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„Exit Glacier“ im Kenai Fjords Nationalpark : Das große Schmelzen – Was der Klimawandel mit Alaskas Gletschern macht

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Allein in diesem Jahr zog sich der „Exit Glacier“ in Alaska rund 100 Meter zurück – ein besorgniserregender Rekord.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2017 | 18:54 Uhr

Seward | Die Eiskristalle funkeln wie Diamanten in der Mittagssonne. Vorsichtig bohren sich die Steigeisen beim Einstieg in das Gletscherfeld in die aufgeweichte Oberfläche. „Kleine Schritte machen“, mahnt Alex Bogner (21), der mit den Tücken des „Exit Glacier“ im Kenai Fjords Nationalpark von Alaska nur allzu gut vertraut ist. Eine atemberaubende Welt, die alles übertrifft, was die blauen Eismassen aus der Ferne verheißen.

Verführerisch schön, durch den Menschen bedroht und gefährlich. Alex schärft ein, ihm selbst an diesem Bilderbuch-Tag auf Schritt und Tritt zu folgen. Die Rinnsale, die überall gen Tal fließen, seien kein Problem. Aber vor den Eisschluchten und Gletschermühlen, die oft bis auf den Grund reichen, gelte es Abstand zu halten – mindestens einen Meter.

Während geübte Bergwanderer früher wagen konnten, den Gletscher auf eigene Faust zu betreten, riskieren sie heute ihr Leben. „Der Weg ändert sich oft täglich“, weiß Alex, der oftmals schon nach kurzer Zeit nicht mehr die Stufen nutzen kann, die er ins Eis geschlagen hat.

Ein Grund dafür ist der Klimawandel, der die Gletscher auf der Kenai Halbinsel im Süden Alaskas schneller schmelzen lässt als jemals zuvor in der Geschichte. In diesem Jahr stellten die Park-Ranger am „Exit Glacier“ einen Rekordrückgang um 293 Fuß (ca. 100 Meter) fest.

Die „Trümmer-Blume“ wächst dort, wo einst Eismassen die Felsen bedeckten.
Die „Trümmer-Blume“ wächst dort, wo einst Eismassen die Felsen bedeckten. Foto: Thomas Spang
 

Nach der Durchquerung des Gletschers und einem gut 200 Meter langen Aufstieg auf der anderen Seite des Tals macht Alex auf ein Weidenröschen aufmerksam. Dessen lila leuchtenden Blüten heben sich von dem Geröll ab, zwischen dem die im Volksmund auch als „Trümmer-Blume“ bekannte Pflanze aus dem Boden sproß. „Es sind die ersten Gewächse, die nach Katastrophen wieder wachsen“, erklärt Alex und fügt hinzu: „Oder nach der Gletscherschmelze“.

„Je heller das Grün der Vegetation, desto länger gab es da noch Eis“

Weiter oben an einem Aussichtspunkt auf den „Exit Glacier“ holt er ein Foto von 1992 aus dem Rucksack, das zeigt, wie sich der einst mäandernde Vorland-Gletscher immer weiter ins Tal zurückgezogen hat. Die Aufnahme stammt von Rick Brown (64), der damals aus Kentucky nach Alaska gereist kam und zum ersten Mal einen Gletscher sah. Der Berufs-Feuerwehrmann hatte eine fünftägige Kayak-Tour zum „Bear Glacier“ auf der anderen Seite des Berges gebucht. Weil ein in Erster Hilfe ausgebildeter Begleiter ausfiel, drohte das Abenteuer auszufallen. Rick bot sich als Helfer an – und rettete die Tour.

Alex Borgner mit einem Foto von 1992: Wo damals der Blick aufs Eis die Aussicht prägte, ist es heute grün.
Alex Borgner mit einem Foto von 1992: Wo damals der Blick aufs Eis die Aussicht prägte, ist es heute grün. Foto: Thomas Spang
 

Seitdem hat er sein Herz an die Gletscherwelt verloren. Zehn Jahre lange ließ er sich im Sommer beurlauben, um mit seinem Camper den Alaska-Highway hoch in das Hafenstädtchen Seward zu fahren. Dort arbeitete er erst für andere als Gletscherführer. Nach seiner Pensionierung schlug er Wurzeln und gründete sein eigenes Unternehmen.

Der schlohweiße Chef von „Adventure 60 North“, der sich in einem kunterbunten Häuschen an der Zufahrt zum Nationalpark niedergelassen hat, ist für Alex und die übrigen seiner 20 Angestellten so etwas wie ein Mentor. „Das ist meine Familie“, sagt der kauzige Rick, der seine Erfahrung mit den Gletschern gerne mit der nächsten Generation teilt. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass sich wegen des Klimawandels die Dinge dramatisch ändern. „Ich beobachte das seit langer Zeit“, sagt der wohl erfahrenste Gletscherführer Alaskas. „Und es beschleunigt sich“.

