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Elite-Schule Istanbul Lisesi : Der Streit um Weihnachten und der Weg der dpa-Recherche

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Hat die Deutsche Presseagentur in der Geschichte um das „Weihnachtsverbot“ schlampig recherchiert? Die Agentur legt ihre Recherche offen, um Vorwürfe zu entkräften.

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2016 | 11:57 Uhr

Istanbul | Der Streit um den Umgang mit dem Weihnachtsfest an der Elite-Schule Istanbul Lisesi hat hohe Wellen geschlagen. In sozialen Medien wird der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vorgeworfen, nicht ausreichend recherchiert zu haben. Es habe sich „niemand die Mühe gemacht“, bei der Schule anzurufen, behauptet zum Beispiel der CDU-Politiker Ruprecht Polenz auf seiner Facebook-Seite - ohne bei dpa nachzufragen, ob das tatsächlich so gewesen sei.

Ein Fehler in der Recherche bei Agenturen hat meist großen Auswirkungen. Da sie verschiedene Medien mit ihren Nachrichten beliefern, erzielen die Beiträge hohe Reichweiten. Gerade kleinere Medien haben oftmals keine eigenen Korrespondenten in der Türkei.

So dokumentiert die dpa den Weg der Recherche:

 

Dienstag, 13. Dezember:  Im deutschen Generalkonsulat findet ein Weihnachtskonzert statt, an dem traditionell der Chor des Istanbul Lisesi teilnimmt. Dessen Teilnahme wird kurzfristig abgesagt. Das dpa-Büro in Istanbul erfährt davon und recherchiert weiter.

Donnerstag, 15. Dezember: dpa wird eine E-Mail der Leitung der deutschen Abteilung des Istanbul Lisesi an die deutschen Lehrer zugespielt, die besagt: „Es gilt nach Mitteilung durch die türkische Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.“ dpa spricht mit Quellen aus dem Schulumfeld, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollen und die von einem „Weihnachtsverbot“ sprechen.

Donnerstag, 15. Dezember:  dpa Istanbul ruft mit der Bitte um Auskunft beim Bildungsministerium in Ankara an, das um eine schriftliche Anfrage bittet. Das Ministerium ist der türkischen Schulleitung vorgesetzt. In der E-Mail fragt dpa, ob diese Anweisung von der türkischen Schulleitung oder vom Bildungsministerium ausgehe, was der Grund dafür sei und ob eine solche Anordnung nur für das Istanbul Lisesi gelte oder für alle Schulen in der Türkei. dpa bittet auch beim Leiter der deutschen Abteilung des Gymnasiums um einen Termin oder ein Telefonat.

Freitag, 16. Dezember:  dpa bittet das Bildungsministerium am Vormittag erneut um Auskunft und verweist darauf, dass die Meldung am Sonntag veröffentlicht werden soll. Eine Antwort bleibt auch diesmal aus. Der Leiter der deutschen Abteilung der Schule antwortet zwar, verweist aber nur an das deutsche Generalkonsulat. Das Generalkonsulat äußert sich auf Anfrage öffentlich nicht zu dem Vorgang.

Sonntag, 18. Dezember: dpa sendet die Meldung zu einem Weihnachtsverbot am Istanbul Lisesi. Vom Auswärtigen Amt wird eine Mitteilung verbreitet, in der es unter anderem heißt: „Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht.“ Der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu äußert, dass es kein Weihnachtsverbot gebe, und wird von dpa mit dem Angebot kontaktiert, eine Stellungnahme zur Veröffentlichung abzugeben. Yeneroglu verweist stattdessen auf eine bevorstehende Stellungnahme der türkischen Schulleitung. dpa fragt später noch einmal bei Yeneroglu nach, wann mit dieser Stellungnahme zu rechnen sei. Die Schule veröffentlicht das Dementi dann am Abend, dpa berichtet darüber.

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