Tag der Sehbehinderten : Das unscharfe Leben eines Brillenträgers

Ganz schön unscharf: Das Leben eines Brillenträgers kann, je nach Dioptrien, ziemlich kompliziert sein.
Ganz schön unscharf: Das Leben eines Brillenträgers kann, je nach Dioptrien, ziemlich kompliziert sein.

Brillenträger haben es nicht leicht. Ohne das gute Stück auf der Nase ist man schnell hilflos. Nadine Triebel von shz.de über den alltäglichen Kampf mit dem Nasenfahrrad.

shz.de von
06. Juni 2014, 06:00 Uhr

Ein lautes Krachen holt mich aus dem Schlaf. Am liebsten hätte ich noch ein bisschen weitergenickert, aber meine Ohren funktionieren leider genauso einwandfrei wie die eines Hundes. Adleraugen habe ich allerdings nicht, wie ich nach meiner Aufwachphase mit Bedauern feststellen muss. Desorientiert und unbeholfen greife ich nach meiner Brille, die ich gestern Abend irgendwo im Bett abgelegt habe, weil ich einfach zu faul war, sie in meinem Brillenetui zu verstauen – welches ich eigentlich sowieso nie benutze. Warum ich es mir zugelegt habe, weiß ich auch nicht. Den Vorsatz, mich besser um mein Nasenfahrrad zu kümmern, breche ich immer wieder aufs Neue. Leider, denn das gute Stück hat seinen Preis. Erst recht, wenn man wie ich, am rechten Auge über -3,75 und am linken Auge über -4,25 Dioptrien verfügt. Das heißt: ich bin kurzsichtig. Für extra dünne Gläser muss man noch mal ordentlich in die Tasche greifen. Man möchte schließlich keine Glasbausteine im Gesicht. Da wirken die Augen immer so dezent riesig.

Endlich finde ich meine Brille, die unter meinem Allerwertesten Platz gefunden hat und dazu noch total verbogen ist. Das ist schon mal ein guter Start in den Tag. Nebel erscheint mir vor der Linse, meine Gläser müssen unbedingt geputzt werden. Verzweifelt suche ich meine Brillenputztücher, die ich dank meiner Sehschwäche einfach nicht finden kann. Aufgrund der starken Unschärfe fühlt man sich nicht nur hilflos, sondern auch selbst vollkommen benebelt. Als würde man tagträumen. Meine Tücher finde ich immer noch nicht. Ich muss mich auf meinen Tastsinn verlassen, schwanke langsam in die Küche, in der ich auch noch auf etwas trete, das ich nicht erkennen kann. Das war wohl eine Eierschale vom Frühstück gestern, ahne ich, mache mich aber weiter auf die Suche nach den Tüchern. In dem Schrank unter der Spüle werde ich dann fündig. Nah hole ich die Packung ans Auge heran, sodass ich den Schriftzug lesen kann. Endlich, einen Schritt bin ich schon mal weiter.

Bei meinem Kampf mit dem Nasenfahrrad erinnere ich mich schnell an meine Schulzeit zurück. „Brillenschlange, Brillenschlange“ riefen mir meine Mitschüler jede Pause ins Gesicht. Anstatt mich darüber zu ärgern stellte ich mir lieber vor, wie wohl eine Schlange mit Brille aussieht. Trotzdem merkte ich, dass ich irgendwie anders bin. Aber mit den anderen Brillenschlangen in meiner Klasse verstand ich mich prächtig. Wahrscheinlich, weil wir alle irgendwie anders waren, beziehungsweise anders aussahen – jedenfalls aus Sicht der Gruppe, die mit ihren Adleraugen den perfekten Blick auf alles hatte. Dafür, dass ich echt gut hören konnte, interessierte sich natürlich niemand. Das konnte man ja auch nicht sehen. Meine Brille war damals viel zu groß für mein Gesicht, die Gläser noch dicker als die Spitze meiner Filzstifte. Kein Wunder, dass ich für eine ganze Weile als „Vierauge“ beschimpft wurde, aber wenigstens wusste man, wer ich bin. Besser als gar nichts.

Die eher negativen Erfahrungen in meiner Brillen-Kindheit sind wohl auch der Grund dafür, warum ich das Zweiglas nicht mehr als „Brille“ bezeichne. Schon immer empfand ich das Wort als irgendwie langweilig und eintönig. Ich nenne es mein „Nasenfahrrad“. Diese Komposition ist erstens grammatikalisch viel schöner, zweitens wird dem guten Stück damit viel mehr akustische Aufmerksamkeit geschenkt. Das zweisilbrige Wort mit B hat dagegen keine Chance – jedenfalls nicht bei mir.

