne orientiert. Eine saubere Aufteilung auf zwölf Monate ist deshalb nicht möglich.

Weil er einmal der letzte der zwölf Monate war, ist der Februar zu kurz gekommen.
imago/epd

Weil er einmal der letzte der zwölf Monate war, ist der Februar zu kurz gekommen.

 

Die wechselvolle Geschichte des Kalenders im Detail zu erzählen, wäre kein Artikel für sich, sondern eher ein Roman. Deshalb hier die kurze Variante. Die Monatseinteilung richtete sich ursprünglich nach den Mondphasen. Die dauern nicht immer gleich lang, sind aber immer kürzer als ein Jahres-Zwölftel. Gäbe man jedem Monat 30 Tage, käme man auf 360, bei jeweils 31 Tagen wären es 372. Gäbe man der einen Hälfte 30 und der anderen 31, käme man auf 366 Tage. Dann müsste der Februar nur auf einen Tag verzichten und hätte alle vier Jahre (Schaltjahr) sogar 30 Tage. Ganz so logisch wollte man es sich aber nicht machen.

Und warum traf es den Februar? Weil das Jahr nach dem alten römischen Kalender mit dem März begann. Wenn man nach den Jahreszeiten geht, ergibt das auch viel mehr Sinn, denn im März erwacht mit dem Frühling das Jahr zu neuem Leben. Der Februar als damals letzter Monat musste nehmen, was ihm die anderen übrig ließen.

Die Tastaturbelegung

Länder mit lateinischen Schriftzeichen verwenden für die Belegung von Tastaturtasten das QWERTZ- oder QWERTY-System, das nach der Reihenfolge der Buchstaben in der oberen Buchstabenreihe benannt ist. Bei englischen und deutschen Tastaturen sind dabei Z und Y vertauscht, die Franzosen drehen noch einige weitere Buchstaben. Das hängt mit der Häufigkeit der Verwendung in der jeweiligen Sprache zusammen. Allerdings sind sämtliche gebräuchliche Belegungen weit davon entfernt, ergonomisch effektiv zu sein. Die im Deutschen häufigsten Buchstaben sind E, N, I, S, R, A, T und D. Wer das Zehnfingertippen beherrscht, weiß, dass sich davon nur das S und das A unter den acht am besten erreichbaren Tasten auf der Tastatur finden. Das verlangsamt das Tippen – war aber ursprünglich dennoch beabsichtigt.

Alternative Tastatur-Layouts wie die deutsche Dvorak-Tastaturbelegung Typ II ermöglichen schnelleres Tippen, haben aber kaum eine Chance sich durchzusetzen.
Johannes Barre/Wikimedia Commons

Alternative Tastatur-Layouts wie die deutsche Dvorak-Tastaturbelegung Typ II ermöglichen schnelleres Tippen, haben aber kaum eine Chance sich durchzusetzen.

Bei den alten mechanischen Schreibmaschinen lösen die Tasten kleine Hämmer aus, die ein Farbband aufs Papier drücken und so den Buchstaben erzeugen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verhakten sich diese Hämmer öfter einmal, wenn nah beieinander liegende Tasten zu schnell hintereinander gedrückt wurden. Der amerikanische Buchdrucker und Erfinder Christopher Latham gestaltete deshalb eine Tastenanordnung, bei der Buchstaben häufig verwendeter Kombinationen auf der Tastatur weit auseinander liegen.

Spätestens seit der Einführung des Computers als Massenmedium ist der Grund für sein QWERTZ-Layout weggefallen. Aber ein anderer, ungleich mächtigerer ist an seine Stelle getreten, eine der stärksten und trägsten Kräfte des Universums: die Gewohnheit.

Noch lange nicht alles

Irgendwo muss man einen Schlusspunkt setzen. Sonst könnte hier noch über die Zeitumstellung geredet werden, über die Temperaturskala, übers Händeschütteln und über vieles, vieles andere. Welche unsinnige Konvention geht Ihnen auf die Nerven? Teilen Sie es uns mit, in den Kommentaren.

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