Dem Kind zuliebe

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Einige Mütter schwärmen von Hausgeburten. Unsere Autorin hat damit ein Problem.

shz.de von
18. August 2018, 15:26 Uhr

Letztens war ich auf einem Geburtstag. Es war eine Frauenrunde, und irgendwann drehte sich das Gespräch um Geburten. Es dauerte nicht lang, da hatten zwei Gäste herausgefunden, dass sie beide je eines ihrer Kinder zu Hause entbunden hatten, und schwärmten der Runde davon vor. „Das war so toll!“, sagte die Eine, und vergaß nicht zu erwähnen, wie furchtbar im Vergleich ihre Klinikgeburt gewesen sei. Die Ärzte: schlecht. Das Krankenhaus: furchtbar. Die Geburt: eine Katastrophe. Sie könne jedem nur raten, daheim zu gebären, außerdem sei es dort sicherer, plapperte sie weiter. „Unsinn“, sagte ich, und dachte: Aber wenn es drauf ankommt, sollen diese schlechten Ärzte in dieser furchtbaren Klinik das Leben deines Kindes retten, nicht wahr?!

Hausgeburten sind ein umstrittenes Thema. In Deutschland liegt die Zahl derer, die ihr Kind in den eigenen vier Wänden bekommen, seit Jahren etwa konstant bei 0,6 Prozent: 2016 entschieden sich rund 5000 von 790 000 Frauen in Deutschland für eine Geburt im häuslichen Umfeld, weitere 7000 entbanden in Geburtshäusern. Schön, könnte man sagen. Wenn es für diese Frauen so gut passt – warum nicht? Aber sollte man das wirklich sagen? Ist es nicht stattdessen fahrlässig, ärztliche Versorgung abzulehnen? Und darf man das überhaupt, über den Kopf des Ungeborenen hinweg?

Eine Geburt sei das Natürlichste auf der Welt, sagen Fans von Hausgeburten, dafür brauche man weder Geräte noch Ärzte. Schließlich hätten Frauen jahrtausendelang ihre Kinder so auf die Welt gebracht. Ja, klar – und jahrtausendelang sind Mutter und Kind dabei reihenweise gestorben. Tatsächlich finde ich den Gedanken geradezu haarsträubend, dass Frauen in Entwicklungsländern unter schwierigsten Bedingungen Kinder zur Welt bringen,weil sie keine Wahl haben, während einige Eltern in Industrieländern bewusst auf medizinische Möglichkeiten verzichten, weil sie es „natürlich“ finden.

Dabei sind Hausgeburten unter Aufsicht einer Hebamme ja noch die sicherere Variante: Im vergangenen Jahr berichtete die „Süddeutsche“ von einem kleinen „Boom“ Alleingebärender – Frauen also, die mit Absicht ganz ohne Geburtshelfer ihr Kind bekommen. Manche legen sich dazu in die Badewanne, andere gehen in den Wald, um nah bei ihrer Urkraft zu sein. Ich frage mich: Was glauben sie? Dass ein Waldschrat vorbeikommt, um einen Notkaiserschnitt vorzunehmen, wenn es nötig ist? Klar, Berichte über Haus- oder Alleingeburten enden fast immer gut. Denn welche Eltern, bei denen das Ganze in einer Katastrophe mündete, mögen später davon erzählen?

Mich irritiert auch, dass es bei den wundervollen Erfahrungen der Hausgebärenden immer nur um die Mütter geht. „Ich hab mich so geborgen und selbstbestimmt gefühlt“, sagen sie, oder „Es war nicht so steril und kalt.“ Ja, das ist schön. Aber es geht nicht um dich und darum, dass du es nett hast! Sondern um dein Kind und dass es gesund zur Welt kommt! Bestimmt laufen Geburten besser, wenn Mama entspannt ist. Das darf doch aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Schwangerschaft in einem Notfall enden kann – auch wenn Mama es noch so heimelig hat.

Studien gibt es zu diesem Thema kaum. Aus einer großen Erhebung aus Großbritannien geht hervor, dass es bei Klinik- und Hausgeburten etwa gleich viele Komplikationen gibt. Gleich viele Komplikationen also, obwohl in den Krankenhäusern all die Risikopatientinnen, die Frühgeburten, Herzfehler, Beckenendlagen und fehlgelagerten Mutterkuchen auflaufen. Außerdem werden bis zu 45 Prozent der Erstgebärenden, die zu Hause entbinden wollen, während der Geburt doch noch in eine Klinik verlegt, bei Mehrgebärenden immerhin noch bis zu 13 Prozent.

Ja, eine Geburt ist natürlich. Und trotzdem ist sie ein „höchst gefährlicher Zeitpunkt im Leben des Menschen“, so formulieren es die deutschen Frauenärzte. Das vergessen wir nur gern, weil wir so rundum versorgt sind.

Ein Kind zu gebären ist das Natürlichste auf der Welt? Eben! Dann lasst es uns nicht überfrachten mit einer übersteigerten Romantisierung. Die sterile Klinik kann Leben retten. Und auf das Leben kommt es doch an.

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