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Familie : Der Partner ist kein Therapeut - Probleme nicht immer abladen

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In Partnerschaften sollten grundsätzlich alle Sorgen und Nöte auf den Tisch kommen. Damit der andere sich nicht als seelischer Mülleimer fühlt, ist jedoch das rechte Maß gefragt.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2013 | 09:21 Uhr

Ärger im Büro, Streit mit den Eltern oder ein Disput im Sportverein: Nach einem schlechten Tag will man Sorgen natürlich seinem Partner erzählen. Wer nicht zusätzlich eine Beziehungskrise hinaufbeschwören möchte, sollte jedoch nicht endlos über das gleiche nörgeln. «Problematisch wird es bei Themen, die immer und immer wieder auf den Tisch kommen», sagt Martina Kanus-Lahann, Familientherapeutin im niedersächsischen Kirchseelte. Dann könnte der Partner – zu recht – genervt reagieren.

Wird ein Problem zum Dauerbrenner, sollte man vielmehr schauen, was wirklich dahinter steckt. «Vielleicht schaffe ich es nicht, eine Lösung zu finden, bin konfliktscheu», sagt die Therapeutin. «Dann komme ich aus dem ewigen Gequake nicht raus.»

In einer Beziehung sollte man alle Sorgen beim anderen abladen können, sagt Jeanette Lindner* aus Fulda. Sie und ihr Freund hätten aber abgesprochen, dass der eine dem anderen Bescheid sagt, wenn ihm ein Thema auf die Nerven geht. Das sei auch schon vorgekommen, als sich Jeanette über Monate hinweg über eine Kollegin geärgert habe. «Da hat mein Freund gesagt: "So, jetzt berichtest du mir mal über die positiven Dinge vom Tag."» Umgekehrt sei sie froh, wenn ihr Partner mal sein Herz so richtig ausschütte, gesteht die 40-Jährige - denn das komme nicht so oft vor.

In vielen Beziehungen ist es nach Einschätzung von Kanus-Lahann so, dass Männer und Frauen Probleme unterschiedlich angehen. Während die Partnerin über längeres Reden zu einem Ergebnis gelangt, denken Männer meist direkt in Lösungen. Aber auch für die redseligeren Frauen gilt: Irgendwann muss Schluss sein. Wenn ein Problem tiefer sitzt und jemanden auf Dauer stark belastet, dann kann laut Kanus-Lahann am besten ein Experte helfen - der Partner eigne sich nicht als Therapeut.

«Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Probleme, kommen Sie ins Handeln», rät die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Schließlich will niemand durch ewiges Jammern über Alltagsprobleme für den Partner zur Zumutung werden. Aber auf der anderen Seite gilt auch: «Eine Fassadenpartnerschaft sollte es nicht sein», sagt Kanus-Lahann. «Gaukeln Sie dem Partner keinen Sonnenschein vor, wenn es regnet.»

Nach den Erfahrungen des Paartherapeuten Felix M. Arnet sprechen viele Paare zu wenig miteinander – auch über Sorgen und Probleme. «Oft wird sich kaum Zeit genommen, um vernünftig zu reden, der Austausch kommt grundsätzlich zu kurz», sagt der Coach aus Wiesbaden. Dies hat er auch bei Partnerschaften beobachtet, die funktionieren. Steckt das Paar ohnehin in der Krise, sei die mangelnde Kommunikation umso schlimmer. «Reden Sie nicht nur über die guten Dinge, haben Sie keine Angst, Schwieriges anzusprechen», rät der Therapeut. «Holen Sie sich den Rat Ihres Partners.»

Wichtig sei auch, dass sich Paare gezielt Redezeit miteinander nähmen – denn beim «Tür-und-Angel-Gespräch» könne kaum eine gute Kommunikation entstehen. Wenn der Austausch in einer Beziehung nicht mehr stimmt, steige die Gefahr, dass sich ein Partner in jemand anderes verliebt. Oft gehe es bei Seitensprüngen nicht unbedingt um Sex, sagt Arnet. Die Nähe entstehe oft über das Reden und Zuhören.

Peter Hartmann* aus Hamm wäre es manchmal ganz recht, wenn seine Ehefrau mehr mit ihm über ihre Probleme sprechen würde. Besonders, als beide noch berufstätig waren, habe sie regelmäßig über das Büro geklagt – «aber alles im Rahmen», sagt der 69-Jährige, der seit 45 Jahren verheiratet ist. Oft sei es schon das Sprechen allein, was bei Sorgen entlaste. «Manchmal will man keine Lösung - wenn man es gesagt hat, ist es schon besser», sagt er. Insgesamt sollten jedoch Problemgespräche nicht überhandnehmen. «Nicht übermäßig, wohldosiert zur rechten Zeit», laute Hartmanns Devise. Nach einer Pause fügt er hinzu: «Theoretisch. Wie ich es dann wirklich mache, ist was anderes.»

* Name von der Redaktion geändert

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