Der Coole mit den Cowboystiefeln

Entspannt: Robert Habeck zusammen  mit seiner Frau Andrea Paluch  an der  Brücke nahe dem am deutsch-dänischen Fußgänger-Grenzübergang Schusterkate bei Wassersleben an der Flensburger Förde.   Foto: Marcus Dewanger
Entspannt: Robert Habeck zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch an der Brücke nahe dem am deutsch-dänischen Fußgänger-Grenzübergang Schusterkate bei Wassersleben an der Flensburger Förde. Foto: Marcus Dewanger

Nach zweieinhalb Jahren im Landtag fremdelt der grüne Spitzenkandidat Robert Habeck noch immer mit manchem Gebaren der großen Parteien

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29. März 2012, 03:59 Uhr

flensburg/Kiel | Welche inhaltlichen Ziele die Parteien auch immer anstreben - was sie politisch bewegen, hängt letztlich immer von den Menschen ab. Was also zeichnet die Spitzenkandidaten von CDU, SPD, Grünen, FDP, SSW, Linken und Piraten bei der Landtagswahl als Person eigentlich aus? Auf sieben Spaziergängen mit ihnen begibt sich Autor Frank Jung auf die Suche nach einer Antwort.

Den Strand von Wassersleben hat Robert Habeck als Treffpunkt vorgeschlagen. Nicht nur des Panoramablicks auf die Förde wegen. Sondern auch, weil dies der letzte Küstenabschnitt ist, der Flensburg noch von Dänemark trennt. Der Grenzübergang Schusterkate, eine Passierstelle an einer Brücke ausschließlich für Fußgänger, bietet die idyllischste Möglichkeit, von einem Land ins andere zu wechseln. "Mit dem einen Bein hier und dem anderen dort - das ist für meine Familie gelebter Alltag in dieser doppelten Kulturlandschaft", sagt der 42-Jährige. Der Schriftsteller bildet noch immer gern Metaphern - auch, wenn er seine Autorentätigkeit für die grüne Spitzenkandidatur zur Landtagswahl auf Eis gelegt hat.

Habecks vier Kinder gehen in Flensburg auf die dänische Schule. Während eines Auslandssemesters in Roskilde ist er mit seiner späteren Frau Andrea Paluch zusammengezogen; im einstigen Exil Bertolt Brechts nahe Svendborg haben beide mit einem Forschungsstipendium gelebt und gearbeitet. 2001 kam der Umzug nach Großenwiehe westlich von Flensburg - und damit auch die Entdeckung Wasserslebens. "Wie eine Heimkehr in die Kindheit" hat Habeck die erste Stippvisite dort erlebt. In Heikendorf auf dem Ostufer der Kieler Förde führen Wege auf ähnliche Art ans Wasser - "und ich finde es toll, meinen Kindern ein ähnliches Umfeld zu bieten". Zwar verfasst er mit seiner Frau seit seinem Einzug in den Landtag 2009 keine Romane und Hörspiele mehr - in der Öffentlichkeit aber wird er trotzdem nach wie vor gern mit ihr zusammen wahrgenommen: Zu diesem Spaziergang hat er sie mitgebracht, und zumindest farblich ergänzt sich das Doppel: Violetter Schal um seinen Hals trifft auf violette Mütze auf ihrem Kopf. Hat er sich verändert in den zweieinhalb Jahren, die er jetzt im Parlament sitzt? "Robert neigt eher dazu, die anderen zu verändern", meint Andrea Paluch. Er selbst befürchtet, im neuen Lebensabschnitt "absorbierter" zu sein, wenn er dann doch mal zu Hause ist. Zumindest beim Brötchenholen aber kaufe er immer noch manchmal politisch unkorrekt Weizen- statt Vollkornsorten, und beim Handball in der Flensburger Campushalle traue er sich immer noch, bei Bedarf über den Schiedsrichter zu schimpfen.