Es ist kalt draußen. Ich hetze zu dem neuen Brillenladen um die Ecke. Dort werde ich empfangen, wie die Hollywood-Stars auf dem roten Teppich. Hier fühle ich mich wohl. Hier werde ich verstanden. Sehen kann ich trotzdem nichts, da mein Nasenfahrrad sofort beschlägt. Erst nach ein paar Minuten erhalte ich wieder den vollen Blick in die Realität. Nun geht es los, ich darf mir eine neue Brille aussuchen, gesponsert von Mutti. Als Studentin habe ich im Monat nicht mal eben ein paar Hunderter über. Eigentlich habe ich mich auf ein neues Brillengestell gefreut, aber nach ein paar Minuten habe ich die Nase schon gestrichen voll. Denn ich kann mich mit den kunterbunten Gestellen leider gar nicht sehen. Außer ich wage mich so nah an den Spiegel heran, dass er aufgrund meines Atems beschlägt. Mist, denke ich, aber der zuverlässige Optiker weiß sofort Rat. Mit solchen Situationen ist er schon vertraut, meint er und holt vorbereitet eine Digitalkamera aus der Schublade hervor. Sowas ist mir noch nie passiert – aber das Motto „der Kunde ist König“ ist hier wirklich mehr als zutreffend. Ich fühle mich zwar wie bei einem Fotoshooting, aber ich weiß: nur so hat das Ganze einen Sinn. Brillenkäufe müssen gut durchdacht sein. Schließlich sehen dich andere damit öfter, als man selbst. Doof, dass ich meine Mutter zur Brillenberatung nicht dabei habe. Die hätte sofort gewusst, was mir steht und was nicht. Der Optiker ist zwar total sympathisch, aber mir fällt es schwer ihm zu glauben, dass das Marken-Gestell um die 300 Euro am besten zu mir passt. Da ich mich einfach nicht entscheiden kann, schickt mir der Verkäufer die Bilder sogar per E-Mail zu. Nächstes Mal muss meine Mutter mit, denke ich und verlasse etwas enttäuscht den Laden. Meine Gläser wurden trotzdem gereinigt und das sogar kostenlos. Wieder ein Erfolg, juhu.

Manchmal fällt es mir recht schwer mich mit der Tatsache abfinden zu müssen, dass ich mein ganzes Leben lang auf mein Nasenfahrrad angewiesen bin. Erfahrungen mit Kontaktlinsen habe ich schon gemacht, doch die waren eher negativ. Mit dem prägnanten Accessoire auf der Nase fühle ich mich aber auch optisch viel wohler als ohne. Trotzdem kann es manchmal ganz schön nerven. Eine Alternative wäre eine Laser-OP, aber auch dann hat man keine Garantie, dass sich die Augen nicht noch einmal verschlechtern. Aber wie gesagt, als Schmuckstück gefällt mir das Zweiglas ja auch eigentlich ganz gut.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass wir Brillenträger manchmal ganz schön eingeschränkt sind. Ich habe mittlerweile keinen Spaß mehr daran ins Schwimmbad zu gehen, da ich sowieso nichts sehen kann. Beim Schulschwimmen habe ich das Nasenfahrrad gar nicht erst abgenommen. Wasserspritzer erschwerten mir immer wieder die Sicht, aber das ist immer noch besser als eine sechs in Sport. Bei Konzerten musste ich mein tragbares Accessoire immer wieder richten, da es wie auf halb acht in meinem Gesicht hing. Meine absolute Leidenschaft, das Achterbahnfahren, kann ich auch nicht richtig ausleben. Meine Brille muss ich jedes Mal vorher absetzen, damit sie mir nicht von der Nase fliegt. In der Höhe erkenne ich gerade mal die Umrisse meines Sitznachbarn. Sehr gut erkennen kann ich dann aber die Haare, die mir mitten ins Gesicht fegen. Das ist aber alles kein Problem mehr, denn mittlerweile reicht mir auch der Adrenalinschub, den ich spüre. Es macht ja trotzdem Spaß.

Obwohl das Wort mit B eine Einschränkung ist, muss man, meiner Meinung nach, abwägen, welche Einschränkung wirklich „schlimm“ im Leben ist. Bei dem Gedanken können wir Brillenträger uns doch eigentlich ziemlich glücklich schätzen, dass wir „nur“ schlecht sehen. Es ist alles eine Sache der Gewohnheit.

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