Trend Wählscheibentelefon : Der sumpfgrüne Traum der Entschleunigung

'Rrrring-rrriiiing!' Dieses Geräusch entschädigt für alle Unannehmlichkeiten.
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"Rrrring-rrriiiing!" Dieses Geräusch entschädigt für alle Unannehmlichkeiten.

Die Generation Smartphone hat ein neues Lieblingsspielzeug: das Wählscheibentelefon. Doch wer hip sein will, muss leiden. Ein Erfahrungsbericht.

shz.de von
09. Juni 2014, 18:10 Uhr

Flensburg | Wer hip sein will, kauft seine Gadgets heute nicht mehr im Elektroladen, sondern auf dem Flohmarkt. Gadgets - das sei den Nicht-Hipstern erklärt - sind diese kleinen technischen Spielereien, die das Leben schöner machen. Der technische Fortschritt beschleunigt sich, gleichzeitig floriert der Vintage-Trend. Der Hipster steckt in der Klemme.

Grammophone, Schreibmaschinen und Analogkameras wirken auf die „Digital Natives“, die mit Laptop, Smartphone und Internet sozialisierte Generation, wie Relikte aus der Kreidezeit. Doch in Studentenwohnungen und Großstadtlofts werden die einstigen Staubfänger wieder zum Hingucker. Der typische Mittzwanziger von heute stellt Flohmarktmöbel über Ikea-Klassiker. Das Motto: „Je oller, desto doller.“

„Rückschritt ist Fortschritt“, dachte auch ich, als ich auf einer Online-Plattform für schlappe 10 Euro ein waschechtes 70er-Jahre-Wählscheibentelefon erstand. Und: „Warum will man so ein Schätzchen nur loswerden?“ Das Telefon war für mich ein sumpfgrüner Traum aus Nostalgie, Entschleunigung und haptischem Hochgenuss. Keine Kurzwahltasten mehr, kein Anrufbeantworter, kein Multitasking. Mein futuristisch-weißes Schnurlostelefon mit polyphonem „Für Elise“-Klingelton und Displaybild hatte ausgesorgt – so dachte ich.

Nachdem mein neues altes Schätzchen dank erneuertem Anschluss an den Router angebracht war, kam bald die Ernüchterung: Zwar konnte ich eingehende Anrufe damit annehmen, die Wählscheibe erwies sich jedoch als nutzlos. Eine Google-Suche später stand fest: Sie war dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen. Mein kultiger „Fernsprechtischapparat“ funktionierte nach dem veralteten Impulswahlverfahren. Dieses wird von neueren Routern kaum noch unterstützt.

Anders als beim heutigen Standard, dem Mehrfrequenz- oder Tonwahlverfahren, sorgt beim Wählscheibentelefon das klassische Geratter für die Übertragung einer elektrischen Impulsfolge. Heute geschieht dies meist über Tonfolgen, die den einzelnen Ziffern zugeordnet sind. Schuld am langsamen Aussterben der kultigen Telefonklassiker ist die Umstellung der Telekom auf Voice over IP (VoIP). Über kurz oder lang sollen alle Haushalte in Deutschland die Internettelefonie nutzen – ohne Rücksicht auf Oma und trendbewusste Großstädter. Angestrebt ist die vollständige Abschaltung des analogen Festnetz bis 2016.

Obwohl mein persönliches Telefonglück durch das Eingreifen der Telekom sensibel gestört wird, bietet Voice over IP auch Vorteile: Durch eine einheitliche Infrastruktur werden nicht nur Ressourcen geschont, sondern auch die Kosten für Betreiber und Verbraucher gesenkt. So können Telefon-Flatrates inzwischen sehr günstig angeboten werden. IP-Telefonie bedeutet aber auch die ständige Abhängigkeit von Strom und Internet – wer nicht verbunden ist, kann nicht telefonieren.

Trotz moderner Gegenwehr konnte ich mein Telefon schließlich doch noch in die Neuzeit retten. Die Lösung heißt IWF/MFV-Konverter und ist mit rund 50 Euro eine kostspielige Angelegenheit. Die schöne Hipster-Spielerei hat vor allem eins gekostet: Nerven, Zeit und Geld. Entschädigt werde ich immer dann, wenn der grüne „FeTAp“ mit seinem schrillen Klingeln Kindheitserinnerungen wach werden lässt.

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