Die Gletscherschmelze beschleunigt sich, sagt Rick Brown.
Die Gletscherschmelze beschleunigt sich, sagt Rick Brown. Foto: Thomas Spang
 

Kürzlich fasste er den Entschluss, wegen der nicht mehr kalkulierbar gewordenen Risiken, keine Touristen mehr auf den „Bear Glacier“ zu bringen; dort wo er einmal angefangen hatte. „Die Gletscher kollabieren hier in einem rasanten Tempo“. Wie lange seine Führer noch auf den „Exit Glacier“ können, hängt von der Geschwindigkeit der Veränderungen dort ab.

Die Tierwelt verändert sich

Veränderungen beobachtet Rick auch in der Tierwelt. Vergangenes Jahr klagten die Fischer von Seward über den schlechten Lachsfang. Einige erklären das mit den Mineralien, die durch das Schmelzwasser in die „Resurrection Bucht“ gelangen. Robben verlieren Ruhestätten auf dem Eis, der Kurzschnabelalk seine Brutplätze. Und Rick weiß von mehr Bärenangriffen, weil die wegen steigender Temperaturen zu früh aus ihrem Winterschlaf zurückkehren.

Robben drängen sich auf einer kleinen Eisscholle.
Robben drängen sich auf einer kleinen Eisscholle. Foto: Thomas Spang
 

„Wenn wir nicht sehr bald etwas tun, wird es all das nicht mehr geben“, schlägt Rick Alarm, der einst Feuer im Herzen des Kohlereviers von Kentucky bekämpfte und heute für den Erhalt der Gletscher von Alaska streitet. Die Politiker in Washington sollten nicht nur mit Akademikern sprechen, sondern mit Leuten, die, wie er, den Klimawandel als Alltag erlebten. „Sie müssen nur ihre Augen und Ohren aufmachen, und werden dann schon zu ihren eigenen Einschätzungen gelangen.“

Ein wenig Nachhilfe gibt es im Besucherzentrum des Kenai Nationalparks. Dort steht ein Modell des nach dem ehemaligen US-Präsidenten Warren Harding benannten Eisfelds in den Kenai-Bergen von Alaska. Dieses gehört zu den vier geologischen Formationen der USA, die bis in die Eiszeit vor 20.000 Jahren zurückreichen. 

„Der Gletscher läuft uns davon“

Das Harding-Field speist die 40 Gletscher, die von ihm wie die Arme eines Tintenfischs abgehen, und bedeckt mit diesen zusammen eine Fläche von 1800 Quadrat-Kilometern mit Eis. Park-Rangerin Laura Vaydenova (24) vergleicht die Auswirkungen des Klimawandel mit einem Bankkonto. Der Schnee im Winter sei wie die Einzahlungen. „Wenn das Eis schneller schmilzt, als Schnee fällt, nimmt das Polster ab.“ Genau das passiere im großen Stil.

Laura Vaydenova.
Laura Vaydenova. Foto: Thomas Spang
 

Der Weg zum nächsten Aussichtspunkt des „Exit Glaciers“ vom Besucherzentrum wird von Jahr zu Jahr länger. Schilder markieren unterwegs, wie weit der einzig per Straße erreichbare Gletscher in Alaska einstmals reichte. Vor einem geräumigen Steinpavilion macht Laura Halt. Vor dreißig Jahren habe man von hier aus direkt auf das Eis geblickt, erklärt sie. Jetzt lässt sich durch die dichte Vegetation kaum mehr etwas erkennen.  

„Der Gletscher läuft uns davon“, beschreibt die Rangerin, wie die Verwaltung des Nationalparks nicht hinterherkommt, die Infrastruktur anzupassen. In den vergangenen 15 Jahren schrumpfte der „Exit Glacier“ um 3,4 Kilometer fast doppelt soviel wie in den 112 Jahren davor zusammen (1,8 Kilometer). Ob die mehr als 180.000 Besucher bei diesem Tempo künftig noch nahe an das Eis herankommen, bleibt unklar. Zurzeit überdenken die Ranger ihre Optionen.

