Selbstmord einer Transsexuellen : Der Tod von Leelah Alcorn: „Gott macht keine Fehler“

Der Tod von Leelah Alcorn entfacht eine neue Debatte über Transgender und Toleranz im Netz.
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Der Tod von Leelah Alcorn entfacht eine neue Debatte über Transgender und Toleranz im Netz.

Weil ihre Eltern die Liebe zu Gott vor die Liebe zu ihrem Kind stellten, nahm sich Leelah Alcorn - 17 Jahre - das Leben. Der Tod des Mädchens löst eine neue Transgender-Debatte aus.

shz.de von
06. Januar 2015, 15:40 Uhr

Ohio | Am 29. Dezember sah eine 17-Jährige in Ohio keinen anderen Ausweg mehr – und nahm sich das Leben. Leelah Alcorn, geboren am 17. November 1997 als Josh Alcorn, sah keine andere Lösung für ihre Probleme. Ein letzter Blogeintrag auf tumblr beginnt mit den Worten:

„Wenn du das jetzt lesen kannst, dann bedeutet es, dass ich Selbstmord begangen habe und offensichtlich diesen Beitrag nicht mehr aus der Planung entfernen konnte. Sei bitte nicht traurig, es ist besser so. Das Leben was vor mir lag, war nicht lebenswert. Ich bin transexuell. Ich könnte ins Detail gehen, warum ich so fühle, aber dieser Post wird eh schon lang genug. Um es kurz zu machen: Ich bin ein Mädchen, gefangen in dem Körper eines Jungens. Ich fühle so, seit ich vier Jahre alt bin.“

Ihre Transsexualität fand keine Unterstützung in Leelahs Familie, schreibt die Bravo. Im Alter von 16 Jahren verweigerten ihre Eltern ihr die Hormontherapie, die zur Geschlechtsumwandlung nötig wäre. „Gott macht keine Fehler. Das ist eine 'Phase'“, hieß die Diagnose der Eltern. Das Problem: Leelah wächst in einem streng christlichen Elternhaus auf. Ihre Mutter schickt sie zu christlichen Therapeuten, die ihr wieder auf den rechten Weg helfen sollen. Reparativtherapie heißt das. Ihre Eltern wollten Leelah „heilen“. Leelah Alcorn fühlte sich jedoch nur noch mehr unverstanden.

Leelah outet sich in ihrer Schule als schwul. Das Outing fassen alle positiv auf – ihre Familie nicht. Sie wurde aus der öffentlichen Schule genommen. Laptop und Handy musste sie abgeben. Ihre Eltern zwangen sie, ihre Social Media Accounts zu löschen und den Kontakt zu Schulfreunden abzubrechen, schreibt Leelah vor zwei Monaten auf dem Portal „reddit“.

Die Isolation wird so stark, dass Leelah sich das Leben nimmt. Im Abschiedsbrief fordert sie Gleichberechtigung für andere Transsexuelle. Mit 18 Jahren hätte Leelah die Geschlechtsanpassung auch ohne ihre Eltern vornehmen können. Dazu soll es nicht mehr kommen. Die seelische Belastung war zu groß.

Eine zwischen 2010 und 2014 in England durchgeführte Studie zeigt auf, dass 48 Prozent der Transgender unter 26 Jahren versucht haben, sich das Leben zu nehmen, weil sie sich unverstanden fühlen, weil sie sich schämen, weil sie das Gefühl haben, nicht dazuzugehören, schreibt die Welt.

„Ich kann nur in Frieden ruhen, wenn eines Tages transsexuelle Menschen nicht mehr genauso behandelt werden wie ich. Sie müssen wie Menschen behandelt werden, die Gefühle und Rechte haben. (...) Mein Tod muss etwas bedeuten! Mein Tod muss in die Statistik einfließen, die dieses Jahr Selbstmord begingen. Ich will, dass die Leute sich diese Zahl angucken und sagen: 'Hey, das ist scheiße!' und etwas ändern! Ändert die Gesellschaft. Bitte.“

Die Geschichte von Leelah Alcorn löste im Netz eine Debatte über das Thema aus. Unter dem Motto „Pink for Leelah“ gibt es auf Twitter zahlreiche Kommentare. Der Blog auf tumblr mit dem Abschiedsbrief wurde mittlerweile gelöscht. Doch die Welle im Internet hat bereits hohe Wogen geschlagen.

Zahlreiche Twitter-Nutzer sind entsetzt, dass Leelahs Mutter nicht einmal nach dem Tod ihres Kindes akzeptiert, das Josh ein Mädchen sein wollte.

Leelah Alcorns Mutter: „Wir liebten ihn bedingungslos, aber konnten ihn aufgrund unseres Glaubens nicht unterstützen.“ Der Twitter-Kommentar dazu: „Wenn Religion wichtiger ist, als deine eigene Tochter.“

Neben kritischen Worten gegenüber den Eltern gibt es auch Worte der Trauer. „Ruhe in Frieden und Stärke.“

„Jeder Mensch verdient Liebe, Akzeptanz und muss sich im eigenen Körper wohlfühlen dürfen.“

„Mein Vorsatz für 2015 ist es, jeden Tag #LeelahAlcorn zu teilen.“

Nur weil ein Kind nicht auf dem durch die Eltern vorherbestimmten Pfad wandelt, bedeutet nicht, dass es dadurch weniger menschlich ist.

Wir müssen in der Schule ein Essay über etwas schreiben, was uns in der Gesellschaft Sorgen bereitet. Meins wird ohne Zweifel über Leelah Alcorn sein.

Auch eine Facebook-Seite fordert Gerechtigkeit für Leelah Alcorn und die Akzeptanz von Transgendern, Schwulen und Lesben in unserer Gesellschaft. Justice for Leelah Alcorn fragt, wie diese Gesellschaft „repariert“ und toleranter werden kann. Die Seite verzeichnet bereits über 36.000 Likes. Diskriminierung und Intoleranz seien noch immer weit verbreitet sagte die amerikanische Transgender-Aktivistin Mara Keisling dem Independent. Viele Transgender müssen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit ertragen, dabei helfe nur eines: Die Menschen ernst zu nehmen.

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