Angeschossener Vogel in Pflege : Der alte Mann und die Störchin

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Der Kroate Stejpan Vokic pflegt seit 25 Jahren liebevoll die behinderte Störchin „Malena“. Sie liebt Tierfilme.

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20. November 2018, 13:25 Uhr

Slavonski Brod | Ein freudiges Klappern erschallt unter dem Dachgestühl. „Guten Morgen, meine Kleine!“ begrüßt Stejpan Vokic seinen Schützling in der zum wohlig warmen Winterquartier umgebauten Garage. Liebevoll nimmt der 73-jährige Rentner die schwarz-weiß gefiederte Malena unter den Arm – und stopft ihr als Frühstück klein geschnetzeltes Kalbfleisch in den Schnabel: Schon seit einem Vierteljahrhundert geht Stjepans Liebe zum bedrohten Tier im kroatischen Slavonski Brod durch den nimmersatten Storchenschlund.

Es sei während der Zeit des „unseligen“ Kroatienkriegs (1991–1995) gewesen, als er beim Angeln die von betrunkenen Jägern angeschossene Störchin gefunden habe, erinnert sich der pensionierte Schulhausmeister an den Tag, als er Malena im August 1993 unter seine Fittiche nahm.  „Was bringst du denn da mit?“, habe seine Frau zunächst wenig erbaut gefragt. „Aber ich konnte sie nicht einfach sich selbst überlassen“, begründet der seit zehn Jahren verwitwete Stjepan seinen damaligen Samaritereinsatz: „Sie wäre sofort von den Füchsen gerissen worden.“

Zunächst fütterte Stjepan seinen Schützling Tag für Tag, dann Jahr für Jahr durch. Fliegen könne Malena wegen ihres verletzten Flügels leider nicht, aber führe ansonsten ein fast normales Storchenleben, versichert der fürsorgliche Storchenvater. Im elterlichen Heimatdorf sei er in seiner Kindheit zwischen Störchen groß geworden, begründet er seine Vertrautheit mit den gutmütigen Dachbewohnern.

Ein selbst gezimmerter Steg ermöglicht der Störchin mit dem leicht nach unten hängenden Flügel den Aufstieg aufs Dach. Solange die Temperaturen noch nicht unter zehn Grad sacken, kann sie die letzten Herbsttage zumindest tagsüber in ihrem Nest thronen und von ihrem fernen Klepetan träumen: Erst nach dem Winter segelt ihr Lebenspartner aus seinem Winterquartier in Südafrika in der Regel am 24. März wieder ins gemeinsame Nest ein.

Im Alter von sieben Jahren habe Malena ihren ersten Partner kennengelernt – und gemeinsam mit ihm die ersten Eier ausgebrütet. Doch schon im dritten Sommer sei dieser nicht mehr zurückgekehrt, vermutlich unterwegs ums Leben gekommen, erzählt Storchenpfleger Stjepan. Nach einem „Jahr der Trauer“ sei 2003 schließlich der ebenso schmucke wie treue Klepetan in Malenas Leben getreten. 65 Storchenkinder hat das Paar seitdem unter Mithilfe Stjepans großgezogen. Denn dieser hat nicht nur seine Malena und deren Nachwuchs, sondern zu seinem Leidwesen auch deren Partner durchzufüttern.

„Klepo der Lump“ habe sich leider an den Luxus von freier Kost und Logis in seinem Sommerhotel gewöhnt und sei bei der Nahrungssuche für seine Brut leider keine Hilfe, scherzt Stjepan. Täglich legt der Rentner darum mit seinem alten Golf in den Sommermonaten bis zu 50 Kilometer zurück, um für seine Zöglinge frische Lebendfische zu fangen. Leider seien die Fische in den nahen Kanälen fast alle verschwunden. Der trockene Sommer habe zudem die Seitenärme und Uferwiesen der Save völlig ausgetrocknet. „Alles ändert sich und am meisten das Klima: Seit Mai gab es hier keinen richtigen Regen mehr.“

In den Tagen, bevor Klepo über Somalia und den Nahen Osten aus Südafrika nach Slavonski Brod zurückkehre, sei Malena immer sehr aufgeregt, wolle kaum mehr etwas essen und schaue immer wieder sehnsüchtig nach Osten, erzählt Stjepan. Noch mehr machten ihr die Nerven jedoch vor und nach dem Abflug ihres Partners ins afrikanische Winterquartier am 28.August zu schaffen: „Sie ist dann niedergeschlagen, verzweifelt – und traurig.“

Mit Ausflügen an die Flusswiesen versucht Stjepanseine Malena wieder aufzuheitern: „Ich kurbele das Fenster runter, sie streckt den Kopf raus und scheint sich im Fahrtwind wie beim Fliegen zu fühlen: Sie bewegt dann immer ein wenig die Flügel.“. An kalten Wintertagen lässt er sie auch schon einmal in die Wohnstube, um gemeinsam Fernsehen zu schauen. Gerne sehe sie Filme über Tiere „wenn die gefiedert sind“. Doch am liebsten betrachte sie Aufnahmen mit Klepetan und ihren Kindern: „Manchmal hat sie dann selbst eine Träne im Auge.“

Im Sommer verschlingen die Benzinkosten für die Angelausfahrten einen Großteil von Stjepans kleiner Rente. Im Winter sind es die Kosten für das Fleisch und das Holz zum Heizen der Garage, die den Storchenhüter trotz gelegentlicher Spenden kaum mehr über die Runden kommen lassen.  Nein, er sei sich nicht bewusst gewesen, auf was er sich einlasse, als er Malena aufgenommen habe: „Es ist wie bei der Pflege eines behinderten Kinds. Du musst nonstop für sie da sein.“ Bereut hat er es aber nie, die gefiederte Lebensgefährtin unter seine Fittiche genommen zu haben: „Ich würde Malena nie weggeben. Solange ich noch kriechen oder eine Bank ausrauben kann, wird sie bei mir immer etwas zu essen haben.“

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