Obama und Trump – zwei Welten

Unvergessen bleibt der Besuch Barack Obamas im Sommer 2015, der vor dem Pariser Klimaabkommen ein Zeichen setzen wollte. Laura fiel die Aufgabe zu, den Präsidenten auf einer Bootsfahrt in der Resurrection Bucht zu begleiten. „Das ist spektakulär“, sagte der sichtbar beeindruckte Obama. „Das müssen wir für unsere Enkel erhalten.“ 

Seitdem hat sich einiges verändert. Nachfolger Donald Trump stieg aus dem Klimaschutz-Vertrag aus, hob die strikten Obergrenze für fossile Kraftwerke auf und berief ausgewiesene Leugner des Klimawandels in Schlüsselpositionen seiner Regierung. Laura spricht als Bundesbeamtin aus gutem Grund nicht über Politik. Aber bei dem, was 97 Prozent aller Forscher sagen, lässt sie sich keinen Maulkorb verpassen. „Das Eis schmilzt und wir sprechen hier über diese Veränderungen.“

Dafür interessiert sich auch Carol Janzen vom „Alaska Ocean Observing System“. Das Gletschersterben habe Anteil an dem Anstieg der Meeresspiegel und Veränderungen der Wasserqualität. „Wir verlieren weltweit jedes Jahr 75 Giga-Tonnen an Eis, das sich als Schmelzwasser mit dem Meer vermischt.“ Die Erforschung der Konsequenzen für die Ozeane steht vor immer neuen Herausforderungen.

Wie gewaltig dieser Prozess ist, lässt sich kaum irgendwo besser beobachten als im „Northwestern Fjord“ unweit der Spitze der Kenai-Halbinsel. Der Weg dorthin führt durch das oftmals raue Meer des Golf von Alaska.

„Für Tage, wie diese, leben wir“, freut sich Kapitän Mike Boyce (45) über den strahlenden Sonnenschein und die meilenweite Fernsicht auf der vier Stunden langen Fahrt von Seward. Sofern es das Wetter zulässt, bringt Boyce in der hellen Jahreszeit täglich einige Dutzend Besucher an Bord der „Alaskan Explorer“ in den Fjord, in den drei Meeres-Gletscher aus dem Harding-Eisfeld münden. Unterwegs verlangsamt er die Fahrt, wenn Buckelwale aus dem Wasser auftauchen, Seelöwen sich auf Felseninseln sonnen oder Robben faul auf vorüber treibenden Eisschollen ruhen.

Kurz nach Mittag erreicht das Boot der „Kenai Fjord Tours“ die entlegene Förde, die nur bei ruhiger See zu erreichen ist. Je tiefer das Schiff hineinfährt, desto steiler steigen die Berge aus dem Wasser auf. Dann geht es nicht mehr weiter. Eine gewaltige Wand aus blauem Eis markiert das Ende des Fjords.

Wöchentliche Veränderungen im Eis

Kapitän Mike schaltet die Motoren herunter. Plötzlich bebt es und mit einem unheimlichen Urlaut kracht ein riesiges Stück Eis aus dem Gletscher ins Meer. „Oh mein Gott“, schreit eine Frau auf, andere klatschen wie nach einer Aufführung. Es fließen Tränen. Die „Alaskan Explorer“ bleibt lange genug, damit jeder in Ruhe ein Erinnerungsfoto machen kann.

Über Politik spricht der Bootsführer nicht. Denn schon so geht es oft hitzig genug her zwischen Gästen, die komplett überwältigt sind vom Klimawandel in Aktion und denen, die das große Schmelzen für „ganz normal“ halten.

Kapitän Mike Boyce erlebt die dramatischen Veränderungen am Gletscher.
Kapitän Mike Boyce erlebt die dramatischen Veränderungen am Gletscher. Foto: Thomas Spang
 

Dabei hat Kapitän Mike durchaus eine Meinung. „Der Einfluss der Menschen auf die Natur begeistert mich nicht gerade“, stellt er nüchtern fest. Er verfolgt das Schauspiel im Northwestern Fjord mit einer Mischung aus Überwältigung und Trauer. „Es wird konstant weniger“, sagt Mike, der die Veränderungen in Wochenfrist ausmachen kann. Auf dem Weg zurück nach Seward fährt er an einem Wasserfall vorbei, der erst seit kurzem ins Meer stürzt. „Alles Schmelzwasser aus dem Gletscher.“

Auch Bergführer Alex Bogner hat auf seinen Touren durch den „Exit Glacier“ am anderen Ende des Harding-Eisfeld immer wieder Besucher, die das Offenkundige abstreiten. „Da fehlt es oft an Bildung“, erklärt er das Verdrängen der Realitäten, die kaum irgendwo so erfahrbar sind, wie auf der Kenai Halbinsel von Alaska.

Als Donald Trump den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen erklärte, fühlte sich Alex, als hätte ihm gerade jemand in den Magen geschlagen. „Was macht er da“, fragte ich mich? „Klimawandel sollte kein parteiisches Anliegen sein, sondern eines, das angegangen werden muss.“

Wenn jemand dran zweifele, so Alex, nehme er ihn gerne auf den Gletscher mit. „So lange er noch da ist.“

Der „Exit Glacier“ am 20. Juli 2017.
Der „Exit Glacier“ am 20. Juli 2017. Foto: Thomas Spang
 
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