Angesichts der dänischen Schulwahl für den Nachwuchs ist Habeck einst ein Engagement im SSW durch den Kopf gegangen. Der Gedanke aber war schnell zu Ende. "Es funktioniert für mich nicht, im Selbstverständnis ganz und gar in eine andere nationale Kultur einzutauchen. Und so definiert sich halt der SSW in Bezug aufs Dänische." Sonstige Parteien waren nie ein Thema. Habeck ist überzeugt: "Ich kann nur gut sein, weil ich bei den Grünen bin." Seit er als Schüler durch den Reaktorunfall in Tschernobyl atomkritisch wurde, verortet er sich dort politisch. Nur bei den Grünen sieht er außerdem zwei andere Überzeugungen verankert: "zum einen, dass es öffentliche Güter geben muss, zum anderen das Austarieren zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung." 2002 übernahm Habeck als Kreisvorsitzender von Schleswig-Flensburg das erste Parteiamt. Im Abschalten der Kernkraftwerke sieht er die zentrale Aufgabe der Grünen für die kommende Legislaturperiode aus. "Weil das Herz etwas heißer und der Verstand etwas kühler ist als bei anderen", sagt er, der Vaclav Havel als politisches Idol nennt. Sich selbst sieht er indes im Fall einer Regierungsbeteiligung nicht automatisch als Ressortchef des Energieministeriums, für dessen Einrichtung er plädiert hat. Als Fraktionsvorsitzender als Generalist trainiert, fühlt er sich "nicht auf ein Ressort, noch nicht einmal auf einen Job als Minister festgelegt".

Vertrüge sich ein solches Amt überhaupt mit dem "Cool-Sein", das er sich und seinen Grünen als Alleinstellungsmerkmal im Parteienspektrum verordnet hat? "Ich weiß nicht, ob es eine falsche Selbsteinschätzung ist, dass man auch im Apparat ein Stück lockerer und nahbarer agieren kann, als man das allgemein erwartet", antwortet der Cowboystiefel-Träger und Punkrock-Fan. Vor allem meint der grüne Frontmann mit seiner Predigt vom Cool-Sein, das Gefüge von "denen da oben und denen da unten aufzubrechen. Dicht dran zu sein, nicht in Phrasen zu reden".

Obwohl die Grünen durch die Klage vor dem Landesverfassungsgericht die jetzige Wahl mit erstritten haben, verspürt die auch überregional von seiner Partei schon als Hoffnungsträger gehandelte Frontfigur kein Triumphgefühl. Dazu sei das Gerichtsurteil schon zu lange her. "Quälend lange", wie er findet. "Ich habe nicht verstanden, wie man sagen kann: Der Landtag ist nicht verfassungskonform zusammengesetzt, aber er soll noch anderthalb Jahre weitermachen." Was dem Polit-Neuling am Wahlkampf nicht gefällt, ist die Beobachtung, "dass es nicht so sehr zieht, wie hart wir zweieinhalb Jahre an Sachthemen gearbeitet haben, von den Finanzen bis zur Verwaltungsstruktur". Dass es "schwer ist, mit Sachthemen durchzudringen", erklärt Habeck mit dem "Drang von CDU und SPD, auf die ewig gleichen Muster zu verfallen. Beide wollen sie einfach nur stärkste Partei werden - aber für was eigentlich? Diese Form der Auseinandersetzung ist nicht die intelligenteste Phase meines politischen Lebens."

Seine Partei hat sich für die kleinen Wahlkampf-Formate entschieden. "Die SPD wird immer noch mehr große Plakate hängen können, die CDU die Bundeskanzlerin auf immer noch eine größere Bühne hieven können - da können und wollen wir nicht mithalten". Bei "Robert auf Schicht" jobbt Habeck in verschiedensten Lebensbereichen, bei "Schick mir einen Grünen" kann man ihn für kleine Dialogrunden buchen. In beiden Fällen redet nicht nur der Kandidat, sondern stellen genauso die Bürger ihre Sicht der Dinge dar. "Nicht als politische Heimspiele, aber als ehrlich und reich" erlebt Habeck die Begegnungen. Am meisten angestrengt hat ihn die "Schicht" in einem Altenheim in Jevenstedt bei Rendsburg. "Da habe ich gemerkt, wie viel Vertrauen man braucht, um permanent dicht an Menschen zu arbeiten."

Gar nicht unlieb ist ihm da manchmal, wenn Andrea Paluch ihm mit ihren auswärtigen Verpflichtungen als Autorin einen Anlass liefert, den Wahlkampf mal zu unterbrechen. Muss sie zur Buchmesse nach Leipzig oder zu Lesungen nach Berlin oder Köln - dann fällt sie zwei bis drei Tage aus, und er springt ein, um die Kinder zu versorgen. "Ich lade meine Batterien wieder auf, wenn ich den Geschirrspüler ausräume, die Lampen anschraube und die Schulbrote schmiere." Ihm geht es gut, wenn er sich als der Mann an ihrer Seite sehe - "weil es meine Wahrnehmung unterstreicht, dass meine politische Karriere nicht auf ihre Kosten geht". Am schönsten drückte sich das für ihn in dieser "Win-Win-Situation" aus: Andrea Paluch rockte mit ihrer Band beim Grünen-Wahlkampfauftakt im Kieler "Max".

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